Stand: 20.03.2019 16:25 Uhr

Pressekarte: Wie die Türkei mit Journalisten spielt

von Oliver Mayer-Rüth

Dass die türkische Regierung mit freier Presse und Kritik am eigenen Handeln Probleme hat, ist bekannt. Dutzende Journalisten sitzen  in der Türkei wegen ihrer journalistischen Arbeit im Gefängnis. Doch es scheint, als würde die Regierung jetzt auch mit den akkreditierten ausländischen Journalisten und Korrespondenten härter ins Gericht gehen wollen.

Pressekarte in der Türkei © NDR

Pressekarte: Wie die Türkei mit Journalisten spielt

ZAPP -

Aus der Türkei zu berichten wird immer schwerer, Dutzende Journalisten sitzen dort wegen ihrer Arbeit im Gefängnis. Nun wurde auch internationalen Korrespondenten die Akkreditierung verwehrt.

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Deutlich wurde dieses exemplarisch am Quasi-Rauswurf dreier deutscher Journalisten: Thomas Seibert vom "Tagesspiegel", Jörg Brase vom ZDF und Halil Gülbeyaz vom NDR. Allen dreien hatte die türkische Regierung Anfang März die Verlängerung der für die Arbeit notwendigen Pressekarten verweigert. Gülbeyaz ist nicht ständig in der Türkei, Brase und Seibert mussten das Land am 10. März verlassen.

Arbeiten - und Leben - ist ohne Pressekarte unmöglich

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Mehr als 20 Jahre hat Thomas Seibert in der Türkei gelebt und gearbeitet. Doch dieses Jahr wurde dem Korrespondenten des "Tagesspiegel" die Verlängerung der Pressekarte verweigert.

Thomas Seibert hat über 20 Jahre in der Türkei gelebt und gearbeitet. Der freie Mitarbeiter und Korrespondent des "Tagesspiegel" kennt das Land und die Leute, hat die Verschärfungen der vergangenen Jahre begleitet. Doch mit seiner eigenen Ausweisung hat er nicht gerechnet. In Berlin erklärt er gegenüber ZAPP: "Ich musste innerhalb von zehn Tagen das Land verlassen. Ich habe gerade das Nötigste gepackt und raus. Nach so vielen Jahren, mehr als 20 Jahren in der Türkei fällt das natürlich schwer."

Viele Journalisten warten noch auf die Pressekarte

Seine Frau Susanne Güsten arbeitet ebenfalls für den "Tagesspiegel" in Istanbul. Sie ist vorerst geblieben - ihre Akkreditierung ist vor wenigen Tagen verlängert worden. Doch viele andere internationale Journalist*innen warten nach wie vor auf ihre Pressekarte, ohne die ein Arbeiten - und auch ein Leben - als Journalist*in in der Türkei inzwischen unmöglich ist. Das war früher noch anders gewesen. "Das eine hängt vom anderen ab. Ist die Akkreditierung abgelaufen, ist damit auch das Aufenthaltsrecht abgelaufen. Und wir befanden uns jetzt alle in der Situation, dass unsere Akkreditierung abgelaufen war. Man lebt also monatelang mit dem Bewusstsein, dass man jeden Moment aufgegriffen und in die Deportationszelle gesteckt werden kann", erklärt Susanne Güsten.

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Musste bis Mitte März auf die Verlängerung der Pressekarte warten: Susanne Güsten, ebenfalls für den "Tagesspiegel" in der Türkei.

Die ARD-Mitarbeiter haben ihre Pressekarten für 2019 seit dem 7. Januar. Wohl auch nur, weil sie vorher schriftlich wie mündlich bei den verantwortlichen Stellen darauf hingewiesen hatten, sie würden sonst das Land verlassen und von außerhalb über die Türkei berichten.

"Tagesspiegel" hält an Seibert fest

Auch die Redaktion des "Tagesspiegel" überlegt, wie Thomas Seibert seinen Job weitermachen kann. Denn er soll und will weiter über die Türkei berichten. Einem "Angebot" des Presseattaches der türkischen Botschaft in Berlin sei man, so Chefredakteur Lorenz Maroldt, nicht gefolgt: "Er kam dann mit dem vermeintlichen Angebot, wir könnten ja jemand anderen akkreditieren. Denn es ginge ja nicht gegen den "Tagesspiegel". Wir haben natürlich gesagt, dass wir uns darauf nicht einlassen können: Aus Gründen, die überhaupt niemand nachvollziehen kann, einen Wechsel vornehmen sollen. Und zum anderen, dass wir uns grundsätzlich nicht vorschreiben lassen, wer über was berichtet."

Wechselhafte Politik Ankaras

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Hinter dem Vorgehen gegen Journalisten steckt laut Medienberichten Fahrettin Altun, Kommunikationsdirektor des türkischen Staatspräsidenten Erdogan.

Hinter dem harschen Vorgehen gegen internationale Journalisten soll laut Medienberichten der neue Kommunikationsdirektor des türkischen Staatspräsidenten Erdogan, Fahrettin Altun, stecken. Das ARD-Studio versucht seit Monaten ihn für ein Interview zu gewinnen, das er aber bislang zumindest ausschlägt. Stattdessen wird kolportiert, im Falle Seibert habe ein eifriger Mitarbeiter dem neuen Direktor mitgeteilt, der Berliner Korrespondent schreibe für  die Nachrichtenplattform "Ahval". Diese gilt, einer regierungsnahen türkischen Zeitung nach, als Gülen-nahe und damit regierungsfeindlich. Thomas Seibert widerspricht und weist darauf hin, die Plattform habe ohne ihn zu fragen einen Text von ihm veröffentlicht. Die Ahval-Geschichte diene nur als Vorwand.

Jörg Brase konnte eine Woche später übrigens nach Istanbul zurückkehren - mit  einer neuen Pressekarte. Die Hintergründe für die Rückkehr sind unklar. Und so wenig Anhaltspunkte es gibt, warum er das Land verlassen musste, so wenig gibt es eine Erklärung von türkischer Seite, weshalb er jetzt wieder arbeiten darf. Das macht auch Thomas Seibert Hoffnung. Bei der wechselhaften Politik Ankaras scheint dieser Tage einfach vieles möglich.

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Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 20.03.2019 | 23:20 Uhr