Stand: 06.11.2019 18:30 Uhr

Springer: Wohin steuert der Medienkonzern?

von Daniel Bouhs & Jon Mendrala

Nein, sagt Martin Jastorff, man müsse das, was bei Axel Springer gerade passiere, nicht alles gut finden - der Kurswechsel folge aber immerhin einer klaren Strategie. Jastorff war in den Neunziger Jahren selbst Manager bei Springer und an den ersten Digitalprojekten beteiligt. "Springer hat schon sehr früh den Weg zum digitalen Verlag eingeschlagen", sagt Jastorff, "und das auch sehr erfolgreich und sehr viel konsequenter als die meisten anderen deutschen Medienunternehmen." Es sei "insofern einfach sehr konsequent, sich von fast allen Print-Titeln zu trennen".

Straßenschild "Axel-Springer-Platz"

Springer: Wohin steuert der Medienkonzern?

ZAPP -

Nach dem Einstieg des Großinvestors KKR ist die Frage, mit welcher Strategie der Springer-Konzern in die Zukunft geht? Und vor allem: Welche Rolle spielt der Journalismus?

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Ex-Springer-Manager Martin Jastorff attestiert dem Konzern eine richtige Strategie.

Jastorff lehrt inzwischen Medienmanagement. Springer taugt dabei auch gerade dieser Tage als Beispiel. Der Konzern schichtet Millionen um, vom klassischen Geschäft ins Digitale, und sorgt damit in den Redaktionen für erhebliche Unruhe. Beispiel Hamburg, immerhin der einstige Konzernsitz: Bei "Bild" Hamburg, bei den Magazinen "Computerbild" und "Autobild" und vor allem auch bei der "Welt" müssen Journalistinnen und Journalisten derzeit um ihre Jobs bangen, ebenso wie viele ihrer Kolleginnen und Kollegen in den Newsrooms in Berlin, dem heutigen Hauptsitz.

Springer will weltweiter Marktführer werden, auch im digitalen Journalismus

Konkrete Ansagen stehen oft noch aus, klar ist aber bereits: die "Welt" wird an ihrem Traditionsort Hamburg künftig werktags nicht mehr mit einem Lokalteil erscheinen. "Das ist die Sorge um die Arbeitsplätze", sagt Stefan Endter, der für den Deutschen Journalisten-Verband in Hamburg mit dem Konzern verhandelt. Die Entwicklung sei aber auch "die Sorge um eine Zukunft der Produkte, für die Kolleginnen und Kollegen zum Teil seit Jahrzehnten engagiert arbeiten". Sogar betriebsbedingte Kündigungen seien nicht mehr ausgeschlossen, bedauert Endter.

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Stefan Endter verhandelt für den DJV in Hamburg mit Springer.

Der Springer-Konzern will erklärtermaßen 50 Millionen Euro im traditionellen Geschäft in Deutschland sparen. Gleichzeitig will er aber auch mehr als 100 Millionen Euro investieren - "vor allem in eine Live-Video-Strategie von BILD". Der Konzern spricht von einem "klaren strategischen Ziel": Er wolle der "weltweit führende Anbieter von digitalem Journalismus und digitalen Rubrikenangeboten werden". 2013 hat er seine Regionalzeitungen und viele Zeitschriften verkauft. Heute macht er drei von vier Euros mit Portalen etwa für Jobs und Immobilien in aller Welt.

"Nah an dem, was man aus dem Waffenhandel kennt"

"Vereinfacht gesagt bestehen diese Geschäfte ja aus einem Server, den man irgendwo hinstellt", erklärt Wirtschaftsjournalist Lutz Meier, der Springer schon für die "Financial Times Deutschland" beobachtet hat und das heute für "Capital" tut. Die Anzeigenportale seien eine praktische Sache: "Die Inserenten, die die Kleinanzeigen aufgeben, liefern den Content und gleichzeitig noch das Geld und die Reichweite. Was Besseres kann man eigentlich gar nicht machen", sagt Meier. Renditen lägen - vor Steuer - bei bis zu 50 Prozent. "So etwas gab es in den besten Zeiten des Verlagswesens nicht. Das ist schon nah an dem, was man aus Waffenhandel oder dergleichen kennt. Aber es ist natürlich trotzdem ein seriöses, legales Geschäft."

Dieses Geschäft lockt auch renditehungrige Investoren an: das US-Finanzhaus KKR will mit ungefähr drei Milliarden Euro einsteigen. Ein kanadischer Pensionsfonds allein setzt eine halbe Milliarde auf Springer. Fünf bis zehn Jahre will KKR nach eigenem Bekunden bei Springer bleiben. Wenn der Investor geht, will er natürlich viel Geld mitnehmen. Was das heißt, zeigte sich bei ProSiebenSat1. Als KKR dort beteiligt war, baute der Konzern viele Stellen im klassischen TV-Geschäft ab. Der Betriebsrat beschwerte sich per offenem Brief über einen "Erosionsprozess", bei dem "Man-Power, Know-how, Identifikation und Leistungsbereitschaft dauerhaft ausgehöhlt" würden.

Was wird in KKR-Zeiten aus dem Journalismus bei Springer?

Das Management von Axel Springer lehnte ein Interview mit ZAPP ab - man wolle warten, bis der KKR-Deal börsenrechtlich über die Bühne gegangen sei, was gegen Jahresende erwartet werde. "Axel Springer ist und bleibt ein journalistisches Haus", heißt es zumindest schriftlich. Mit KKR habe sich der Konzern einen "Partner" ausgesucht, der diese Strategie unterstütze und darin ein großes Potenzial sehe. KKR habe in Axel Springer "nicht trotz, sondern wegen des Journalismus investiert".

 

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Dieselbe Botschaft setzte auch eine KKR-Managerin ab. Franziska Kayser versprach Ende Oktober auf den Münchner Medientagen zudem, das "traditionelle Geschäft" werde "immer Teil des Unternehmens" bleiben. Mehr noch: "Wir unterstützen die 'Bild', die 'Welt'. Beides wird in der traditionellen Form so weitgeführt werden."

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Springer-Chef Mathias Döpfner will den Bestand von Titeln wie der "Welt" sichern.

Springer-Chef Mathias Döpfner und die Witwe Friede Springer haben sich das auch schriftlich zusichern lassen. Auf die Frage nach Bedingungen vor allem für die lange defizitäre "Welt" teilt der Konzern mit: "Die Vereinbarung mit KKR sieht einen großzügigen Ergebniskorridor vor, der faktisch einer Bestandsgarantie gleicht."

 

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"Renditen bis zu 50 Prozent" - Lutz Meier über die profitablen Geschäftsbereiche.

Für Springer-Beobachter Lutz Meier sind die angekündigten Millionen-Kürzungen im klassischen Geschäft "ein deutliches Signal": Der Journalismus - sogar bei der Geldmaschine "Bild"-Zeitung - habe "keine Narrenfreiheit" mehr. Meier glaubt zwar auch daran, dass der Journalist Döpfner allen beweisen wolle, wie erfolgreich Journalismus im Digitalen sei, etwa mit den Bezahlangeboten "Bild+" und "Welt+". Er wolle sicher auch publizistische Stimme sein und nicht nur irgendeinen Digital-Konzern betreiben. Gleichzeitig sei aber auch klar: "Gerade, wenn man von Investoren von außen abhängig ist: Die suchen nicht die Seele. Die suchen den Return on Investment."

Der Konzern betont wiederum, er habe auch im Ausland viele Redaktionen aufgebaut, darunter den EU-Informationsdienst "Politico" und das Wirtschaftsportal "Business Insider". Zuletzt habe Axel Springer 2.700 Redakteure beschäftigt, fast die Hälfte davon für Angebote außerhalb des deutschsprachigen Raums. Ob es im deutschen Geschäft nach den nun angelaufenen Maßnahmen mehr oder weniger Journalistinnen und Journalisten sein werden? "Das ist derzeit noch nicht absehbar."

 

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ZAPP | 06.11.2019 | 23:15 Uhr