Minden: Lynchaufruf gegen die "Covid-Presse"

Stand: 28.10.2020 15:22 Uhr

Eine aufgeknüpfte Schaufensterpuppe, um den Hals ein Schild mit der Aufschrift "Covid-Presse": das "Mindener Tageblatt" ist seit Wochen Ziel aggressiver Stimmungsmache.

von Nils Altland, Tim Kukral

Als Friedrich Lange am Samstagmorgen gegen 8.45 Uhr über die Glacisbrücke in Minden geht, sieht er eine Figur über dem Brückengeländer hängen. "Zuerst habe ich gedacht, das ist ein dummer Jungenstreich. Beim zweiten Hinsehen habe ich gedacht: Das darf nicht wahr sein!" Denn die Puppe ergibt einen makabres Bild. Sie ist mit einem Strick am Hals aufgehängt und trägt eine Augenmaske, auf der steht: "blind". Um den Hals wurde ihr ein Pappschild gehängt: "Covid-Presse" ist darauf zu lesen.

Friedrich Lange © NDR
Unterirdisch sei diese Polemik gegen die Presse, so Friedrich Lange. Er hatte die aufgeknüpfte Schaufensterpuppe entdeckt.

"Das ist unterirdisch", findet Lange, "die ganze Polemik gegen die Presse, gegen den Journalismus." Er ruft die Polizei, die Beamten entfernen die Puppe. Offenbar hing sie mehrere Stunden über der Brücke, die mitten in der ostwestfälischen 80.000-Einwohner-Stadt Minden über die Weser führt. Wer der oder die Täter oder Täterinnen waren, ist unklar - wegen des Verdachts auf eine politisch motivierte Straftat ermittelt nun der Staatsschutz in Bielefeld.

Massive Drohung gegen die Presse

Denn die Drohung, die von der Puppe ausgehen soll, ist unmissverständlich: Die Presse, mit deren Berichterstattung über Corona die Täter offenbar nicht einverstanden sind - erhängt an einem Strick. So wie Oppositionelle in den grausamsten Diktaturen der Geschichte. Eine Botschaft, die vor allem diejenigen schockiert, die in Minden die Presse vertreten: Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Lokalzeitung, des "Mindener Tageblatts".

"Unglaublich!", habe er gedacht, sagt Chefredakteur Benjamin Piel über den Moment, als er Fotos von der Puppe im Internet sah: "Dass diese Zuspitzung stattfindet - das hatte ich so nicht erwartet."

Benjamin Piel, Chefredakteur "Mindener Tageblatt" © NDR
Die Drohung richtet sich auch gegen ihn: Benjamin Piel, Chefredakteur des "Mindener Tageblatts".

Dabei ist Piel einiges gewöhnt. Beschimpfungen, zum Beispiel unter auf Facebook geteilten Artikeln des "Mindener Tageblatts", sind für ihn und seine Mitarbeiter mittlerweile an der Tagesordnung. Dazu kommen neuerdings Demonstrationen der selbsternannten "Querdenker", die seit dem Frühjahr auch in Minden regelmäßig gegen die Corona-Politik demonstrieren - so auch am vergangenen Samstag, als die Puppe an der Glacisbrücke gefunden wurde. Bei den Kundgebungen der "Querdenker" in Minden sind das "Mindener Tageblatt" - neben Politikerinnen wie Angela Merkel und Wissenschaftlern wie Christian Drosten - ein beliebtes Feindbild.

Spott und Häme auf Telegram

Über die erhängte Puppe diskutieren auch die Mindener "Querdenker" - auf dem Messenger-Dienst Telegram. Auf dem verhältnismäßig offiziell anmutenden "Infokanal" der Gruppe sehen sie sich selbst als Opfer: "Wem dieserlei Aktionen angedichtet werden, dürfte kaum verwundern. Wir als Querdenken 571 Minden distanzieren uns ausdrücklich von dieser Aktion."

Doch es gibt noch eine weitere, mit mehr als 230 Teilnehmern deutlich größere Telegram-Gruppe, in der die Mindener "Querdenker" deutlich aktiver sind. Sie scheint eher die Funktion eines gruppeninternen Forums zu haben, ist aber öffentlich einsehbar. Hier gibt es keine Kritik an der Aktion mit der erhängten Presse-Puppe. Stattdessen: Spott. "Was für eine 'nette' Idee…!!!", schreibt zum Beispiel einer: "Hat mir heute den Morgen versüßt!:D".

Kein Interview der Mindener "Querdenker"

ZAPP will mit den Mindener "Querdenkern" ins Gespräch kommen - wissen, ob die höhnischen Kommentare in der Telegram-Gruppe wirklich repräsentativ für die Gruppierung stehen. Als sich etwas mehr als 20 "Querdenker" abends zu einem "Montagsspaziergang" mit Kerzen versammeln, kommen wir mit der Kamera dazu. Doch die Stimmung ist feindselig, reden will mit uns niemand - auch nicht abseits der Kamera. Nur so viel: Man habe kein Vertrauen in die Medien, sie seien "gleichgeschaltet wie in der DDR".

Wir unternehmen einen weiteren Versuch: Thomas Röckemann sitzt als rechtspolitischer Sprecher der AfD-Fraktion im Landtag von Nordrhein-Westfalen - und postet regelmäßig in die Telegram-Gruppe der Mindener "Querdenker", zum Beispiel: "Maske = Unterwerfung".

Thomas Röckemann, Co-Landesvorsitzender der NRW-AfD, beim Landesparteitag der nordrhein-westfälischen AfD am 06.07.2019 © picture alliance/Swen Pförtner/dpa Foto: Swen Pförtner
Postet regelmäßig in die Telegram-Gruppe der Mindener "Querdenker": Thomas Röckemann, rechtspolitischer Sprecher der AfD-Fraktion in NRW.

Kurz nachdem ZAPP ihn für ein Interview angefragt hat, lesen wir erneut einen Post von Röckemann in der Telegram-Gruppe: "Möchte jemand von Querdenken dem NDR ein Interview zur Schaufensterpuppe geben? Meine Person wurde diesbezüglich vergeblich angefragt." Und weiter: "Nur zu eurer Kenntnis, mein Statement als AfD: 'Ich habe davon auch nur aus der Zeitung erfahren. Presse-, Informationsfreiheit und das Recht des freien Worts stehen für die AfD und für mich an herausragender Stelle, so dass sich eine weitergehende Stellungnahme meinerseits erübrigt.'" Röckemann fügt hinzu: "Das werden die dann auch nicht bringen :D".

Kurze Zeit später ein Anruf, in dem eine Mitarbeiterin aus Röckemanns Abgeordnetenbüro ZAPP mündlich genau dieses Statement übermittelt. In der Telegram-Gruppe unterdessen Zustimmung für Röckemann und seine AfD. Zu einem Interview mit ZAPP erklärt sich auch nach Röckemanns Aufruf keiner der Mindener "Querdenker" bereit.

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ZAPP | 28.10.2020 | 23:50 Uhr

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