Stand: 22.01.2019 18:15 Uhr

"Paradise Papers": Haft für türkische Journalistin

von Oliver Mayer-Rüth

"Die Nachricht selbst kann richtig sein. Trotzdem kann man in der Türkei wegen übler Nachrede bestraft werden" - genau das ist Pelin Ünker passiert. Anfang Januar wurde die Journalistin in Istanbul zu etwas mehr als einem Jahr Haft verurteilt - wegen "übler Nachrede".

Paradiese Papers-Recherche in der Türkei © NDR

"Paradise Papers": Haft für türkische Journalistin

ZAPP -

Ein Jahr Gefängnis wegen "übler Nachrede"? Dabei hatte Pelin Ünker über die Söhne des ehem. türkischen Ministerpräsidenten und deren Rolle in den "Paradise Papers" berichtet.

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Geklagt hatten Binali Yildirim, ehemaliger türkischer Ministerpräsident, heutiger Parlamentspräsident und Kandidat für das Amt des Bürgermeisters von Istanbul, und dessen beide Söhne. Dabei hat Ünker keine Unwahrheiten verbreitet, alles richtig recherchiert: 2017 arbeitete sie als Wirtschaftsjournalistin bei der türkischen Tageszeitung "Cumhuriyet". So kam sie zu dem Auftrag, mit einer Gruppe internationaler Journalisten die sogenannten "Paradise Papers" auszuwerten.

Verbindungen zu "Paradiese Papers": Söhne des türkischen Parlamentspräsidenten

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"Yildirims Söhne nutzen die Möglichkeit Steuern zu sparen": Bei ihren Recherchen stieß Pelin Ünker auf deren Namen.

In diesen Dokumenten stehen unter anderem Namen von Politikern aus der ganzen Welt, die Briefkastenfirmen auf der als Steueroase geltenden Insel Malta haben. Ünker stieß dort auf die Namen von Yildirims Söhnen. "In der Türkei und der ganzen Welt wird diskutiert, ob es in Ordnung ist Steueroasen zu nutzen", erklärt sie. "Eigentlich ist es nicht illegal, aber wenn die Söhne eines Ministerpräsidenten mit dabei sind, dann geht das alle etwas an. Die Menschen bezahlen hier hohe Steuern. Seine Söhne aber nutzen die Möglichkeit Steuern zu sparen."

Ünkers umfassender Bericht in der "Cumhuriyet" ließ den damaligen Ministerpräsidenten Binali Yildirim offenbar aufschrecken. Er reagierte öffentlich: "Indem sie auch mein Foto gedruckt haben, wird versucht eine Stimmung aufzubauen, als ob ich hier ein Ding drehen würden. Niemand sollte verdächtigt werden. Jemanden so darzustellen als ob er etwas falsches machen würde, kann nicht akzeptiert werden."

"Ich verstehe diese Angst"

Für ihre Berichterstattung wurde Pelin Ünker in der Türkei mit Preisen für hervorragenden investigativen Journalismus ausgezeichnet. Doch seit die Yildirims gegen Ünker einen Prozess angestrengt haben, sind auch regierungsunabhängige Medien wie das Nachrichtenportal T24 vorsichtig, die Journalistin zu beschäftigen.

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Versteht die Angst einiger Kollegen, Pelin Ünker bei T24 einzustellen: Aydin Engin. Er war während der "Paradise Papers" kommissarischer Chefredakteur der "Cumhuriyet".

Aydin Engin spricht von Selbstzensur. Er war zum Zeitpunkt der Veröffentlichung der "Paradise Papers" kommissarischer Chefredakteur der "Cumhuriyet". "Wir haben absichtlich Pelin Ünker gewählt für diese Arbeit, weil sie nicht nur Englisch sprechen kann, sondern auch, weil sie wirklich eine gute Journalistin ist."

Urteil als Warnung gegen andere Journalisten

Ende März finden in der Türkei Kommunalwahlen statt, Binali Yildirim will Bürgermeister von Istanbul werden. Das Urteil gegen Ünker könnte auch eine Warnung an türkische Journalisten sein, sich vor den Wahlen zurückzuhalten, vermutet sie: "Wenn ihr so etwas schreibt, dann bekommt ihr die Rechnung. Passt auf. So etwas kann dann passieren. So interpretiere ich das. Man will es vielleicht verhindern, dass andere derzeit ähnliche Nachrichten produzieren."

Gegen das Urteil will Pelin Ünker in Berufung gehen. Doch am 21. Februar steht ihr erst mal eine weitere Verhandlung bevor: Auch der Schwiegersohn des ehem. türkischen Staatspräsidenten hat die Journalistin nach einer Veröffentlichung auf Basis der "Paradise Papers" wegen übler Nachrede angezeigt.

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Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 23.01.2019 | 23:20 Uhr