Stand: 06.09.2018 17:22 Uhr

"Radio Hamburg"-Mitarbeiter wollen mehr Geld

von Inga Mathwig

Es waren die Geschichten der anderen, die sie zum Handeln bewegten. Als Nina Wonerow von Kollegen hörte, dass diese am Ende des Monats manchmal gar nicht wüssten, wie sie die Miete zahlen sollen, war für sie "das Fass zum Überlaufen voll". Im Juli hat sie zusammen mit weiteren "Radio Hamburg"-Mitarbeitern eine Kampagne gestartet: Unter dem Titel "Wir sind Radio Hamburg" produzierten sie gemeinsam mit dem Deutschen Journalisten Verband (DJV) und der Gewerkschaft Ver.di ein emotionales Video. Darin prangern sie Missstände im Sender an, fordern bessere Arbeitsbedingungen und verlagen, zuallerst, einen Haustarifvertrag.

Drei Personen sitzen an einem Schreibtisch und schauen in einen Computerbildschirm

"Radio Hamburg"-Mitarbeiter wollen mehr Geld

ZAPP -

Zwar ist viel von der Krise des Journalismus zu lesen, doch einige Medien verdienen prächtig - oft auf Kosten der Mitarbeiter. Bei "Radio Hamburg" regt sich Widerstand.

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"Radio Hamburg" lehnt Tarfivertrag ab

Um diesen auszuhandeln, sitzt Nina Wonerow jetzt auch in der gemeinsamen Tarifkommission des DJV und Ver.di. Doch die Geschäftsführer Marzel Becker und Patrick Bernstein wollen nicht mit den Gewerkschaften sprechen. Einen Tarifvertrag lehnen sie strikt ab. "Bei 30 Mitarbeitern glauben wir daran, dass man im Betrieb auch Fragen des Gehalts gut lösen kann", so Bernstein. Es läge bereits seit Wochen ein Angebot vor: im Schnitt sechs Prozent mehr Gehalt für die Mitarbeiter. Nina Wonerow kontert: Das seien etwa 200 Euro mehr im Monat, es gäbe aber Leute, die verdienten umgerechnet rund 1.000 Euro weniger.

Sender widerspricht der Darstellung der Mitarbeiter

Die Verhandlungen liegen auf Eis. Stattdessen startete die Geschäftsführung Ende August eine Gegen-Kampagne: Neben der im Juli lancierten Gewerkschaftsseite wirsindradio.hamburg gibt es nun auch die Homepage wirsindradiohamburg.de. Darin zu finden ist ein "Fakten-Check", der die im Video genannten Argumente widerlegen soll. Doch die Zahlen widersprechen sich: Während die Geschäftsführung mit einem jährlichen Durchschnittsgehalt von 53.000 Euro brutto argumentiert, verdienen einige Mitarbeiter laut eigener Angabe nur rund 40.000 Euro im Jahr. Vor allem für Neueinsteiger seien die Gehälter niedrig.

Wird Gewinn zu Lasten der Angestellten optimiert?

Private Hörfunksender können sich beim Tarifverband Privater Rundfunk (TPR) tariflich organisieren. "Radio Hamburg" ist wie viele andere ausgetreten: Während es beim TPR zeitweise mehr als 20 Mitglieder gab, sind heute nur noch fünf private Sender übrig. "Radio Hamburg ist exemplarisch für die Entwicklung vieler Sender, sich den tariflichen Verpflichtungen zu entziehen und - das ohne wirtschaftliche Not", sagt Michael Endter, Geschäftsführer des Deutschen Journalisten Verbands (DJV). Der Jurist meint: "Offensichtlich will man den Gewinn zu Lasten der Angestellten optimieren."

"Radio Hamburg" höchst profitabel

Tatsächlich lässt sich bei dem lokalen Sender kaum von wirtschaftlicher Not sprechen. Im Gegenteil: Laut letzter vorliegender Bilanz von 2016 hat "Radio Hamburg" rund 5,7 Millionen Euro Überschuss erwirtschaftet. Es ist der erfolgreichste Sender des Landes - und unter den 15 erfolgreichsten Privatradios bundesweit, was sowohl Umsatz als auch Reichweite betrifft. Die Privatsender "Radio Schleswig Holstein" (RSH) und ffn (Niedersachsen) sind ebenfalls die landesweit erfolgreichsten - und zahlen laut DJV ebenfalls deutlich unter Tarif.

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Beschäftige schreiben Gesellschaftern

Pressemitteilung des DJV und Verdi an Radio Hamburg. Download (86 KB)

Die Tarifkommission will den Kampf um einen Tarifvertrag bei "Radio Hamburg" nicht aufgeben. Auf der Kampagnen-Webseite wurde heute ein offener Brief an die Gesellschafter veröffentlicht, dem eine klare Ansage vorangestellt wurde: "Die deutliche Mehrheit der 'Radio Hamburg'-Mitarbeiter kämpft weiter für eine gerechte Bezahlung (...)." Auch die Schlusszeilen dürften für Gesprächsstoff beim Radiopreis sorgen: "Wir beglückwünschen die Hörerinnen und Hörer, an die am Donnerstag 50.000 Euro verlost werden! Wir sagen aber deutlich: Wer 50.000 Euro verlosen kann, kann auch einen Tarifvertrag finanzieren!"

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Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 05.09.2018 | 23:20 Uhr