Sendedatum: 05.02.2020 23:20 Uhr

Semperopernball: Desaster in Dresden

von Inga Mathwig, Juliane Puttfarcken und Nils Altland
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In der Semperoper wurden schon viele Dramen aufgeführt. Ganz neu ins Programm gekommen ist der Skandal um die Verleihung des St.-Georgs-Ordens - es ist nicht der erste.

Am Freitag steigt der 15. Semperopernball in Dresden. Geplant als eine Inszenierung der Superlative: 2.500 Gäste im festlichen Opernhaus, bis zu 15.000 feiernde Besucher vor der Tür, viel Prominenz, Feuerwerk, Live-Musik, eine Gala mit Preisverleihung und der Ministerpräsident, der mit seiner Partnerin den Tanz eröffnet. Und der MDR überträgt das Spektakel live. Eigentlich sollte auch in diesem Jahr wie schon 2019 der Tanz im Vordergrund des Balles stehen. So hatte es sich der Veranstalter, der Verein Semperopernball e.V., ausgedacht. Doch seit Tagen fällt dieses Konstrukt Stück für Stück in sich zusammen: Der Auslöser ist die Verleihung des St.-Georgs-Ordens für Politik und Kultur an den ägyptischen Machthaber Abdel Fatah al-Sisi für seine Bemühungen als kultureller Brückenbauer.

Semperopernball: Desaster in Dresden

ZAPP -

Absagen von Promis, heftige Kritik: Die Verleihung des St.-Georgs-Ordens verkommt 2020 erneut wegen eines umstrittenen Preisträgers zu einem Drama.

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Moderatorinnen sagen Auftitt bei Preisverleihung ab

Dabei ist der ägyptische Präsident, 2013 durch einen Militärputsch an die Macht gekommen, eher bekannt für seine harte Hand gegen Oppositionelle und Kritiker. Amnesty International berichtet, in Ägypten seien "Folter und Misshandlungen an der Tagesordnung." Die Reaktionen kamen spät, aber geballt. Politik und Kultur kritisierten die Entscheidung. Ursprünglich sollte Judith Rakers den Ball in der Semperoper moderieren. Sie sagte ab.

Dann sagte auch einige Tage später die für sie eingesprungene Mareile Höppner ab. Wegen Hass und Anfeindungen im Netz gegen sie und ihr Kind. Wer jetzt neben Roland Kaiser moderieren soll, bleibt geheim - bis Freitagabend.

MDR hält an Übertragung fest

Ein Problem ist diese Entwicklung auch für die Medienpartner des Balls, die DDV-Mediengruppe, zu der die "Sächsische Zeitung" und die "Dresdner Morgenpost" gehören, und den MDR, der seit Wochen die Vorbereitungen begleitet. Auch hier gibt es harte Kritik am Vorgehen des Vereins, eine Distanzierung von der Preisvergabe und die Ankündigung, nach dem Ball die Zusammenarbeit "mit dem Ballverein kritisch auf den Prüfstand stellen" zu wollen. Der MDR will aber an der Übertragung festhalten - wegen der kulturellen Bedeutung und der Verbundenheit der Bevölkerung mit dem Ball. "Sie alle verbinden den Ball mit Weltoffenheit, Toleranz und Freiheit", so heißt es. Ein Interview wollen MDR und DDV nicht geben.

Nicht der erste Eklat um Preisverleihung

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Auch Russlands Präsident Wladimir Putin erhielt bereits den St.-Georgs-Orden. Auch damals gab es viel Kritik.

Inzwischen haben sich auch der Verein und sein Vorsitzender, der Kulturmanager Hans-Joachim Frey von der eigenen Preisvergabe distanziert. "Die Verleihung war ein Fehler", schrieb er in einer Stellungnahme. Doch das ist nicht der erste Eklat rund um den St.-Georgs-Orden: 2009 erhielt der russische Präsident Wladimir Putin die Auszeichnung. Auch hier gab es Kritik. Doch Putin kam nach Dresden zum Ball und erhielt die Auszeichnung. Dabei lud er Frey, wie dieser 2018 dem MDR berichtete, in sein Hotelzimmer ein. Fünf Jahre später wurde Frey Berater am Bolschoi-Theater in Moskau. Inzwischen ist er in Russland als Opernregisseur aktiv, leitet in Sotschi das "Sirius-Kultur-Zentrum", das neben Moskau und St. Petersburg zum größten Kulturzentrum Russlands aufgebaut werden soll. Und im vergangenen Jahr gab es in St. Petersburg einen Opernball. Veranstalter sind Frey und sein Ballverein, übertragen wird das Ganze vom MDR.

Preis wurde al-Sisi bereits im Januar überreicht

Al-Sisi kommt nicht nach Dresden. Eine Delegation des Opernballvereins flog Ende Januar nach Kairo und überreichte dort dem Ex-Feldmarschall den Orden - 18-karätiges Gold mit einem Rubin und zwei Brillanten, den der Machthaber auch nach der Distanzierung des Vereins behalten darf. In Kairo entsteht gerade ein großes Opernhaus. Auf dem Online-Portal Tag24 der Mediengruppe DDV wird Frey zitiert mit Überlegungen, vielleicht nicht zur Eröffnung, aber dann nach einer gewissen Zeit, "wenn die Technik eingespielt ist", dort einen Opernball durchzuführen. Allerdings nur als Berater. 

Viele Prominente sagen Preisverleihung ab

Währenddessen gehen in Dresden beim Ballverein weitere Absagen ein: Vier Tage vor dem Ball zog ein Preisträger die Reißleine. SAP-Gründer Dietmar Hopp erklärte öffentlich, er werde aus Angst vor Anfeindungen den St.-Georgs-Orden nicht annehmen und sagte seine Teilnahme am Ball ab. Ebenso wie sein Laudator, Ex-FC-Bayern Präsident Uli Hoeneß. Damit ist das Desaster endgültig perfekt. Wenn jetzt das Aushängeschild, die prominenten Gäste, wegbleiben, geht es an die Essenz des Balles. Der Verein um den Ball-Veranstalter Frey geht in die Offensive und sagt alle Preisverleihungen ab. Dieses geschehe "aus Respekt vor den vielen Diskussionen der letzten Tage und um in Ruhe über künftige Entscheidungen nachdenken zu können."  

MDR will retten, was zu retten ist

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Abdel Fatah al-Sisi wurde der Preis inzwischen aberkannt - der Druck von außen wurde offensichtlich zu groß.

Aber Ruhe will einfach nicht aufkommen. Nur einen Tag später gab der Opernballverein bekannt, Al-Sisi nun den Preis doch ganz aberkennen zu wollen. Diese Entscheidung sei nach einem Gespräch Freys mit Peter Maffay gefallen. Dieser bestreitet ein weiteres Highlight des Balles, den "Mitternachts-Act". Er hatte bereits nach Veröffentlichung der Preisvergabe laut Kritik geübt und die Entschuldigung für unzureichend gehalten. Zwar weiß man beim Veranstalter nach eigenen Worten noch nicht, wie das mit der Aberkennung gehen soll, doch es scheint offensichtlich, dass man in Dresden gerade alles versucht, um den Ball noch zu retten und die Schar der prominenten Gäste nicht weiter zu vergraulen.

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ZAPP | 05.02.2020 | 23:20 Uhr