Stand: 17.01.2018 19:58 Uhr

Malvina, Diaa und der Shitstorm

von Gudrun Kirfel und Jonas Schreijäg
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Eine deutsche Jugendliche und ein syrischer Flüchtling erzählen im Kinderfernsehen von ihrer Liebe. Populisten entfachen einen Shitstorm.

"Deutsches Mädchen (16) liebt Syrer: Aufregung um Flüchtlings-Doku im Kinderkanal" - mit dieser Überschrift steigt "Bild.de" am 8. Januar in den Berichterstattungs-Marathon ein. Anschließend vergeht kein Tag, an dem "Bild" oder "Bild.de" nicht über die "Skandal-Doku" im Kinderkanal (Kika) schreiben. Acht Online-Berichte, sechs Artikel in der Print-Ausgabe und über zehn Tweets des Chefredakteurs stehen eine Woche später zu Buche. Die "Bild" hat ein neues Lieblingsthema gefunden.

Malvina und Diaa im Interview.

Malvina, Diaa und der Shitstorm

ZAPP -

Eine deutsche Jugendliche und ihr Freund, ein syrischer Flüchtling, erzählen im Kinderfernsehen von ihrer Liebe. Populisten entfachen einen Shitstorm, es gibt Morddrohungen.

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Unkommentierte Doku über interkulturelle Beziehung

Der Film, den man bei Axel Springer skandalös findet, heißt "Malvina, Diaa und die Liebe". Er zeigt die Liebesgeschichte zwischen dem deutschen Mädchen Malvina und ihrem syrischen Freund Diaa. 24 Minuten Film, dokumentarisch erzählt, ohne kommentierenden Sprechertext. Die Zuschauer erleben eindrücklich nah, was die beiden aneinander lieben - aber auch, mit welchen Konflikten das junge, interkulturelle Paar im Alltag konfrontiert ist.

Diaa sagt, der Islam sei ihm sehr wichtig. Malvina beschreibt sich als "Christin" und "Emanze". Hier würden zwei Weltbilder unkommentiert nebeneinander gestellt, kritisiert "Bild"-Chef Julian Reichelt. "Weltbilder, die nach meinem Empfinden in unserem Land einfach nicht gleichberechtigt sind, die in irgendeiner Form ausgelebte Unterdrückung von Frauen zum Beispiel."

Die mediale Empörungsspirale startet mit Verzögerung

Zwar lief die Doku schon im November im Fernsehen, doch erst jetzt hat die Empörungsspirale ihren Lauf genommen. Zuerst machte ein Blogger aus der rechten Szene auf den Film aufmerksam, dann sprang der AfD-Bundestagsabgeordnete Dirk Spaniel auf den Zug auf. Der Film sei "Kika-Propaganda für Beziehungen mit moslemischen Flüchtlingen", schrieb Spaniel am 8. Januar frühmorgens auf Facebook. Am selben Abend äußert sich "Bild"-Chefredakteur Julian Reichelt erstmals zu dem Thema.

Verwirrung um das Alter von Diaa

Wie alt ist Diaa wirklich? Das spielt im Film zwar keine Rolle, aber im Online-Text zur Doku hatte der Kika zunächst geschrieben, Diaa sei 17 Jahre alt. Tatsächlich war er zum Zeitpunkt der Dreharbeiten aber 19, seine Freundin Malvina 16. "Ein blöder Fehler", sagt Gabriele Holzner. Sie ist Fernsehdirektorin des Hessischen Rundfunks, der den Film für den KiKA produziert hat. Ein Mitarbeiter habe versehentlich 17 geschrieben - weil Diaa so alt war, als er Malvina kennenlernte.

Der Kika korrigiert und vermerkt dies mit einem kurzen Hinweis auf "Aktualisierung". Zu wenig Erklärung für die Kritiker, denn inzwischen ist Diaa sogar 20 geworden. Ein lapidarer Umgang mit einem hoch sensiblen Thema. Kika und HR sind zu diesem Zeitpunkt mit dem Handling der Empörungswelle offenbar überfordert.

Medien schreiben Thema hoch - mal differenziert, mal undifferenziert

Für "Bild" offenbar ein gefundenes Fressen. In Deutschland sei "seit der Flüchtlingskrise eine Debatte um das wahre Alter vieler Flüchtlinge" entbrannt, begründet das Boulevardblatt den Nachrichtenwert. Und auch inhaltlich ist "Bild" auf einer Linie mit der Argumentation der AfD, titelt online und im Blatt: "Experten warnen vor Flüchtlings-Doku" - auch wenn die zitierte Psychologin den Film bei genauerer Betrachtung lediglich für kleinere Kinder für ungeeignet hält.

Doch nach der "Bild" steigen auch andere Medien ein: "FAZ", "taz", "Welt", Regionalzeitungen. Die Aufregung über das junge deutsch-syrische Paar wird bundesweit zum Thema hochgeschrieben - durchaus auch mit differenzierten Texten und Lob für die Doku.

Shitstorm ergießt sich über den Kinderkanal

Im Netz brechen derweil alle Dämme. Über 2.000 Kommentare laufen allein auf der Facebook-Seite des Kika ein. "Wirbt man jetzt auch schon im Kinder TV für die Beziehung zwischen einer 15 Jährigen (ein Kind ) und einem vollbärtigen, erwachsenen, augenscheinlich viel älteren Zuwanderer?", schreibt ein Nutzer. "Er behandelt das Mädchen fast wie ein Zuhälter und der Kinderkanal will dies den Jugendlichen schmackhaft machen", postet ein anderer.

Internet-Hetzer machen sich ein Spiel daraus, mit einer Software, die anhand von Fotos das Alter schätzt, angebliche Belege dafür zu sammeln, dass Diaa in Wahrheit noch viel älter sei. Und auch "Bild" gibt sich alle Mühe, Diaa dubios wirken zu lassen. In einer Talk-Sendung des Kika hatte der Syrer erzählt, dass sein erster Vorname Mohammed sei. Fortan nennt die "Bild" ihn konsequent Mohammed. 

Fernsehdirektorin: Journalisten sollten nicht bei Hetzkampagnen mitspielen 

"Was soll das denn?", fragt Gabriele Holzner. Offensichtlich werde der Name Mohammed in der öffentlichen Debatte mittlerweile nicht mehr nur als Vorname verwendet, sondern als "Sinnbild für etwas, was gefährlich ist und was wir in unserer Kultur nicht wollen", sagt die HR-Fernsehchefin. Journalisten müssten außerdem aufpassen, nicht über jedes Stöckchen zu springen und am Ende bei den Hetzkampagnen mitzuspielen.

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Sondersendung zu "Malvina, Diaa und die Liebe"

In der ARD Mediathek gibt es die Sondersendung mit Machern, Experten und Politikern zur umstrittene Kika-Doku "Malvina, Diaa und die Liebe", in der diese auch komplett gezeigt wird. extern

Das sieht der "Bild"-Chefredakteur fundamental anders: "Für mich ist Mohammed kein unsympathischer Name", sagt Reichelt. "Das ist der Name, den er trägt und der häufigste Name der muslimischen Welt, in der ich große Teile meines Reporter-Lebens verbracht habe." Die Geschichte schlägt in der Zwischenzweit solche Wellen, dass der Hessische Rundfunk am vergangenen Samstag eine Sondersendung im Fernsehen brachte.

"Bild" hat noch einmal nachgelegt und berichtet jetzt groß darüber, dass Diaa die Facebook-Seite des Salafisten Pierre Vogel geliked hat. Kurzfristig entscheidet der Hessische Rundfunk, eine Stellungnahme von Diaa zu diesem Thema nicht zu senden. "Aus Verantwortung gegenüber den Protagonisten", wie es heißt. Der HR teilt mit, Diaa habe die Seite geliked, um an einem Gewinnspiel für eine Reise nach Mekka teilzunehmen. Er habe der Redaktion klar und deutlich versichert, dass er "sich von jeglichem Islamismus distanziert".

Filmregisseur: Den Schaden haben Malvina und Diaa

Mittlerweile ist Diaas Facebook-Profil nicht mehr öffentlich sichtbar. Dazu hat ihm die Polizei in Fulda geraten, die ihn und Malvina inzwischen unter Polizeischutz gestellt hat. Auch der Regisseur des Films, Marco Giacopuzzi, sorgt sich um seine Protagonisten: "Die Berichterstattung ist für mich eine bittere Enttäuschung", sagt er ZAPP.  Für die Sondersendung im HR hat er Malvina und Diaa noch einmal besucht und gefragt, wie es ihnen jetzt geht. "Ich fühle mich traurig", sagt Diaa. Und Malvina ergänzt mit Blick auf die Hasskommentare: "Sie suchen Gründe, um ihn fertigzumachen und damit auch eigentlich unsere Beziehung."

Das Paar hat Morddrohungen erhalten, und das gleich von zwei Seiten: den Islamhassern auf der einen und den Salafisten auf der anderen Seite. Ihnen ist der junge Syrer viel zu liberal.

Weitere Informationen
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Kika-Doku: Infos zur aktuellen Diskussion

"Malvina, Diaa und die Liebe" - die für die Diskussion um den Film relevanten Fragen und Antworten hat der HR zusammengetragen. extern

Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 17.01.2018 | 23:20 Uhr