Stand: 20.08.2019 16:55 Uhr

"Spiekerooger Inselbote": Die Ein-Mann-Redaktion

von Nils Altland
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Herausgeber, Chefredakteur, Reporter, Zeitungsausträger - Hartmut Brings ist alles in einer Person. Er ist der "Spiekerooger Inselbote".

Auf Spiekeroog wohnen nur rund 800 Einwohner. Es gibt keine Autos, keinen Flughafen - aber auf der ostfriesischen Insel gibt es eine eigene, unabhängige Zeitung: der "Spiekerooger Inselbote". Wenn Post und Gezeiten mitspielen, kommt die frisch gedruckte Ausgabe im Sommer jeden Donnerstag per Krabbenkutter geliefert. Hartmut Brings wartet dann am Pier, nimmt die Zeitungen entgegen und schwingt sich auf sein Fahrrad, um sie schnell unter die Leute zu bringen. Der Gründer und Chefredakteur wird dann auch zum Zeitungsausträger - eine Zeitung im Ein-Mann-Betrieb.

Schild der Redaktion Spiekerooger Inselbote

"Spiekerooger Inselbote": Die Ein-Mann-Redaktion

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Auf Spiekeroog leben weniger als 1.000 Menschen, doch auf der beschaulichen Ferieninsel gibt es eine eigene Zeitung: den "Spiekerooger Inselboten". Und die macht ein Schalke-Fan.

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Ruhrpottler gründete Inselzeitung

Der 54-jährige Bochumer wollte seinen Inselboten ursprünglich auf Baltrum gründen. Als Kind verbrachte er dort seine Sommerferien. Als der glühende Schalke-Fan dort ein Spielergebnis vom Vorabend nachlesen wollte, stellte er verärgert fest, dass die Postausgabe der Festlandzeitung dies noch nicht enthielt. Also beschloss er, eine eigene Inselzeitung zu gründen, mit stets aktuellen Fußballergebnissen. Später als Journalistik-Student bewarb er sich mit einigen Kommilitonen auf Baltrum um eine Förderung für eine tagesaktuelle Inselzeitung - auf Interesse stieß die Idee aber nur auf Spiekeroog. Aus dem Projekt in den Semesterferien wurde eine Lebensaufgabe: Hartmut Brings ist der Inselbote.

Die meisten Abonnenten sind Feriengäste

Auf Spiekeroog wohnen keine 1.000 Menschen. Wie lässt sich dort seit über 30 Jahren eine regelmäßig erscheinende Zeitung betreiben? Und das, nach eigener Aussage, ohne finanzielle Probleme? "Das Geheimnis ist ja, dass wir zwar auf den ersten Blick eine Lokalzeitung sind, in einem Dorf mit 750 Einwohnern. In Wirklichkeit sind unsere Leser aber überwiegend die Urlauber. Das funktioniert ja nur deswegen, weil Spiekeroog 90.000 Urlauber im Jahr hat. Wenn die nicht wären, würde sich das natürlich nicht rechnen", erklärt Brings. Viele der Stammgäste beziehen den Inselboten ganzjährig im Abo. Die meisten Leser hat das Blatt daher in Hannover, Hamburg oder Düsseldorf - auf der Insel selbst gibt es nur etwa 100 Abonnenten.  

Online first? Print only!

Der Inselbote erscheint nicht online, sondern nur als gedruckte Ausgabe: 20 Seiten, der Innenteil ist schwarz-weiß. Der Inhalt: Meist geht es um Tourismus und Immobilien, die wichtigsten Themen auf der Ferieninsel. Kontroverses steht hier neben dem Bericht vom letzten Kurkonzert. Kostenpunkt: € 2,50 auf der Insel, überall sonst kommt nach Porto dazu. Mit diesem stolzen Preis schafft es Brings, seine Zeitung zum Großteil aus Verkäufen zu finanzieren – nur ein kleiner Teil der Erlöse stammt aus dem Anzeigengeschäft. Eine kleine Besonderheit auf dem seit Jahren schrumpfenden Zeitungsmarkt.

Im Sommer wird die Redaktion aufgestockt

Im Sommer, wenn etwa fünfmal so viele Touristen wie Insulaner auf Spiekeroog sind, erscheint der Inselbote wöchentlich, doppelt so oft wie sonst. Dann holt sich Brings Verstärkung vom Festland. Diesen Sommer ist Carina Kopp als Reporterin für den Inselboten unterwegs. Hauptberuflich ist die Mainzerin Fernsehjournalistin beim SWR. Jetzt läuft sie täglich mit Stift und Papier über die Insel, trifft den Bürgermeister zum Hintergrundgespräch oder berichtet vom Beachvolleyballturnier. Die Termine ergeben sich oft spontan, erläutert sie: "Es passiert hier ganz viel auf Zuruf, Hörensagen, jeder kennt irgendwen, so kommt man zu vielen Geschichten." Das macht vieles leichter, unmittelbarer.

Kritische Berichterstattung schwieriger als in der Stadt

Doch für Hartmut Brings erleichtert das Leben in diesem Mikrokosmos nicht gerade das kritische Berichterstatten: "Der Unterschied zwischen einer Zeitung herausgeben auf einer Insel wie hier und in der großen Stadt ist, dass wenn einer schlecht in der Zeitung wegkommt, derjenige als erster die Zeitung in der Hand hält und mich natürlich sofort darauf anspricht." Lokaljournalismus auf der Nordseeinsel: nicht immer ein leichtes Spiel. Als einziges regionales Medium auf Spiekeroog trägt Hartmut Brings große Verantwortung, muss stets alle Seiten abdecken. Der "Inselbote" wird sich wohl noch so lange halten, wie Brings den Job macht.

Die große Nachfrage seiner Leserinnen und Leser jedenfalls gibt ihm Recht: Kaum ist er mit den druckfrischen Zeitungen im Fahrradanhänger vom Pier losgefahren, halten ihn zwei Urlauber an und kaufen ihm eine Ausgabe ab. Auch diese wird wohl schnell ausverkauft sein.  

 

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Auf Spiekeroog leben weniger als 1.000 Menschen, doch auf der beschaulichen Ferieninsel gibt eine eigene Zeitung: den "Spiekerooger Inselboten". extern

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ZAPP | 21.08.2019 | 22:50 Uhr