Kriegsreporter: Im Einsatz, wo sonst keiner ist

Stand: 10.11.2020 14:14 Uhr

Irak, Syrien, Afghanistan, Somalia - Ashwin Raman berichtet seit 45 Jahren aus Krisen- und Kriegsgebieten. Er erzählt die Geschichten der Menschen vor Ort, um ihnen eine Stimme zu geben.

von Gudrun Kirfel

In Somalia traf er Piraten, in Syrien begleitete er Kurden beim Kampf um die Stadt Raqqa, in Afghanistan filmte er an vorderster Front. Ashwin Raman versteht sich als Anti-Kriegsreporter, der die Brutalität des Krieges zeigt - um abzuschrecken.

Kriegsreporter Ashwin Raman © NDR
Sieht sich als Anti-Kriegsreporter: Ashwin Raman.

Ein Reporter, der mit seiner Kamera an Orte geht, an denen Journalisten um ihr Leben fürchten müssen. In Somalia war er sich beispielsweise nicht sicher, ob das Treffen mit einem Piratenboss zur Falle werden könnte. Denn überall standen mit Maschinengewehren und Patronenhülsen behängte, aufgeputschte Männer. Raman mittendrin, als "One-Man-Team" - allein mit seiner digitalen Kamera. Seit 45 Jahren berichtet Ashwin Raman aus Krisen- und Kriegsgebieten.

Menschen treffen, ihre Geschichte erzählen

Er machte Reportagen im Irak, in Syrien, in Afghanistan und Somalia, im Auftrag von ARD, ZDF und Arte, aber auch für internationale Sender wie Channel 4, CNN oder CBS. Und gewann dafür Preise wie den Grimme Fernsehpreis oder den Deutschen Fernsehpreis.

In Selm, einer Kleinstadt in Westfalen, treffen wir den mittlerweile 74-jährigen Raman und seine Frau. Weil er wegen der Corona-Krise zur Zeit nicht reisen kann, bereitet er zu Hause eine Dokumentation vor. Sie soll im Kino laufen, der Titel steht schon fest: "The war".

"Ich will keine Action filmen, sondern einfache Menschen treffen", erzählt er im Interview mit ZAPP. Er möchte zeigen wie Menschen an vergessenen Orten dieser Welt leben. Es sei nicht die Gier nach Extremsituationen, die ihn antreibe. Vielmehr wolle er immer schnell wieder nach Hause, wenn er in solchen Ländern unterwegs sei - "vom ersten Tag an". Aber: "Irgendjemand muss doch bezeugen, wie die Menschen im Krieg leben", so Raman fast bescheiden.

Die Welt durch einen kleinen Sucher

In einem Flüchtlingslager im Irak erzählt ihm ein Ehepaar, wie IS-Kämpfer vor ihren Augen ihre beiden Kinder ermordeten. Die Mutter wurde am Leben gelassen, sie solle lebenslang leiden und den Schmerz fühlen. Manchmal kauft sie jetzt Spielsachen und verteilt sie im Lager, die Freude der Kinder lenke sie ab. Diese Geschichten von Menschen sind der Inhalt seiner Filme. Für Raman reduzieren sich unsere Fernsehnachrichten viel zu sehr "auf Trump, Brexit und zur Zeit: Corona". Mehr Ausland gäbe es nur, wenn Anschläge passierten, etwa in Afghanistan. Und wenn es dabei einen Zusammenhang mit den am Hindukusch stationierten deutschen Soldaten gebe, nennt Raman das "die Hofberichterstattung zur Bundeswehr".

Szene aus "Im Land der Piraten" von Kriegsreporter Ashwin Raman © NDR
Falle oder nicht? In Somalia trifft Ashwin Raman auf Piraten.

Jungen Journalisten rät er, ihr Konzept über Bord zu werfen. "Fast alle haben so einen Film im Kopf und danach suchen sie Sachen dort". Bei ihm läuft das anders, er verabscheut Drehbücher: "Ich gehe da hin, gucke, was da läuft, ich filme." Seine Frau schenkte ihm vor 25 Jahren einen digitalen Camcorder, eigentlich für Familienaufnahmen. Er nahm das Teil mit nach Afghanistan und sieht die Welt seitdem durch seinen kleinen Sucher.

Der Piratenboss ist übrigens am Ende wirklich erschienen und ließ sich interviewen. Raman fragte ihn, warum er sich für die Piraterie entschieden habe und warum er unschuldige Opfer als Geiseln hielte. Der Piratenboss antwortete auf alles - bis auf die letzte Frage. Da fragte Raman nach seiner Adresse und Telefonnummer. Lachend verschwand der Piratenboss.

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Das Bild zeigt viele Menschen in einem Kriegsgebiet, die sich um einen Verwundeten oder getöteten Menschen kümmern. © NDR

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ZAPP | 11.11.2020 | 23:20 Uhr

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