Stand: 20.06.2018 18:45 Uhr

"Neues Deutschland" kämpft um seine Zukunft

von Inga Mathwig
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Das Verlagsgebäude vom "Neuen Deutschland" ist alles andere als ein architektonisches Juwel, aber trotzdem extrem wertvoll - es liegt am hippen Ostbahnhof in Friedrichshain.

Nach Feiern ist den Mitarbeitern der "sozialistischen Tageszeitung", so die Selbstbezeichnung von "Neues Deutschland“ (ND), derzeit eher nicht zu Mute. Trotzdem wurde Anfang Juni wie jedes Jahr zum Pressefest geladen. Dass es im Verlag rumort, erfahren die Besucher gleich zu Beginn. Eine kurze Begrüßung, dann spricht Verlagsleiter Koppe Klartext: "In letzter Zeit wurde mal mehr, mal weniger sinnvoll über die Zeitung geschrieben. Wolfgang, wie geht's der Zeitung?" Chefredakteur Wolfgang Hübner nimmt kein Blatt vor den Mund: "Der Zeitung geht es wie seit mindestens 25 Jahren - sie muss kämpfen."

Die Zeitung "Neues Deutschland" lädt zum Fest, um auf sich aufmerksam zu machen.

"Neues Deutschland" kämpft um seine Zukunft

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Von einer Million auf 25.000 - die Leserzahlen sind seit der Wende bei der Zeitung "Neues Deutschland" dramatisch eingebrochen. Kann sie gerettet werden?

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Auflage dramatisch gesunken

Hübner ist die Anspannung anzusehen. Seit 1985 war er bei jedem Pressefest dabei. Könnte das ND nach jahrzehntelangem Bestand bald das letzte Fest feiern? "Wir sind sehr besorgt. Das geht an uns ran, das nimmt uns mit", sagt Alexander Isele. Seit einem Jahr ist er Redakteur im Politikressort. Er gehört zur Tarifgruppe, die sich innerhalb der Belegschaft gebildet hat. Auslöser dafür war der Vorschlag des Geschäftsführers Matthias Schindler, das Weihnachts- und Urlaubsgeld zu streichen. Bei einem Haustarif, der gut 60 Prozent unter dem Flächentarifvertrag für Tageszeitung liegt.

Der Vorschlag des Geschäftsführers kommt bei der Belegschaft natürlich nicht gut an, aber die finanzielle Situation ist angespannt. 1990 soll die Auflage bei rund einer Million gelegen haben, heute sind es weniger als 25.000 Exemplare. Der Leser-Rückgang droht sich sogar noch zu verschärfen: Die meisten der Leser sind Abonnenten aus alten DDR-Zeiten; es heißt, sie stürben weg. Keine guten Aussichten.

Zeitung gehört zum Teil der Partei Die Linke

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"Neues Deutschland"

Zur Homepage der "sozialistischen Tageszeitung", so lautet die Selbstbezeichnung, "Neues Deutschland". extern

Die Tageszeitung, die von 1946 bis 1989 das Zentralorgan der SED war, ist heute unabhängig - das ist im Redaktionsstatut festgeschrieben. Dennoch ist sie noch eng mit einer Partei verwoben: Die Linke hält über ihre Vermögensgesellschaft FEVAC 50 Prozent der Verlagsanteile. Die übrigen 50 Prozent gehören der Beteiligungsgenossenschaft communio eG. Mitarbeiter des ND haben sich jetzt in einem Brief an den Vorstand der Partei gewandt. Sie fordern, dass Die Linke als Gesellschafterin "Verantwortung für die Beschäftigten und die Zeitung" übernehme. Doch das Vertrauen der Belegschaft in die Unterstützung der Partei bröckelt.

Streit um Millionengrundstück

Bei einem Redaktionsbesuch im April soll der Parteivorsitzende Bernd Riexinger gesagt haben, dass die Zeitung im vergangenen Herbst vor der Insolvenz stand. Außerdem habe er angekündigt, dem Verlag den einzigen Vermögenswert zu entziehen, den er noch hat: Die Anteile an der Gesellschaft, die das Grundstück am Franz-Mehring-Platz 1 bewirtschaftet. Das Grundstück, auf dem das Redaktionsgebäude steht. Gut 6.000 Quadratmeter in guter Berliner Lage;  am hippen Ostbahnhof in Friedrichshain. Schätzungen zufolge ein Vermögen von mehreren Millionen Euro.

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Politikredakteur Isele sieht das Verhalten von Verlag und Gesellschaftern kritisch.

"Das ist für uns ein Vertrauensentzug, es verunsichert uns", sagt Politikredakteur Isele. Im Brief formulieren es die Mitarbeiter noch schärfer: "Wir sehen es als einen Skandal, dass diese Grundstücksübertragung offenbar hinter unserem Rücken abgewickelt wurde." Die Belegschaft fühlt sich im Stich gelassen. "Aber", so Isele, "wir wollen kämpfen. Wir sind bereit. Wir haben Ideen. Wir glauben an die Zeitung."

"Das ND ist nicht kreditwürdig. Es war auch nie kreditwürdig."

Jörg Reichel, Landesgeschäftsführer der Deutschen Journalistinnen und Journalisten-Union (dju) moniert: "Mit der Wegnahme des Grundstücks setzt man den Verlag dem erhöhten Risiko einer Insolvenz aus. Wir gehen davon aus, dass wenn es zu einer Insolvenz kommen sollte, die Staatsanwaltschaft sich mal angucken sollte, ob hier nicht Insolvenz fahrlässig herbeigeführt wurde." Die Sorge: Mit dem Grundstück verliere die Zeitung auch ihre Kreditwürdigkeit.

Thomas Nord, der ehemalige Schatzmeister der Partei, hält dagegen: "Das ND ist nicht kreditwürdig. Es war auch nie kreditwürdig." Die Änderung der Gesellschafterverhältnisse in Bezug auf das Grundstück sei notwendig, damit genügend Geld für das "Neue Deutschland" da sei. "Wir haben diese Anteile eingesetzt und wir werden alle Beteiligungen des 'Neuen Deutschland' dafür einsetzen, das nötige Geld zur Verfügung zu stellen, damit das Blatt weiter produzieren kann."

"ND hat eine Perspektive"

Auch Bernd Riexinger spricht sich klar für das "Neue Deutschland" aus. "Wir haben die Voraussetzungen dafür geschaffen, dass sie nicht Insolvenz anmelden mussten", sagt der Parteivorsitzende. "Es ist ein deutliches Zeichen, dass wir daran glauben, dass das ND eine Perspektive hat." Allerdings: Es müsse sich etwas ändern, es müssten neue Leserschichten erschlossen werden. In den kommenden Wochen soll nun ein Gremium aus Mitarbeitern, Parteimitgliedern und Beratern ein Zukunftskonzept erarbeiten.

 

Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 20.06.2018 | 23:40 Uhr