Maske ab! Verweigerer und ihre Videos

Stand: 11.11.2020 13:44 Uhr

von Tim Kukral, Juri Sonnenholzner

"Masken ab!", ruft die Gruppe, etwa 15 bis 20 Männer und Frauen, alle ohne Mund-Nasen-Schutz in der S-Bahn. Darauf sind sie offenbar stolz, feiern sich mit Sprechchören und filmen mit ihren Smartphones sich und andere: "Masken ab!", rufen sie in Richtung einer Familie, die - wie es die Corona-Regeln vorsehen - mit Mund-Nasen-Schutz im gleichen Abteil fährt. Die Tochter ist offenbar verängstigt, ihre Mutter nimmt sie in den Arm. Die Szene wird auf einer bekannten Streaming-Plattform im Internet live übertragen - und danach zigfach weiterverbreitet.

"Ich bin bestens vernetzt"

Ein Mann, der mit seinem Handy eine Verkäuferin filmt, die ihn offenbar gebeten hatte, in dem Laden wie vorgeschrieben eine Maske zu tragen. © NDR
In manchen Fällen filmen Maskenverweigerer Angestellten in Läden und öffentlichen Verkehrsmitteln - um sie dann im Netz bloßzustellen.

In diesem Fall war das von den Filmenden vielleicht gar nicht beabsichtigt - durch das Live-Streaming im Netz haben sie es aber zumindest in Kauf genommen, dass die Persönlichkeitsrechte anderer Menschen verletzt werden. Andere Maskenverweigerer tun das ganz bewusst, drohen sogar damit. Beispielsweise ein Mann, der mit seinem Handy eine Verkäuferin filmt, die ihn offenbar gebeten hatte, in dem Laden wie vorgeschrieben eine Maske zu tragen. Er fühlt sich als Opfer, spricht von "Diskriminierung, Nötigung". Die Verkäuferin möchte nicht gefilmt werden, bittet ihn, den Laden zu verlassen: "Raus!" - "Das ist gut fürs Video", feixt der Filmende: "Sie dürfen gerne aggressiv sein." Und weiter: "Das geht ins Internet, ich bin bestens vernetzt." Und tatsächlich geistern mittlerweile mehrere Kopien dieses Handyvideos durchs Netz.

"Laien-Papparazzi" verletzen Persönlichkeitsrechte

Bernhard Pörksen, Medienwissenschaftler © NDR
Die Aufnahmen solcher "Laien-Papparazzi" sind strafbar, erklärt der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen.

Für Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen hat das Vorgehen der filmenden Maskenverweigerer eine neue Dimension. Lange sei man sicher gewesen: "Es werden diejenigen öffentlich attackiert, die prominent sind, eine herausgehobene Stellung haben, eine besondere Macht besitzen", so Pörksen: "Doch was hier passiert, ist, dass vollkommen unbeteiligte, unschuldige, unbekannte Menschen nun skandalisiert werden und man versucht, sie anzugreifen."

Dabei sind die Aufnahmen solcher "Laien-Papparazzi", wie Pörksen sie nennt, strafbar: Sie verletzten nicht nur das Persönlichkeitsrecht - eine Veröffentlichung kann mit einer Geldstrafe und in Einzelfällen sogar mit einer Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr geahndet werden. Das Problem für die Betroffenen: Selbst wenn sie mitbekommen, dass Aufnahmen von ihnen ins Netz geladen wurden - die Verantwortlichen sind im Nachhinein meist nicht mehr identifizierbar. Und der Weg über die großen Plattformen wie YouTube ist beschwerlich: Für Persönlichkeitsrechtsverletzungen gibt es bei der Google-Tochter YouTube in Deutschland nicht mal einen Ansprechpartner.

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