Stand: 21.07.2020 15:02 Uhr

Sommerinterview mit Jörg Meuthen: So besser nicht

von Sebastian Friedrich
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Hat nichts zu befürchten: Jörg Meuthen im Sommerinterview der ARD.

An der Vorbereitung kann es eigentlich nicht gelegen haben, dass das Sommerinterview des ARD-Hauptstadtstudios mit AfD Bundessprecher Jörg Meuthen nach hinten losging. In der ersten Hälfte des 25-minütigen Interviews zeigt Oliver Köhr insgesamt fünf von der Redaktion vorbereitete Film-Einspieler, um mit deren Hilfe dem AfD-Chef klare Aussagen zu Rechtsextremismus in der AfD zu entlocken. Dieses Thema lag auf der Hand, nachdem zuletzt der Verfassungsschutz Teile der AfD als rechtsextrem eingestuft hatte. Doch Meuthen kann alle kritischen Fragen mit Leichtigkeit parieren, vor allem weil Oliver Köhr es ihm denkbar einfach macht.

Köhr beißt sich die Zähne aus

Warum sich Köhr die Zähne ausbeißt, zeigt ein kurzer Schlagabtausch nach etwa einem Drittel des Interviews. Köhr spricht Meuthen auf die Einschätzung des Verfassungsschutzes an, wonach 7.000 AfD-Mitglieder Rechtsextreme seien. Meuthen wiegelt ab und behauptet allen Ernstes, es gebe in seiner Partei lediglich eine einstellige Zahl an Rechtsextremen. Köhr fasst hier nicht nach, sondern hält Meuthen vorbereitete Zitate von Parteikollegen vor, die allesamt bereits bekannt sind und zu denen sich der Politiker schon häufig verhalten musste.

Klüger wäre gewesen, den AfD-Chef zu einer eigenen Abgrenzung zu drängen. Wenn Meuthen nicht anerkennen will, was der Verfassungsschutz als rechtsextrem klassifiziert, wäre interessant zu erfahren, was Meuthen denn selbst für rechtsextrem hält. Ohne Klärung dieser argumentativen Grundannahmen bleibt die Frage nach den Rechtsextremisten scheinbar eine Ansichtssache.

Köhr konfrontiert Meuthen nicht mit eigenen Zitaten

Köhr macht es Meuthen zusätzlich leicht, weil er nur über Bande spielt, sein Gegenüber aber nicht mit dessen eigenen Aussagen konfrontiert. Köhr hält Meuthen ein Zitat des rechtsextremen AfD-Vorstands Andreas Kalbitz vor, in dem dieser davon spricht, irgendwann auf den Gräbern der 68er zu tanzen. Meuthen weiß spätestens jetzt, dass er in diesem Interview wohl nichts zu befürchten hat, schließlich war er es selbst, der zwei Monate zuvor in der Sendung "Maischberger" Kalbitz für diese Formulierung harsch kritisiert hatte. Mit ernster Miene beteuert Meuthen, dieses Zitat habe ihn damals auch hellhörig gemacht, seitdem schaue er bei Kalbitz genauer hin.

Das Zitat stammt bereits aus dem Jahr 2017, noch zwei Jahre später hat Meuthen das genaue Hinschauen offenbar nicht davon abgehalten, Kalbitz tatkräftig beim Wahlkampf in Brandenburg zu unterstützen und ihn dort als "harten Hund", als "Politprofi" mit "klaren Inhalten" zu loben.

Darauf hätte Köhr ihn ansprechen können - genau wie auf Meuthens eigenen, vom rechtsextremen "Flügel" gefeierten, Auftritt beim Bundesparteitag in Stuttgart im Jahr 2016, als Meuthen in der Eröffnungsrede unter großem Applaus vom linksrotgrün-verseuchten und versifften 68er Deutschland sprach. Meuthen hätte sich dann erklären müssen, ob er nicht doch eher langjähriger Unterstützer und Stichwortgeber der extrem Rechten in der AfD ist.

Lehrstück eines schlechten Interviews

So aber entsteht der Eindruck eines zunehmend nervösen Fragestellers, der sich an den vorbereiteten Fragen und Einspielern entlanghangelt, während ein selbstsicher parierender Jörg Meuthen die Punkte macht. Der Höhepunkt: Meuthen begibt sich in die Opferrolle, beschwert sich, es werde in dem Interview schon wieder ausschließlich auf dem Thema Rechtsextremismus rumgeritten. Prompt wechselt Köhr eine Frage später das Thema und hakt im Schnelldurchlauf Themen wie Corona, Maskenpflicht und Rente ab.

Das Sommerinterview mit Jörg Meuthen ist ein Lehrstück, wie man besser nicht mit einem AfD-Politiker spricht. Matthias Dell empfahl kurz nach der Ausstrahlung auf "Zeit Online", die Form des Sommerinterviews bis zur nächsten Saison noch einmal gründlich zu überdenken. Das zurecht häufig gelobte ZDF-Sommerinterview, das Thomas Walde mit Alexander Gauland vor zwei Jahren geführt hatte, zeigt aber, dass durch eine klare Interview-Taktik, eine gute inhaltliche Vorbereitung und aufmerksames Zuhören solche Gespräche auch anders verlaufen könnten. Nicht die Form ist hier das Problem. Es ist der Inhalt.

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ZAPP | 18.09.2019 | 23:20 Uhr