Stand: 11.09.2019 13:51 Uhr

Metzelder: Wann berichten über einen Verdacht?

von Nils Altland und Daniel Bouhs

Ein Zugriff in der Sportschule, eine Durchsuchung des Wohnhauses: Für "Bild"-Chefredakteur Julian Reichelt haben die Ermittler im Fall Metzelder genug Anlass geboten für eine Berichterstattung. "Das sind Dinge, die öffentlich stattfinden in der Sportschule Hennef im Kreis vieler ehemaliger Bundesliga-Profis, die natürlich Kontakt zu Medien haben", sagt Reichelt gegenüber ZAPP. Dadurch sei aus Sicht seiner Redaktion "ganz klar Öffentlichkeit hergestellt", genauso wie mit dem Polizeiaufgebot vor dem Wohnhaus "vor den Augen aller in dieser Straße, wo natürlich jeder weiß, wer dort wohnt".

Schlagzeile in der "Bild" © NDR

Metzelder: Wann berichten über einen Verdacht?

ZAPP -

Medien haben aus Fällen wie Jörg Kachelmann gelernt. Sie berichten heute anders über Ermittlungen gegen Prominente. Fragwürdig ist ihre Berichterstattung aber weiterhin.

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Boulevard-Reporter mit der Kamera dabei

Bei den Aktionen der Ermittler, die nach kinderpornografischem Material suchen, waren die Boulevard-Reporter mit der Kamera dabei. Anschließend stiegen auch viele andere Medien in die Berichterstattung ein. "Ich kann das schon nachvollziehen, dass das ein Fall ist, der eine sehr prominente Person beinhaltet, der einen sehr ungeheuren Vorwurf hat und in dieser Hinsicht sicherlich für viele Redaktionen interessant ist - auch aus unserer medienkritischen Sicht", sagt Moritz Tschermak vom "BILDblog". Die "Bild" steche aber mit "ihrer Art und Weise der Berichterstattung heraus, natürlich vor allem, weil sie exklusiv berichtet hat".

Tatsächlich bestätigt die Hamburger Polizei: "Bild" hat die Beamten auf den Vorgang hingewiesen und die Ermittlungen angestoßen. Wie es genau dazu kam, darüber schweigt Chefredakteur Reichelt. Im konkreten Fall verneint er nur die Frage, ob für einen Hinweis Geld geflossen sei. "Wir sind keine Ermittlungsbehörde", sagt er grundsätzlich. Bei so einem Tatvorwurf könne es auch darum gehen, möglichen weiteren Schaden an Minderjährigen abzuwenden. Da sei es "die Pflicht eines jeden Menschen in diesem Land", die Sache an offizielle Ermittler abzugeben.

Julian Reichelt, Chefredakteur "Bild" © NDR

Reichelt: "Widersprüche lassen sich nicht immer in letzter Konsequenz auflösen"

ZAPP -

Vorwürfe könnten ausreichen, um die Existenz einer Person nachhaltig zu schädigen, so Julian Reichelt, Chefredakteur der "Bild". Die Veröffentlichungspraxis im Fall Christoph Metzelder hält er dennoch für legitim.

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"Das hätten wir beim 'BILDblog' auch nicht anders gemacht"

"Bild"-Kritiker Tschermak sieht dabei kein besonderes Problem. "Ich bin mir sehr sicher, dass wir das beim 'BILDblog'' auch nicht anders gemacht hätten", sagt er gegenüber ZAPP. Aber: "Wir hätten die Folgeberichterstattung völlig anders gemacht." Tschermak kritisiert die "Armada von Reportern, Fernsehkameras, Fotografen, die dem Verdächtigen aufgelauert haben" und die Wucht der Berichterstattung auf Titelseiten und mit opulenten Fotos und Videos.

Christian Schertz, Anwalt für Persönlichkeitsrechte in Berlin, geht noch einen Schritt weiter: Er hält die komplette Berichterstattung über Metzelder in den Medien für "rechtswidrig": Sollte herauskommen, dass die Vorwürfe unberechtigt seien, werde bei Metzelder "leider immer etwas hängenbleiben und die Leute werden auch im Nachhinein nicht mehr genau wissen, stimmte das, stimmte das nicht". Da müsse zum gegenwärtigen Stadium im Sinne der Persönlichkeitsrechte abgewogen werden.

Persönlichkeitsrechtsanwalt kritisiert ARD für Umgang mit Metzelder

Schertz vertritt Metzelder nicht. Er erinnert sich aber an andere Fälle, vor allem an die Vergewaltigungsvorwürfe gegen Jörg Kachelmann. Bei ihm habe es immerhin sogar einen Prozess gegeben, aber dann einen Freispruch. Als Moderator habe er in der ARD trotzdem erst wieder "nach sehr, sehr vielen Jahren" arbeiten können.

Christian Schertz, Anwalt für Persönlichkeitsrechte © NDR

Schertz: "Die "Bild" ist nicht der Chefankläger der Republik"

ZAPP -

Christian Schertz, Anwalt für Persönlichkeitsrechte, hält die Berichterstattung über den Fall Metzelder für rechtswidrig. "Was die Beteiligten brauchen, ist erst mal Aufklärung des Sachverhalts und nicht mediale Vorverurteilung."

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Dass die ARD Metzelders Einsatz als Fußballexperte nun ruhen lasse, kritisiert Schertz: "Ein Teil der Unschuldsvermutung würde eigentlich bedeuten, dass der erst mal weiter seinem normalen Beruf nachgehen kann." Wenn gegen einen Lkw-Fahrer ermittelt werde, könne der im Zweifel weiterfahren, solange man ihm nicht den Führerschein abnimmt. "Wenn gegen einen Journalisten oder bekannten Moderator ermittelt wird, müsste er eigentlich erst mal weiter moderieren dürfen."

Gibt es einen "Lerneffekt" bei der "Bild"-Zeitung?

Schertz sieht allerdings auch eine positive Entwicklung: Medien hätten aus Fällen wie Kachelmann gelernt, "definitiv" auch "Bild". Es falle auf, dass Medien im Fall Metzelder zum einen ihrem Publikum erklärten, was Verdachtsberichterstattung eigentlich sei, und warum für Metzelder die Unschuldsvermutung gelte, trotz einer Hausdurchsuchung. Sollte Metzelder unschuldig sein, sei er in der Gesellschaft dennoch gebrandmarkt, mahnt Schertz: "Durch die blickfangartige Aufmachung gerade im Boulevard ist die Stigmatisierung eigentlich nicht wegzukriegen."

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"Bild"-Chefredakteur Reichelt spricht wiederum von einem "Lerneffekt" in der Verdachtsberichterstattung. Er will nicht nur "Warnhinweise" drucken, wie er die Erklärungen der Berichterstattung nennt. Er stellt für den Fall der Unschuld auch eine prominente Berichterstattung darüber in Aussicht: "Dann sind wir verpflichtet, darüber sehr groß zu berichten, in tatsächlich vergleichbarem Umfang. Ganz klar." Klar ist auch: Wenn Reichelt das ernst meint, wäre es im Fall Metzelder die große Schlagzeile auf der Titelseite.

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Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 11.09.2019 | 23:20 Uhr