Stand: 19.06.2019 18:17 Uhr

Nachrichten von Geflüchteten für Geflüchtete

von Sabine Schaper

Omid Rezaee lebt seit fünf Jahren in Deutschland. Seine Heimat, den Iran, musste der 29-Jährige verlassen: Dort droht ihm eine Haftstrafe. "Ich wurde wegen Propaganda gegen das Regime, wegen Maßnahmen gegen die Nationale Sicherheit und wegen der Beleidigung gegen den Obersten Führer zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt", erzählt er. "Ich habe die Strafe aber nicht angetreten, ich habe das Land verlassen." Vorgeworfen wird ihm sein Engagement für ein kritisches Studentenmagazin. Zwei Monate hatte er damals bereits im Gefängnis gesessen. Als danach dann das Urteil kam, entschied er sich, in den Irak zu gehen und kam von dort 2014 nach Deutschland.

Beim Projekt Amal machen Geflüchtete Nachrichten für Geflüchtete auf Arabisch und Persisch. © NDR

Nachrichten von Geflüchteten für Geflüchtete

ZAPP -

Orientierung in der Fremde: Beim Projekt Amal schreiben Geflüchtete in Berlin und Hamburg Lokalnachrichten für Geflüchtete auf Arabisch und Persisch.

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Tragende Rolle bei der Integration

Hier angekommen, merkte er schnell, welche Rolle Medien bei der Integration spielen: "Ich war schon Journalist und es war mir absolut wichtig, die Nachrichten zu verfolgen", sagt Omid Rezaee rückblickend. "Das konnte ich aber nicht. Weil ich einfach kein Deutsch konnte." Ob U-Bahn-Sperrung wegen einer Baustelle, die Ankündigung einer Großveranstaltung oder Serviceangebote für Neuankömmlinge: Für Geflüchtete sei es entscheidend, auch die lokalen Nachrichten in ihrer neuen Heimat verfolgen zu können, sagt Omid Rezaee. Und dabei will er helfen.

"Amal, Hamburg!" heißt das kleine Medienprojekt, das Omid Rezaee seit Mitte April gemeinsam mit den beiden ebenfalls geflüchteten Journalisten Ahmad Alrifaee aus Syrien und Nilab Langar aus Afghanistan betreibt. Hier recherchieren sie Themen und Geschichten für die migrantische Community und veröffentlichen diese in Artikeln auf Arabisch und Persisch. Der Name "Amal" bedeutet: Hoffnung.

Communities haben unterschiedliche Interessen

"Hier haben wir die Nachrichten des Tages, die wichtigsten und aktuellsten Nachrichten", sagt Omid Rezaee und scrollt durch die persische Seite von "Amal, Hamburg!" "Dann haben wir einen Kommentar zum 70. Geburtstag des Grundgesetzes, einen Bericht zur Langen Nacht der Museen und etwas zum Ramadan." Auf beiden Seiten, der persischen und der arabischen, finden sich unterschiedliche Texte. Denn die Communities haben auch unterschiedliche Interessen: "Ein Thema wie Familiennachzug interessiert am meisten die Syrer, weil die diejenigen sind, die ihre Familie nachholen wollen. Was das Grundgesetz angeht, da interessiert Iraner das Thema Pressefreiheit oder Freiheit für Frauen, etwa bei der Kleidung. Und für Araber ist vielleicht wieder was anderes wichtig."

Zusammenfassung auf Deutsch

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Gründete "Amal": Cornelia Gerlach.

Für interessierte deutschsprachige Leser gibt es eine wöchentliche Zusammenfassung auf der Seite sowie einen Newsletter. Ziel des Projekts ist aber ein anderes, sagt Initiatorin und Projektleiterin Cornelia Gerlach: "Wie bekommen wir geflüchtete Journalisten in Deutschland in den Beruf? Das auf der einen Seite. Auf der anderen Seite: Wie kriegen wir es hin, dass Geflüchtete mitkriegen, was in Berlin und nun auch in Hamburg los ist, und teilhaben können an der Gesellschaft?" Vor zwei Jahren hat Cornelia Gerlach "Amal, Berlin!" mit aufgebaut, auch Omid Rezaee war damals schon dabei. Nun haben sie das Projekt nach Hamburg gebracht, getragen von der Evangelischen Journalistenschule und finanziert durch Kirche und Stiftungen.

"Hamburger Abendblatt" stellt Räumlichkeiten

Untergekommen ist die kleine Hamburger Redaktion in den Räumen des "Hamburger Abendblatt" in Rathausnähe. Die Zeitung hat durch ihr "Flüchtlingsreporter"-Projekt 2015/2016 bereits Erfahrung mit geflüchteten Journalisten. Den drei "Amal"-Redakteuren stellt sie eingerichtete Arbeitsplätze, Technik und ihre Infrastruktur. "Natürlich haben wir auch die Hoffnung, dass für uns etwas abfällt, wenn man es denn so sagen will", sagt Sven Kummereinke, der die Zusammenarbeit koordiniert. "Weil die natürlich Kontakte in eine Community haben, die ja relativ groß ist - mehr als 50.000 Leute, zu denen wir mit normalen journalistischen Mitteln eigentlich keinen Zugang finden."

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Das Gefühl der Freiheit

Für Omid Rezaee ist "Amal, Hamburg!" eine tolle Gelegenheit, als Journalist in Deutschland arbeiten zu können und gleichzeitig mit seinen Landsleuten, der iranischen Community in Kontakt zu sein. Gern würde er auch zurück in den Iran und seiner Heimat das zurückgeben, was er in den vergangenen Jahren in Deutschland als Journalist gelernt hat doch das ist vorerst nicht denkbar: Kaum irgendwo leben Journalisten nach wie vor so gefährlich wie im Iran. "Jetzt habe ich diese Freiheit erlebt, die Pressefreiheit und überhaupt die Freiheit am Leben", sagt Omid Rezaee. "Ich glaube, jetzt ist es richtig schwierig, in einem nicht-freien Land zu leben und zu arbeiten." Deshalb hilft er mit seiner Arbeit bei Amal anderen, denen es geht, wie ihm einst: beim Ankommen.

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Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 19.06.2019 | 23:20 Uhr