Stand: 07.03.2018 18:06 Uhr

Ohne Skrupel: "Bild Plus" ködert mit Gewalt

von Sabine Schaper und Sophia Stritzel
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Die "Bild" vom 03.03.2018 titelt mit "Scharia-Gericht im Kinderzimmer". Online bot die "Bild" das dazugehörige Video hinter seiner Bezahlschranke an.

Das Video, das am Sonnabend bei "Bild.de" zu sehen war, dokumentiert den Moment nach einem versuchten Mord im schwäbischen Laupheim. Ein Mädchen fleht 15 Sekunden lang um Hilfe, während einer ihrer Brüder Zigarette rauchend sagt, er genieße es, ihr beim Sterben zuzusehen. Zuvor soll die 17-Jährige mit einem Messer attackiert worden sein, weil sie sich in einen anderen Mann verliebt hat, nach Scharia-Recht aber bereits verheiratet ist.

Über den Rücken einer Frau hinweg zeigt die Kamera auf einen Laptop-Bildschirm, der die Titelseite von Bild.de aufgerufen hat.

Ohne Skrupel: "Bild Plus" ködert mit Gewalt

ZAPP -

"Bild.de" zeigte ein Video, in dem ein Mädchen nach einer Messerattacke um ihr Leben fleht. Das allein ist schon kritikwürdig, doch damit nicht genug - es diente auch als Abo-Köder.

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Beschwerden beim Presserat eingegangen

"Bild" zeigte das Video ausschließlich für Digitalabonnenten hinter der Bezahlschranke von "Bild Plus" und warb mit dessen Exklusivität. Wer es sehen wollte, musste zahlen. Die Ausschnitte, in denen das Mädchen zu sehen war, hatte "Bild.de" zwar geschwärzt. Der Originalton sowie Bilder des Bruders waren allerdings offen zu sehen und zu hören. Nicht nur etliche Facebook-Nutzer beschwerten sich über den "billigen Sensationsjournalismus", auch beim Presserat sind bisher sieben Beschwerden eingegangen. "Ich finde, sowohl dem Mädchen gegenüber ist es sehr würdelos, sie so zu zeigen oder sie zumindest so hören zu lassen. Und dann kommt natürlich auch noch die Verantwortung gegenüber der Leserschaft, die eine Redaktion ebenfalls hat", sagt Moritz Tschermak vom "Bild"-kritischen "Bildblog". "Auch da, finde ich, hat 'Bild.de' einige grundlegende Maßstäbe von verantwortungsvollem Journalismus definitiv missachtet."

"Bild" entfernte Video nach Bitte der Staatsanwaltschaft

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Staatsanwalt Jan Holzner sieht die Veröffentlichung des Videos kritisch - nicht nur aus Opferschutzgründen.

Nach einigen Stunden entfernte "Bild.de" das Video dann, nach eigenen Angaben auf Drängen der ermittelnden Staatsanwaltschaft. "Zum einen geht es um Persönlichkeitsrechte, insbesondere der geschädigten 17-Jährigen. Ich denke, dass sie genug erlebt hat und jetzt nicht auch noch dadurch quasi nachträglich Schaden erleiden sollte, dass dieses Video von der Tat im Netzt kursiert - das ist das Eine", sagt Staatsanwalt Jan Holzner. Außerdem handele es sich um ein entscheidendes Beweismittel in einem laufenden Verfahren.

ZAPP hat "Bild" nach den Gründen für die Veröffentlichung des Videos gefragt. Die schriftliche Antwort: "Der versuchte Scharia-Ehrenmord an dem Flüchtlingsmädchen durch Mitglieder der eigenen Familie ist journalistisch relevant und von elementarem öffentlichem Interesse und wird von dem durch die Täterfamilie erstellten Video selbst dokumentiert."

Veröffentlichtung könnte Täter nützen - und strafmildernd wirken

Allerdings könnte sich eine solche Berichterstattung, die Veröffentlichung eines Tatvideos, sogar zugunsten des Täters auswirken, sagt Staatsanwalt Jan Holzner: "Wenn die Persönlichkeitsrechte eines Täters verletzt werden, wenn es sozusagen eine Art Prangerwirkung gibt - das heißt, er wird im Vorfeld einer möglicherweise stattfindenden Hauptverhandlung schon öffentlich diskreditiert -, dann sind das natürlich negative Auswirkungen für einen Beschuldigten. Und diese negativen Auswirkungen, die ein Beschuldigter erleidet, müssten gegebenenfalls im Rahmen eines Strafverfahrens strafmildernd berücksichtigt werden."

Inwiefern die Veröffentlichung justiziabel ist, weil sie Persönlichkeitsrechte von Opfer und mutmaßlichen Tätern verletzt, kann nur eine Klage klären - es handelt sich um sogenannte Antragsdelikte. Doch dass das schwerverletzte, 17-jährige Opfer derzeit wohl kaum in der Lage ist, sich gegen diese Art der Berichterstattung zu wehren, dürfte außer Frage stehen.

Statement von "Bild"

ZAPP hat "Bild" zu dem Vorgang um ein Statement gebeten, hier die komplette Antwort:

"Wir verkaufen mit exklusiven Inhalten jeden Tag gedruckten und digitalen Journalismus. Der versuchte Scharia-Ehrenmord an dem Flüchtlingsmädchen durch Mitglieder der eigenen Familie ist journalistisch relevant und von elementarem öffentlichem Interesse und wird von dem durch die Täterfamilie erstellten Video selbst dokumentiert. Bei dem Video haben wir die Szenen dieser schrecklichen Tat, die auf das Opfer schwenken, zu dessen Schutz geschwärzt. Die Staatsanwaltschaft hat BILD aus Gründen der Beweissicherung und Strafverfolgung gebeten, das Video wieder zu entfernen. Wir sind dem selbstverständlich nachgekommen."

Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 07.03.2018 | 23:20 Uhr