Stand: 19.02.2019 15:06 Uhr

Missbrauch in Polen: Regisseur ringt um Aufklärung

von Tom Fugmann

Wenn ab 21. Februar in Rom rund 200 Bischöfe und Würdenträger zusammenkommen, um ein "Signal" gegen den Missbrauch in der katholischen Kirche zu setzen, wird auch der Dokumentarfilmer Tomasz Sekielski aus Warschau ganz genau hinschauen. Er arbeitet seit Jahren an einem Dokumentarfilm zum Missbrauch in der Kirche Polens, hat mit vielen Opfern gesprochen, hat versucht, Kontakt zu Kirchenvertretern zu bekommen und Finanziers für seinen Film zu finden. 

Tomasz Sekielski, Dokumentarfilmer © NDR

Missbrauch in Polen: Regisseur ringt um Aufklärung

ZAPP -

Sexueller Missbrauch in der Kirche - darüber spricht man nicht in Polen. Gebrochen hat dieses Tabu ein Kinofilm, doch Dokumentarfilmer Sekielski kämpft nach wie vor gegen die Strukturen.

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Die Macht der Kirche

Der Mann, den Tomasz Sekielski an einem kalten Februarmorgen für einen weiteren Dreh in Warschau trifft, hat Grausames als Kind erlebt. Marek Mielewczyk war 13 Jahre alt, als der Gemeindepfarrer ihn zu sich rief: "Er bat mich eines Tages, ihm beim Bücherordnen und Saubermachen zu helfen. Es ging damit los, dass er mich angefasst hat. Und das war meine erste sexuelle Erfahrung überhaupt. Es war eine Vergewaltigung. Das hat mich für das ganze Leben geprägt." An diesem Wintertag ist er nun mit anderen Opfern zusammen vom Erzbischof von Warschau eingeladen, seine Geschichte zu erzählen.

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Marek Mielewczyk wurde als Kind von einem Pfarrer missbraucht.

Die katholische Kirche in Polen ist mächtig, "ihr" Papst, Johannes Paul II., 2014 von der Kirche heiliggesprochen, wird in Polen sehr verehrt. Doch spätestens seit dem Kinostart des Spielfilms "Kler" im September vergangenen Jahres bekommt das Bild der Kirche Risse. Der Film zeigt erstmals schonungslos das geheime Doppelleben mancher Priester, Korruption, Bigotterie und auch sexuellen Missbrauch durch die Würdenträger. Rund fünf Millionen Besucher zählte der Film, in dem viele beliebte polnische Schauspieler mitwirken, bereits in den ersten vier Wochen.

Katholische Kirche: Erste Kratzer

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In Danzig demonstrieren jeden Monat hunderte vor dem Denkmal des Pfarrers Henryk Jankowski. Er soll sich jahrelang an Kindern vergangen haben.

Seitdem ist das Land in Aufruhr und diskutiert über die Rolle - und Verfehlungen der Kirche: über sexuellen Missbrauch durch Priester und andere Würdenträger. Doch sich öffentlich gegen die Kirche zu stellen, trauen sich die Wenigsten. Tomasz Sekielski hat mit vielen Opfern sexuellen Missbrauchs gesprochen und weiß, wie schwer es diesen fällt, öffentlich ihre Geschichte zu erzählen: "Die katholische Kirche hat in Polen eine besondere Stellung. Besonders auf dem Land wird der Pfarrer als der Abgesandte Gottes betrachtet. Wer das Wort 'Pädophilie' in den Mund nimmt, macht sich zum Feind der Kirche. Deswegen haben diejenigen, die in meinem Film sprechen, sehr großen Mut. Denn alle zeigen ihr Gesicht und werden mit Vor- und Nachnamen genannt."

Nur Absagen

Die katholische Kirche selbst hat auf die Schreiben des Regisseurs nicht reagiert. Auf seine Anfragen bei Bischöfen und Diozösen erhielt er nur Absagen. Und auch seine Anfragen bei Medienhäusern und Fernsehstationen waren erfolglos. Weder finanzielle Unterstützung noch einen Sendeplatz wollte man ihm geben: "Ich habe von allen gehört, dass es ein sehr wichtiges Thema ist und dass man diesen Film machen muss. Aber wir haben eben jetzt diese Regierung an der Macht. Die Kirche hat immer mehr Einfluss. Und alle, mit denen ich gesprochen habe, wollten deshalb nicht diesem Thema in Verbindung gebracht werden."

Jetzt hat er seine Dokumentation über ein Crowdfunding im Internet finanziert und will seinen Film im Frühjahr im Netz veröffentlichen.

Das Gespräch mit den Opfern hat der Erzbischof von Warschau übrigens noch kurzfristig abgesagt. Angeblich aus Termingründen. Marek Mielewczyk musste unverrichteter Dinge nach Danzig zurückfahren.

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ZAPP | 20.02.2019 | 23:20 Uhr