Stand: 31.08.2016 19:00 Uhr

Parteiischer Lokaljournalist? Wirbel um E-Mail

von Daniel Schmidthäussler
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Der Albtraum aller E-Mail-Nutzer ist einem Journalisten passiert: Er hat eine Mail an den falschen Empfänger geschickt.

In der Samtgemeinde Bersenbrück (Landkreis Osnabrück) stehen am 11. September Kommunalwahlen an. Politiker und Parteien werben vor Wahlen immer für ihre Projekte und versuchen, sie in den Medien zu platzieren. So auch in Bersenbrück: Die CDU schickte dem Redakteur des "Bersenbrücker Kreisblatts" jüngst eine Pressemitteilung, darin Ideen für die Entwicklung des Bahnhofsgeländes im Ort Ankum. Es soll ein Dienstleistungszentrum entstehen. Die SPD und die Mehrheit der Gemeinderatsmitglieder würden die Bahnstrecke hingegen gerne touristisch erschließen.

Schaukästen vor dem Gebäude des Bersenbrücker Kreisblattes

Lokaljournalist ohne Distanz? Wirbel um Mail

ZAPP -

Eine fehlgeleitete Mail sorgt vor der Wahl in Bersenbrück für Diskussionen um Nähe und Distanz im Lokaljournalismus. Dabei gibt es unterschiedliche Ansichten - und Konsequenzen.

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Redakteur kontakiert politische Konkurrenz

Der Redakteur des "Bersenbrücker Kreisblatts", der die Pressemitteilung bekommt, geht damit allerdings alles andere als neutral um. Er will sie der politischen Konkurrenz, dem SPD-Bürgermeister der Samtgemeinde, Horst Baier, weiterleiten, versehen mit folgendem Text:

Hallo Horst,
darauf musst du nicht unbedingt antworten, das bereite ich schon entlang dem ursprüngliche Artikel auf. Wir hätten schon längst was zur "touristischen Nutzung" der Eisenbahn machen sollen. Hat die Gesellschafterversammlung nicht einen Beschluss gefasst? Wie wäre ein Treffen mit dir, (...) an Ort und Stelle? Nur Bezug zur Eisenbahn, nicht zum CDU-Vorschlag. Bin noch bis Mittwoch im Lande, danach müsste ich einen Freien beauftragen.

Missgeschick bringt Mail an Öffentlichkeit

Von all dem erfährt die CDU durch ein Versehen des Redakteurs: Statt auf Weiterleiten drückte der auf Antworten. Und so kam sie zurück zur CDU. Für Martin Bäumer, Vorsitzender der CDU-Kreistagsfraktion und Mitglied des niedersächsischen Landtags, ist die Sache klar: "Im Grunde hat man es schon häufiger mal vermutet, sag ich mal. Ohne es beweisen zu können, dass solche Dinge passieren, schien da auch und in der Vergangenheit zwischen einzelnen Redakteuren manchmal eine etwas bessere Zusammenarbeit zu geben mit bestimmten Gruppen als mit anderen. Hier in diesem Einzelfall erweckt das schon den Eindruck, als wenn die Vermutungen, die man hat, richtig sind."

Bürgermeister findet Vorgang nicht verwerflich

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Was soll mit dem Bahnhofsgelände passieren? Es gibt verschiedene Ideen.

Samtbürgermeister Horst Baier (SPD) kann dagegen an der Mail nichts Verwerfliches finden. Eine Anrede wie "Hallo Horst" sei so üblich, sagt er: "Die Mail wirkt aus meiner Sicht wie ein arbeitsmäßiger Umgang miteinander. Also ein Redakteur stellt eine Frage, ob er sich nochmal melden kann zum Thema touristische Entwicklung des Bahnhofs. Und insofern ist das aus meiner Sicht nichts Besonderes."

"Neuen Osnabrücker Zeitung" zieht Kosequenzen

Das sieht vor allem der zuständige Chefredakteur anders: "Ich habe gedacht, das kann doch nicht wahr sein!", so Ralf Geisenhanslüke von der "Neuen Osnabrücker Zeitung" (NOZ). Für ihn geht es auch um die Glaubwürdigkeit des Berufs des Lokaljournalisten: "Er muss ehrlich sein, er muss eine Haltung haben, er muss die Dinge wertschätzen, die eben im Lokalen passieren. Und er darf sich nicht vereinnahmen lassen, nicht gemein machen mit den Dingen, die dort passieren, weil es halt Vorteile gibt, weil es halt angenehmer ist."

Die NOZ überlegt jetzt, mit Schulungen ihre Mitarbeiter vor Ort für die Probleme zu sensibilisieren. Und ob es auf Dauer auch sinnvoll ist, Redakteure durchzuwechseln.

Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 31.08.2016 | 23:20 Uhr