Stand: 25.04.2018 19:01 Uhr

Perfekte Symbiose: Schönheits-Doc im Privat-TV

von Sebastian Asmus
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Screenshot eines Instagram-Posting von Dr. Atila, in dem die Brustoperation seiner Promi-Patientin Gina-Lisa Lohfink ("Dschungelcamp") erläutert. Aufklärung oder Werbung?

Schönheits-Operationen sind in den Casting- und Reality-Shows der Fernseh-Sender besonders unter den weiblichen Teilnehmerinnen durchaus verbreitet. Vom "Dschungelcamp" über "Deutschland sucht den Superstar" bis hin zu "Der Bachelor" oder "Adam sucht Eva" - in kaum einer Staffel war noch nie ein Kandidat oder eine Kandidatin beim Schönheits-Chirurgen. Und das oft möglichst öffentlichkeitswirksam, denn alle daran Beteiligten - Promi-Patientin, Schönheits-Chirurg und die berichtenden Medien - können davon profitieren.

Ein TV-Team im OP-Saal

Perfekte Symbiose: Schönheits-Doc im Privat-TV

ZAPP -

Schönheits-OPs von TV-Show-Teilnehmerinnen werden regelmäßig vom Boulevard begleitet. Ein bestimmter Chirurg taucht häufig auf. Wer profitiert von der Zusammenarbeit?

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Win-Win-Win-Situation?

Wie das funktioniert, weiß Eva Baumann. Die Professorin am Institut für Journalistik und Kommunikationsforschung in Hannover beschäftigt sich seit Jahren mit solchen Zusammenhängen: "Für die Teilnehmerinnen von Casting-Shows schafft das Publicity, schafft es Aufmerksamkeit. Sie tun Dinge, die Nachrichten wert sind, sonst würde nicht in Magazinen über sie berichtet. Für den plastischen Chirurgen hat das den Zweck, seine eigenen medizinischen Leistungen erfolgreich zu verkaufen, sich als Experte in der Öffentlichkeit sichtbar zu machen. Und den Medien-Produzenten, die Reality-TV-Shows produzieren, verschafft es eine breitere Aufmerksamkeit für ihre Show."

RTL begleitet OPs einer Show-Kandidatin

Die Berlinerin Melody Haase steht beispielhaft für dieses Phänomen. Sie war bei "Deutschland sucht den Superstar" bei RTL. Nach ihrem Ausscheiden dort hat die 24-Jährige fünf Schönheits-Operationen machen lassen. Eine davon war ein "Brazilian-Butt-Lift". Bei dieser Operation wird Fett aus den Hüften und den Oberschenkeln abgesaugt und dieses in das Gesäß injiziert und damit ein besonders großer und praller Po geformt. Danach war sie Kandidatin bei RTLs "Adam sucht Eva". RTL hat zudem  in der Sendung "Exclusiv" über ihre Po-OP berichtet. Das Kamera-Team durfte im Operationsraum filmen. Nach der Operation informiert Melody Haase die RTL-Zuschauer, dass sie super zufrieden sei und es jederzeit wieder machen würde. Ihr Lob geht an den behandelnden Arzt: Dr. Mehmet Atila.

Ein Chirurg taucht häufig auf

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Instagram-Posting von Dr. Atila. Er erklärt einem RTL-Kamerateam im Operationssaal die "Innovation in der Brustchirurgie" - das Posting endet mit dem Hinweis "Coming soon ... on TV".

Chirurg Atila zählt eine ganze Reihe Teilnehmerinnen von Casting- und Reality-Shows zu seinen Patientinnen: Gina-Lisa Lohfink, Giuliana Farfalla und Kattia Vides aus dem RTL-Dschungelcamp. Vides war zudem bei "Der Bachelor". Ebenso wie Viola Kraus, die sich von Dr. Atila die Brüste vergrößern ließ. Anita Latifi und Linda Teodosiu waren bei "Deutschland sucht den Superstar" - und ebenfalls bei Dr. Atila zur Brustvergrößerung. Neele Bronst war bei "Germanys next Topmodel" und ließ sich bei Dr. Atila die Lippen aufspritzen. Die Operationen und die Ergebnisse veröffentlicht Dr. Atila auf seiner Website und auf Instagram. Wenn RTL aus seinem OP berichtet, dann postet Dr. Atila den Bericht dort. Bei 57 Tausend Abonnenten auf Instagram entfaltet sich darüber eine beachtliche mediale Öffentlichkeit.

Verstoß gegen das Heilmittelwerbegesetz?

Dass Dr. Atila die TV-Berichterstattung über seine Casting-Patientinnen seinerseits öffentlich macht, ist nicht unproblematisch: Eventuell umgeht der Arzt damit, dass er Berichte auf seiner Webseite postet, das für Ärzte und damit auch Schönheitschirurgen geltende Verbot von Vorher-Nachher-Bildern im Heilmittelwerbegesetz (HWG). Es gilt für Eingriffe, die nicht medizinisch notwendig sind und soll verhindern, dass sich Menschen ohne medizinische Notwendigkeit den Risiken eines Eingriffs aussetzen, weil ihnen ein bestimmtes Ergebnis suggeriert wird. Für die Presse gilt dieses Verbot nicht. Und so werden häufig Bilder vor der OP neben Bilder nach der OP gestellt und Vergleiche gezogen. So auch beim RTL-Beitrag über die Po-OP von Melody Haase, der bei Dr. Atila auf der Seite steht.

Anwalt sieht "keinen Verstoß" gegen das HWG

Dr. Atilas Anwalt schreibt ZAPP dazu: "Mein Mandant hält sich bei seiner ärztlichen Tätigkeit vollständig an alle für ihn und seine Tätigkeit einschlägigen gesetzlichen Bestimmungen einschließlich des Heilmittelwerbegesetzes. (...) Das HWG findet indes keine Anwendung auf seine Patientinnen und Patienten. Soweit diese Behandlungen meines Mandanten medial begleiten lassen und auf diese Weise ihr Zustand vor und nach einem Eingriff optisch dokumentiert wird, stellt dieses keinen Verstoß meines Mandanten wegen des HWG dar."

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Prof. Riccardo Giunta ("Deutsche Gesellschaft für Plastische, Rekonstruktive und Ästhetische Chirurgie") sieht die im TV ausgestrahlten Berichte über Schönheits-OPs kritisch.
Ärtzekammer Nordrhein sieht "Grenzfall"

Für die von ZAPP angefragte Ärztekammer Nordrhein stellt dieser Fall einen "Grenzfall" dar. So wie Kritiker generell bei dieser Art Promi-Berichterstattung mahnen, dass das gesundheitliche Risiko eines solchen Eingriffs nicht genug gewürdigt wird. Auch der größte deutsche Verband der plastischen Chirurgen ("Deutsche Gesellschaft für Plastische, Rekonstruktive und Ästhetische Chirurgie") sieht deshalb die Berichterstattung grundsätzlich und die Verbreitung der Beiträge durch Ärzte kritisch. "Wir haben natürlich eine gewisse Verantwortung zu informieren, aber hier haben wir doch meistens den Zwiespalt zwischen sachlicher Information und Unterhaltung, eigentlich ganz eindeutig auf der Seite der Unterhaltung", erläutert Verbandspräsident Prof. Riccardo Giunta und ergänzt, "dass die medizinisch-sachliche Information in den allermeisten Fällen völlig im Hintergrund ist."

Dr. Mehmet Atila sieht das anders und betont in einer Pressemitteilung: "Alle Patienten profitieren von bekannten Persönlichkeiten, die ehrlich über ihre Eingriffe sprechen, weil sie  so zusätzliche Informationen erhalten und ein stetiger Dialog von Patient zu Patient stattfindet."

Dr Atila wird demnächst auch selbst wieder als Arzt im Privatfernsehen unterwegs sein: Seit Anfang des Jahres gehört er zum Team in "Die Beautyretter" auf Pro 7.

Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 25.04.2018 | 23:20 Uhr