Stand: 29.01.2019 17:02 Uhr

Mord in Danzig: Vorwürfe gegen staatsnahes Fernsehen

von Tilman Jens

Am 13. Januar wird Danzigs langjähriger Stadtpräsident Pawel Adamowicz ermordet. Auf offener Bühne, bei einer Spendenaktion für die Kinderstationen von Krankenhäusern. Der Täter: ein offenbar geistig verwirrter Mann voller Hass auf die liberale "Bürgerplattform", die ihn angeblich gefoltert und ins Gefängnis gesteckt habe.

Trauerfeier für Danzigs Bürgermeister Pawel Adamowicz © NDR

Mord in Danzig: Vorwürfe gegen staatsnahes Fernsehen

ZAPP -

Der Mord an Danzigs Bürgermeister Pawel Adamowicz hat Polen erschüttert. Viele geben auch der hetzerischen Berichterstattung des Senders TVP Schuld am Tod des Regierungskritikers.

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Systematische Hetze

Der Mord an dem beliebten Bürgermeister erschüttert Polen - und zeigt, wie gespalten die Gesellschaft ist. Viele Nationalisten haben Adamowicz verachtet, sagt Jaroslaw Kurski, einer der Chefredakteure der polnischen Tageszeitung "Gazeta Wyborcza": "Die Verleumdungskampagne gegen ihn war seit langem im Gange. Dass er Teil einer aus Deutschland gesteuerten Opposition, ein 'Multi-Kulti' sei, der als Flüchtlinge verkleidete Terroristen nach Polen führen wolle. Ein Dieb und Betrüger."

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Spricht von einer Verleumdungskampagne gegen Adamowicz: Jaroslaw Kurski, einer der Chefredakteure der polnischen Tageszeitung "Gazeta Wyborcza".

Nach dem Mord demonstrieren viele Polen vor dem Sender TVP, der der Regierungspartei "Recht und Gerechtigkeit" (PiS) nahe steht. Der Vorwurf: Erst die systematische Hatz auf alles, was sich der Politik der nationalistischen Regierung widersetze, habe zu dem Anschlag geführt. "Schon lange herrscht die Sprache des Hasses in den Medien. Insbesondere im polnischen Fernsehen, im ersten Programm", sagt eine Demonstrantin. "Bei der Sprache fängt es an, danach kommen nun Taten und die Opfer", befürchtet ein anderer Teilnehmer. Und eine weitere Frau sieht die Medien als "Jauche-Grube": "Das Fernsehen ist schon seit langem nicht mehr öffentlich-rechtlich. Es ist ein Parteifernsehen, das Andersdenkende ausgrenzt, an den Pranger stellt und diskriminiert."

"Das Wort kann töten"

So wie in einem TVP-Agitations-Spot, ausgestrahlt wenige Tage vor dem Attentat: Dort wird die Wohltätigkeitsveranstaltung, die Danzigs Bürgermeister nicht überlebt hat, als krimineller Selbstbereicherungs-Coup gebrandmarkt.

Auch Magdalena Adamowicz, die Witwe des getöteten Bürgermeisters glaubt, dass das vergiftete Klima den Hass seines Mörders genährt hat. Bei der Beerdigung appelliert sie: "Die Stille der Trauer darf nicht bedeuten, dass wir schweigen." In einem Interview mit dem polnischen Nachrichtensender TVN24 macht sie klar, dass sie für den Tod ihres Mannes auch die Medien - allen voran TVP - in der Verantwortung sieht: "Medien sollen nicht mit aller Kraft skandalisieren, sie müssen ihre Worte sorgfältig abwägen. Das Wort kann töten. Und die Worte, die gefallen sind, haben Pawel extrem verletzt. Er hat das auf seine Schultern genommen. Aber es hat ihn extrem verletzt. Und es hat sich herausgestellt, dass die Worte ihn auch getötet haben."

Bekannte polnische Schauspieler, Musiker und Oppositionspolitiker fordern derweil zum Boykott von TVP auf und fordern die Absetzung des Senderchefs: Auf Facebook schreibt etwa der polnische Film- und Theaterschauspieler Maciej Stuhr: "Boykott gegen TVP! Ich gucke es nicht. Ich trete dort nicht auf."

Die polnische Gesellschaft ist gespalten

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Nach dem Mord demonstrieren viele Polen vor dem Sender TVP. Der Vorwurf: Erst die systematische Hatz auf alles, was sich der Politik der nationalistischen Regierung widersetze, habe zu dem Anschlag geführt.

Ob der Schock über das Attentat das Klima in Polen ein Stück verändern wird? Die Wunden sind tief. TVP aber will wohl bei seiner Linie bleiben: Der Sender hat angekündigt, rechtlich gegen Kritiker vorzugehen, die TVP mit dem Tod Adamowiczs‘ in Verbindung bringen. Nur bei seiner Witwe wolle man ein Auge zudrücken.

Doch auch Polens berühmteste Regisseurin, Agnieszka Holland, sie drehte unter anderem "Hitlerjunge Salomon", will nicht schweigen: "Diese Regierung kämpft nicht nur um die politische Macht, sondern auch um die Macht über die Seelen. Sie versuchen das Wertesystem der Polen zu verändern, gleichzuschalten. Sie wollen ein katholisch-nationalistisches Wertesystem, das alles andere ausgrenzt. Das kommt einer Kulturrevolution gleich."

Der Mord an dem beliebten Bürgermeister hat viele aufgerüttelt. Und gezeigt: es ist noch weit mehr als das Leben eines Menschen, um das es hier geht.

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Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 30.01.2019 | 23:20 Uhr