QAnon: Eine Recherche führt nach Berlin

Stand: 11.11.2020 17:44 Uhr

QAnon ist eine US-amerikanische Verschwörungserzählung, die immer mehr Anhänger gewinnt. Die Botschaften werden auch in Deutschland verbreitet. Nun haben die Investigativen von NDR, WDR und "SZ" einen Helfer der Bewegung in Berlin ausfindig gemacht.

von Caroline Schmidt

Als Investigativjournalist Sebastian Pittelkow am 09.11. in die Redaktion fährt, sind die Medien voll mit Bildern von der letzten Corona-Leugner-Demonstration in Leipzig. Fast 30.000 Menschen haben sich versammelt, darunter Rechtsextreme. Und mittendrin eine Flagge mit einem Q. Q wie QAnon.

Anhänger dieser Bewegung glauben an die große Weltverschwörung: Danach sollen einige wenige Mächtige im Geheimen alle Fäden ziehen, Kinder kidnappen und deren Blut trinken, um ewig jung zu bleiben. Eine abstruse Erzählung, aber mit gefährlichen rassistischen und antisemitischen Inhalten, die offenbar auch in Deutschland immer mehr Anhänger hat.

Telegram-Kanal wird zum Ausgangspunkt der Recherche

Sebastian Pittelkow, Investigativjournalist © NDR
Einem Helfer der QAnon Bewegung in Berlin kam das Investigativteam, zu dem auch Sebastian Pittelkow gehört, auf die Spur.

"Ganz gleich, wo wir hinsehen", sagt Pittelkow: "Im Sommer bei dem sogenannten Sturm auf den Reichstag sollen sie maßgeblich beteiligt gewesen sein. Und auch an den sogenannten großen Corona-Leugner-Demonstrationen nehmen QAnon-Anhänger teil." Im Netz hat der wichtigste deutsche Telegram-Kanal der Bewegung über 130.000 Follower. "Das klingt vielleicht erst mal nicht viel", sagt Pittelkow, "aber das ist eine Zahl, die uns erahnen lässt, in welche Richtung es geht."

Dieser Telegram-Kanal führt zu einer Person, die sich im Internet Resignation Anon nennt. Sie wird zum Ausgangspunkt einer Recherche der Investigativen von NDR, WDR und "SZ". "Wir haben von Desinformations-Spezialisten Hinweise bekommen auf die Identität eines der maßgeblichen deutschen QAnon-Akteure namens Resignation Anon", sagt Hannes Munzinger von der "Süddeutschen Zeitung".

Als sie sich dessen Internetseiten und Plattformen angesehen haben, stießen sie mit Hilfe einer schlichten Internetrecherche schnell auf seinen Klarnamen - und waren verblüfft. Hinter einem der wenigen Helfer von Q in der Welt steckte offenbar ein Programmierer aus Berlin.

Nachrichten werden durch rechte Influencer verbreitet

In Berlin versuchte Sebastian Pittelkow mit anderen Kollegen, den Programmierer zu kontaktieren. "Wir hatten natürlich tausend Fragen. Warum macht er bei dieser Bewegung mit? Und welche Rolle spielt er dort?" Bei dieser Recherche tauchten sie ein in die geheime Welt von Q., den seine Anhänger für einen Mitarbeiter der US-amerikanischen Regierung halten. Sein vermeintliches Geheimwissen versteckt er in Form von Botschaften ("Seid Ihr bereit, die Kontrolle über dieses Land Euch zurückzuholen?") in den Tiefen des Netzes, wo sie kaum einer findet.

Hier kommen Qs Helfer wie Resignation Anon ins Spiel. Sie haben "eine technische Brückenfunktion", so Pittelkow, "bauen Seiten, wo diese Botschaften einlaufen und praktischerweise gleich übersetzt werden." Verbreitet werden die Nachrichten dann durch rechte Influencer.

Geheimhaltung sieht anders aus

Katja Riedel, Investigativjournalistin © NDR
Den Auftritt von Resignation Anon in den Telegram-Gruppen untersucht die Investigativjournalistin Katja Riedel.

Katja Riedel beschäftigt sich im Rechercheteam mit dem Auftreten von Resignation Anon in den Telegram-Gruppen. Dort macht er anscheinend eine überraschende Entwicklung durch. Bislang sei er der Mann im Hintergrund gewesen, so Riedel, einer, der sammelt und übersetzt. Jetzt betone er plötzlich, dass er "schon seit zweieinhalb Jahren in dieser Szene aktiv" sei, "Gott und die Welt" kenne und "jetzt auch live streamen und ein Gesicht haben" möchte. Geheimhaltung sieht anders aus.

Als Pittelkow und seine Kollegen den Programmierer zu Hause endlich antreffen und ihn mit Hilfe der Gegensprechanlage kontrontieren, streitet der alles ab. Er sei nicht Resignation Anon. Doch im Netz postet genau dieser Resignation Anon jetzt ihre Anfragen. In einem der letzten Postings heißt es auf einmal, sie hätten ihn angerufen. Dabei hatten sie mit dem Programmierer telefoniert. Für die Rechercheure ein klares Indiz, dass es sich um ein und dieselbe Person handelt.

Berichten - oder nicht?

Ihr Beitrag läuft in den Tagesthemen, ein Artikel erscheint in der "Süddeutschen Zeitung". Nach der Veröffentlichung hat der wichtigste deutsche Telegram-Kanal von QAnon 7.000 Follower mehr. Die Investigativen hatten das befürchtet. Natürlich macht Berichterstattung eine solche Bewegung bekannt. Aber sollten sie deshalb nicht darüber berichten? "Wir haben lange diskutiert und uns am Ende aber für eine Veröffentlichung entschieden, denn die Menschen müssen doch wissen, was los ist in ihrem Land."

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