Stand: 24.04.2018 19:40 Uhr

Sportjournalisten: Aus Enke nichts gelernt?

von Aimen Abdulaziz-Said

Mitte März erscheint im Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" ein Interview mit Fußballnationalspieler Per Mertesacker. Der 33-Jährige spricht in dem Artikel ungewöhnlich offen über den Druck im Fußballgeschäft: Die Anspannung vor Spielen sei kaum zu ertragen gewesen, erzählt Mertesacker. "Ich war kurz davor, alles hinzuschmeißen."

Per Mertesacker

Sportjournalisten: Aus Enke nichts gelernt?

ZAPP -

Haben Medien und Experten aus dem Fall Robert Enke nichts gelernt? Ex-Fußballer Per Mertesacker kritisiert den unmenschlichen Leistungsdruck - und erntet Häme.

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Viele Medien und Experten reagieren mit Unverständnis

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Offenbar immer obenauf: Lothar Matthäus.

Es kommt nicht oft vor, dass Fußballprofis in der Öffentlichkeit über Ängste und Schwächen reden. Wenn man sich die Reaktionen einzelner Medien auf den Mertesacker-Artikel anschaut, wird auch schnell klar, warum: "Ein Weltmeister von der traurigen Gestalt: Mertesacker jammert über Druck", schreibt etwa RTL. "Er hätte ja aufhören können, wenn der Druck so groß war", sagte Ex-Profi und Sky-Experte Lothar Matthäus.

Kritik für die Kritiker

Im Netz nehmen viele Fans Mertesacker in Schutz und erinnern an den Fall Robert Enke. Der frühere Torwart von Hannover 96 hatte sich 2009 das Leben genommen. Er litt an Depressionen. Die Fußball-Welt hielt kurz inne. Sportjournalisten versprachen, künftig sensibler über Themen wie Depressionen und Leistungsdruck im Profisport zu berichten. Nicht nur den Millionär, sondern auch den Menschen im Trikot zu sehen. Was ist aus diesem Versprechen geworden, fragen sich nun viele?

"Es ist natürlich, dass eine Debatte über Druck im Sport gerade im unmittelbaren Umfeld eines solchen Ereignisses extrem offensiv geführt wird", sagte der Sportchef der "Bild"-Gruppe, Matthias Brügelmann, im Interview mit ZAPP. "Und es ist auch natürlich, dass so ein Effekt dann über die Jahre mitunter etwas abnimmt, weil es das Thema aus dem Fokus verschwindet." Er sei jedoch überzeugt davon, dass eine bestimmte Härte in der Sportberichterstattung deutlich weniger geworden ist.

Nur zwei Wochen nach Enkes Tod: Eine 6 für die "Bild"

Robert Enke

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Beim HSV teilt man diese Auffassung nicht. "Wenn es einen konkreten Fall gibt, dann sind die Medien sensibilisiert", sagte HSV-Pressesprecher Till Müller zu ZAPP. "Dass im Alltag eine veränderte Berichterstattung stattfindet, was die Bewertung der Spieler in den Medien anbelangt, kann ich jetzt nicht feststellen." Das sieht auch Ex-Profi Marcell Jansen so: "Enke war für zwei Wochen ein Thema, danach ging es schon wieder fleißig los mit Beleidigungen und mit den Standardsprüchen."

Tatsächlich dauerte es nach Enkes Suizid gerade einmal zwei Monate, bis die "Bild"-Zeitung wieder in alte Muster verfiel: Das Blatt bezeichnete Enkes früheres Team Hannover 96 nach einer Niederlage als "rote Vollversager", jeder Spieler bekam die Note sechs, obwohl man vorher noch angekündigt hatte, weniger Sechsen zu verteilen. Matthias Brügelmann war damals schon für den Sport bei der "Bild" verantwortlich. Erinnern könne er sich aber nicht mehr. "Wenn es so war, dann war das eine sehr schlechte Entscheidung von uns."

HSV beklagt überharte Medien-Urteile

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Kann kein generelles Umdenken erkennen: HSV-Pressesprecher Till Müller.

Bis heute finden sich zahlreiche Negativbeispiele in der Fußballberichterstattung. Erst vor wenigen Wochen schrieb das "Hamburger Abendblatt" über einen 19-jährigen HSV-Spieler: "Führte sich auf dem Platz wie ein betrunkener Fahranfänger ein. Absteiger." Die "Bild" titelte am 9. März: "Die fünf größten HSV-Luschen auf dem Platz".

HSV-Sprecher Till Müller will kein Mitleid für seine Spieler. Öffentliche Kritik gehöre zum Dasein eines Fußballprofis dazu. Hin und wieder wünsche er sich aber ein wenig mehr Verständnis von den Medien: "Was die Journalisten nicht wissen, ist: Wie fühlt sich das eigentlich an? Da würde ich mir manchmal wünschen, dass sie sich vor der Veröffentlichung ihrer Artikel noch einmal überlegen, wie sich das eigentlich anfühlen würde, wenn das jemand über sie in der Öffentlichkeit schreiben würde."

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Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 25.04.2018 | 23:20 Uhr