Sendedatum: 09.01.2019 23:20 Uhr

Vorbild Schweden: Erfolgreiche digitale Tageszeitung

von Annette Leiterer
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Rot-Gelb-Grün: Die eigenen Benchmarks immer im Blick.

Bei der schwedische Tageszeitung "Svenska Dagbladet" hat man den eigenen Online-Erfolg stets im Blick: Der meist gelesene Artikel "Italien fährt den Haushalt gegen die Wand" ist in der letzten Minute ist 353 Mal angeklickt worden. Der Social Media Screen zeigt an, welche Artikel in sozialen Netzwerken geteilt werden. Und auch welcher Artikel hinter der Paywall am besten läuft hat man immer im Blick - genauso wie die meist gelesenen Artikel der letzten 24 Stunden.

Rutscht eine der Zahlen unter eine vorgesehene Benchmark springt die entsprechende Kategorie auf Gelb. Für die Redaktion heißt das: Achtung, Handlungsbedarf! Nina Kylén, Web-Redakteurin bei "Svenska Dagbladet", erläutert: "Ich schau mir die alle an und ich gucke auch darauf, wo wir auf Rot, Geld und Grün sind - und es ins Gelbe taucht, dann müssen wir etwas anpassen." Solche Boards gibt es in vielen Redaktionen. Aber Svenska Dagbladet ging noch weiter und änderte die redaktionelle Arbeit: Zum Beispiel: "Wir haben das Ziel von 50 Prozent Frauen in den Artikeln. Meistens haben wir da ein Problem: Männer interviewen Männer und Frauen interviewen Männer - wir arbeiten stark daran", so Kylén.

Das Svenska Dabladet setzt auf Algorithmen, um im Netz erfolgreich zu sein. © NDR

Schweden: Erfolgreiche digitale Tageszeitung

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Das Svenska Dabladet setzt auf Algorithmen, um im Netz erfolgreich zu sein. Obwohl es daran redaktionsintern auch Kritik gibt, ist das Konzept bislang sehr erfolgreich.

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Der Algorithmus entscheidet mit

Doch bei "Svenska Dagbladet" haben datengetriebene Entscheidungsprozesse noch viel größeren Einfluss auf die redaktionellen Abläufe: "Alle Mitglieder der Redaktion mussten verstehen, dass nicht sie es sind, die bestimmen, was am wichtigsten ist, sondern das tut ein Algorithmus", erklärt Chefredakteur Fredric Karén. In den meisten Redaktionen ist man stolz, dass man selbst entscheidet, was ganz nach oben aufs Titelblatt kommt, was an zweiter und an dritter Stelle steht. Das war also eine sehr große Veränderung."

Und das geht so: "Der Reporter schreibt einen Artikel, setzt eine Schlagzeile und findet Bilder, um die Geschichte zu illustrieren", so Karén. "Aber bevor der Newsdesk den Beitrag online stellt, muss der Redakteur vom Dienst ein paar Entscheidungen treffen: Punkte für den Nachrichtenwert, die Metadaten, und wie lange der Artikel wichtig bleibt. All das kombiniert gibt dem Artikel einen Wert, den der Algorithmus nutzt, um die Homepage zu bauen. Wenn der Artikel einen hohen Nachrichtenwert hat, steht er weiter oben, wenn er einen lange Verweildauer hat, wird er so platziert, dass er länger stehen bleiben kann."

Fredric Karén, Chefredakteur des "Svenska Dagbladet" in der Redaktion. © NDR

"Der Algorithmus bestimmt was wichtig ist"

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Fredric Karén, Chefredakteur beim "Svenska Dagbladet" erklärt im Gespräch mit ZAPP, dass nicht die Redaktion bestimmt, was am wichtigsten ist, sondern ein Algorithmus.

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Erfolgreiches Konzept mit weniger Personal

Als Karén 2013 Chef wurde, lag die Zeitung wirtschaftlich danieder. Dann entwickelte der Verlag mit Karén das neue System. Und die Zahlen im Netz steigerten sich von Jahr zu Jahr um mindestens 25 Prozent. Inzwischen haben sie hier 70.000 Online-Abonnenten und eine stabile Printauflage von rund 100.000. Die Mitarbeiter im Newsroom reduzierte Karén im selben Zeitraum von 160 auf 110.

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Sieht nicht alles positiv: Redakteurin Nina Kylèn.

Diejenigen, die bleiben durften, sind größtenteils vom Erfolg überzeugt. Aber nicht alle: "Manchmal denke ich, dass die Daten und Statistiken zu viel bestimmen über die Inhalte und das wir zu viel mit ihnen arbeiten - statt einfach den Fokus darauf zu legen, was wichtig ist", begründet Nina Kylèn ihre Zweifel. Die Leitung vom Svenska Dagbladet verteidigt dagegen das System - schließlich bestimme die Redaktion immer noch mit: "Wir haben viele Beispiele von Artikeln, die wir geschrieben und veröffentlicht haben, die nicht viel gelesen wurden. Wir fanden sie dennoch wichtig für unsere Marke für das Svenska Dagbladet und für einen Teil unserer Leser. Das Feuilleton zum Beispiel - Buchrezensionen", so Chefredakteur Fredric Karén.

Für jeden Titel ein eigener Algorithmus

Das Verlagshaus Schibstet hat unterschiedliche Algorithmen entwickelt. Für das boulevardeske Aftonbladet zum Beispiel einen anderen als für Svenska Dagbladet. Vorangetrieben hat die Entwicklung auch die Tatsache, dass das mobile Internet in Schweden seit Jahren fast überall verfügbar und günstig ist. Die Nutzer tragen von Anfang an weniger Kosten für die Übertragung und haben damit mehr Spielraum für Online-Bezahlmodelle.

Fredric Karén sieht darin ein Finanzierungsmodell: "Ich bin, zumindest was Skandinavien betrifft, recht hoffnungsvoll. Denn wir sehen, dass sehr viele bereit sind, für Journalismus zu zahlen, und ich glaube, alle Zeitungen in Schweden haben mittlerweile eine Paywall. Denn die meisten machen ihre Sache gut, und für die meisten läuft es auch ganz gut." Inzwischen arbeitet Svenska Dagbladet an einem personalisierten Online-Angebot. Zwar glaubt hier niemand, dass Technik allein alle Probleme löst, aber wo immer Technik helfen kann, wollen sie sie einsetzen.

 

Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 09.01.2019 | 23:20 Uhr