Stand: 07.02.2018 16:03 Uhr

Mediales Missverhältnis - Cottbus im Brennglas

von Stefanie Groth

"Jetzt kommen sie wieder mit der 'Nazikeule' und stempeln uns als 'braunes Kaff im Osten' ab" - so der Eindruck vieler Cottbuser*innen, mit denen ich vergangene Woche ins Gespräch komme. Egal ob alt oder jung, männlich oder weiblich, zugezogen oder alteingesessen: Sie finden sich, ihren Alltag, ihr Lebensgefühl in der aktuellen Medienberichterstattung nicht wieder.

Seitdem Mitte Januar ein jugendlicher Syrer bei einem Streit mit einem gleichaltrigen Deutschen das Messer zog und ihn im Gesicht verletzte, sind die Medien auf die zweitgrößte Stadt in Brandenburg aufmerksam geworden. Man sieht vermehrt Journalisten*innen und Kamerateams durch die Stadt ziehen. Polizeisprecher Maik Kettlitz berichtet, dass sein Telefon seit Tagen Sturm klingelt - Anfragen von tschechischen Medien, der "Financial Times", sogar ARTE war schon da. Medien, die sich sonst nicht in die Stadt in der Lausitz verirren. Nun sind sie vor Ort und zeichnen ein falsches Bild von ihrer Stadt, so die Angst der Cottbuser*innen.

Plakat auf einer Demonstration  Fotograf: Screenshot

Mediales Missverhältnis - Cottbus im Brennglas

ZAPP -

Seit ein Syrer einen Deutschen mit dem Messer verletzte, kommt Cottbus nicht aus den Schlagzeilen. Dort fühlt man sich in den Medien zu Unrecht in die "rechte Ecke" gedrängt.

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Angst ist das Stichwort

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"Man kann sich in Cottbus ohne Angst bewegen", so die Journalistin Simone Wendler

Angst - vielleicht das wichtigste Stichwort dieser Tage in Cottbus. "Wenn jemand mit einem Messer auf einen anderen losgeht, hat man instinktiv erst einmal Angst", sagt Simone Wendler. Die Journalistin ist gebürtige Cottbuserin, schreibt für die "Lausitzer Rundschau". "Wie die Situation im Moment dargestellt wird in überregionalen Medien ist ziemlich überzogen. Man kann sich in Cottbus ohne Angst bewegen", sagt sie. Und doch ist es genau diese Angst, die den Blick auf Cottbus wieder in "die rechte Ecke" lenkt. Wendler, die seit Jahren die rechtsextreme Szene in Brandenburg beobachtet, weiß, dass rechtspopulistische Kreise die verunsicherte Stimmung in Cottbus für sich zu nutzen wissen. "Diese Angst, die die Menschen jetzt hier teilweise haben, ist wie ein Treibstoff für diese Szene, um die Leute hier abzuholen und quasi in eine falsche - nämlich in die rechtsradikale - Richtung zu lenken."

Gibt sich konservativ: "Zukunft Heimat"

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Demo in Cottbus: Attacke auf Journalisten

24.01.2018 23:15 Uhr

Bei einer Demo gegen Flüchtlinge in Cottbus geraten Journalisten ins Visier. Zuvor hatten die Veranstalter der Kundgebung die Berichterstattung des RBB kritisiert. mehr

Auch das Bündnis "Zukunft Heimat" beobachtet Wendler seit der Gründung vor zwei Jahren, besuchte fast alle Kundgebungen. Dort kommen stets einige hundert Leute zusammen. Vor drei Wochen - nach dem Messerangriff des Syrers - sind es plötzlich 1.500, die sich vor dem Einkaufszentrum Blechen Carré versammeln. Das Bündnis aus Südbrandenburg macht in Cottbus mobil und gibt sich dabei gern konservativ. Ein Trugschluss, denn bei den Kundgebungen sind nicht nur Bürger*innen anzutreffen, die Unmut und Sorge über die Asylpolitik äußern wollen. "Wenn man sich ein bisschen auskennt in der Szene, erkennt man dort NPD-Funktionäre, Leute aus der nationalistischen Kampfsportszene, aus der Neonazi-Szene, dem gewaltbereiten Hooligan-Milieu von Energie Cottbus. Alles Leute, die man aus anderen Zusammenhängen kennt, wenn man sich damit beschäftigt", so Wendler. "Aber wenn man als Journalistin darüber schreibt, wird einem einfach kein Glauben geschenkt, weil den Leuten nicht das Schild mit dem Hakenkreuz auf der Brust hängt."

Gibt nicht so viel Grund, Angst zu haben

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Die einen fordern "Cottbus für alle", die anderen "Grenzen dicht"

In Cottbus gingen mehr als 1.000 Menschen für ein friedliches Zusammenleben zwischen Deutschen und Flüchtlingen auf die Straße. Auch die Politik zeigte sich, der Bürgermeister allerdings sagte ab. Zum Gegenprotest kamen etwa drei Mal so viele. extern

Und genau so ist es. Veranstalter und Teilnehmer*innen der Kundgebung empören sich, dass die Medien die Kundgebung als "rechte Demonstration" bezeichnen. Machen sich lustig darüber, dass man sie kollektiv als gewaltbereite Rechtsextremisten deklariert. Doch das hat niemand getan. Niemand - außer den Veranstaltern und Rednern der Kundgebung selbst - behauptet, in Medienberichten wären alle Anwesenden als Rechtsextreme bezeichnet worden.

Ein Dilemma, so Wendler: "Viele wollen nicht wahrhaben, mit wem sie bei solchen Kundgebungen unterwegs sind. Da muss man sehen, wie man sie noch medial abholen kann, denn Angst ist irrational. Gegen Angst kann man nicht sachlich argumentieren. Sie können nur versuchen, den Leuten zu zeigen: Es gibt nicht so viel Grund, Angst zu haben wie ihr denkt."

Skandalisierende Berichterstattung?

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Fühlt Cottbus von den Medien in die "rechte Ecke" gestellt: Oberbürgermeister Holger Kelch.

Machen das die Medien? In Cottbus heißt es, die Berichterstattung sei aufgeheizt, skandalisierend. Und wenn man sich die Schlagzeilen der letzten Wochen anschaut, stimmt das. Liest und schaut man die Berichte aber ausführlich an, entsteht ein vielschichtigeres Bild von Cottbus, da hört man verschiedene Stimmen. Eine Berichterstattung nach "Schema F: der Osten ist braun", so wie der Oberbürgermeister Holger Kelch (CDU) es vergangenen Dienstag in einer Pressekonferenz moniert, kann ich nicht ausmachen. Und doch ärgern sich viele, dass Cottbus nun medial durchleuchtet wird und dabei stets auch die Frage nach Fremdenfeindlichkeit und Rassismus aufkommt. "Dadurch ist ein schwerer Imageschaden für die Stadt entstanden. Ich habe nie gesagt, dass wir kein Problem mit Rechtsextremismus in der Stadt haben. Aber da hat die Zivilgesellschaft in den letzten Jahren auch sehr viel gezeigt, dass wir gemeinsam gegen Rechtsextremismus stehen. Und das wurde medial nicht so gewürdigt", führt Kelch seine Kritik aus.

Hotspot rechtsextremer Gewalt

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Simone Herrmann, Center-Managerin im Blechen Carré, fordert mehr politische Transparenz - da seien auch die Medien gefragt.

Laut Verfassungsschutz ist "der Raum Cottbus"  seit Jahren ein Hotspot rechtsextremer Gewalt in Brandenburg. Die Szene vor Ort "hochgradig gewaltorientiert". Verständlich also, wenn Journalisten*innen danach fragen, darüber schreiben - oder nicht? "Ich finde wir haben ganz ganz schnell einen rechten Stempel bekommen. Nach dem Motto: Cottbus war schon immer so. Von dem eigentlichen Problem durch diese Vorfälle ist relativ schnell abgelenkt worden", beschreibt es Simone Herrmann, Center-Managerin im Blechen Carré. Das eigentliche Problem für sie ist, dass Geflüchtete straffällig werden und ungeschoren davon kommen. So zumindest ihr Eindruck. Schließlich lese und höre man in den Medien wenig darüber, wie viele solcher Straftaten es gebe, ob diese verfolgt würden, und warum solche Leute überhaupt ins Land gelassen würden. Herrmann fordert mehr politische Transparenz, und "da sind auch die Medien gefragt."

In Cottbus läuft vieles goldrichtig - und einiges gerade komplett falsch

Eine Woche Cottbus. Eine Stadt, über die man jetzt liest, dass sie gespalten sei. Dabei galt sie lange als vorbildlich in der Aufnahme und Integration von Flüchtlingen. Darüber berichtet hat kaum jemand. Erst jetzt, wo die Stimmung kippt. Der Anteil an Ausländern hat sich in den vergangenen zwei Jahren in Cottbus nahezu verdoppelt. Es kommt vermehrt zu Straf- und Gewalttaten durch Geflüchtete. Aber eben auch zu rassistischen Übergriffen. Ersteres verursacht einen breiten Aufschrei in der Bevölkerung. Letzteres, weniger. Beides müssen Medien berichten und einordnen.

 

Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 07.02.2018 | 23:20 Uhr