Stand: 07.01.2020 18:48 Uhr

Kreuzfahrtboom: Das Geschäft mit Leserreisen

von Sebastian Asmus

Die Verlage fast aller deutschen Zeitschriften und Zeitungen verdienen mit Reisen für Leser sehr gutes Geld. Leserreisen sind angesichts rückläufiger Auflagen und Anzeigenverkäufe zu einem wichtigen Zusatzgeschäft geworden. Das gilt für die Süddeutsche Zeitung wie für die Nürnberger Nachrichten, für den Stern wie für den Weser Kurier. Und was im "normalen" Reisegeschäft boomt, ist auch bei den Leserreisen ein Kassenschlager: Kreuzfahrten.

Kreuzfahrtboom: das Geschäft mit Leserreisen

ZAPP -

Leserreisen sind für fast alle deutschen Medienhäuser zu einem wichtigen Zusatzgeschäft geworden. Dabei werden auch Kreuzfahrten beworben - trotz deren Umweltschädlichkeit.

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Damit verdienen die Verlage an dem, was die Redaktionen regelmäßig anprangern: Kreuzfahrten sind bis auf ganz wenige Ausnahmen eine üble Umweltsauerei. Viele Reedereien vermeiden durch das Ausflaggen ihrer Schiffe in nennenswerter Höhe Steuern zu zahlen, und sie beuten das in aller Regel aus armen Ländern stammende einfache Personal an Bord oftmals aus.

"Wahnsinn Kreuzfahrt"

"Die Profite im Kreuzfahrt-Wesen sind exorbitant. Es gibt nur ganz wenige Branchen, in denen ähnliche Riesen-Gewinne erzielt werden", sagt Wolfgang Meyer-Hentrich. Der Journalist und Autor war selbst einmal Kreuzfahrt-Fan. Die Entwicklung zum Massengeschäft mit künftig bis zu 10.000 Passagieren auf einem Schiff habe ihn jedoch zum Umdenken gebracht. Über die negativen Folgen der Kreuzfahrten schrieb er in seinem Buch "Wahnsinn Kreuzfahrt".

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Spricht von "exorbitanten Gewinnen": Autor Wolfgang Meyer-Hentrich.

Alle großen Verlage berichten über diese Schatten-Seiten der Urlaubsfabriken auf hoher See. Und fast alle verdienen über Kreuzfahrt-Leserreisen daran. Diesen Widerspruch hat der "Spiegel" im August vergangenen Jahres eingeräumt. "S.O.S. Wahnsinn Kreuzfahrt - die dunkle Seite des Traumurlaubs" titelt das Magazin damals. Und auf Seite 3, in der sogenannten "Hausmitteilung", heißt es: "Selbstkritisch sei hier eingeräumt, dass der Spiegel-Verlag, wie andere Medien-Häuser auch, Leserreisen auf Kreuzfahrtschiffen anbietet. (…) Wir werden die Titelgeschichte trotzdem zum Anlass nehmen, diese Kooperationen neu zu überdenken."

ZAPP hat den Spiegel um ein Interview zu dem Thema gebeten. Das wollte man uns nicht gewähren. Ergebnisse aus dem "Überdenken" der Kreuzfahrt-Leserreisen gibt es fünf Monate nach der Ankündigung nicht. "Das ist ein Kampf der Geister. Die Verlagsmanager wollen natürlich, dass die Kasse stimmt. Und auf der anderen Seite wollen die kritischen Redakteure natürlich ab und zu mal ein bisschen was über die Wirklichkeit schreiben. Und normalerweise gewinnt die Kasse. Normalerweise gewinnt das Management", meint Wolfgang Meyer-Hentrich.

"Journalismus live" bei der "Zeit"

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So wirbt zum Beispiel die FAZ mit Schiffsreisen.

Das Geschäft mit Kreuzfahrt-Leserreisen hat die Hamburger Wochenzeitung "Die Zeit" perfektioniert: Seit einigen Jahren bietet der Verlag Leser-Kreuzfahrten an, die von Redakteuren der "Zeit" begleitet werden. Und das sind durchweg Redakteure mit besonderer Verantwortung: Ressortleiter, Korrespondenten oder Stellvertreter des Chefredakteurs. Mit "Journalismus live" wirbt der Zeit-Verlag dafür in seinem Reisekatalog. Was immer das genau heißen soll. Die "Zeit"-Journalisten jedenfalls unterhalten die zahlungskräftigen Leserinnen und Leser an Bord mit Vorträgen. Die Premium-Reise dieser Art, die von vier leitenden Redakteuren im Wechsel begleitet wird, kostet in der gehobenen Kabine dann auch ab 29.000 Euro pro Person.

ZAPP hätte der "Zeit" hierzu gerne Fragen vor laufender Kamera gestellt. Denn in den journalistischen Leitlinien der Zeit-Redaktion heißt es: "An kommerziellen Aktivitäten des Verlages beteiligen sich die Redakteurinnen und Redakteure nur dann, wenn dadurch ihre journalistische Unabhängigkeit nicht beeinträchtigt wird."

Inwieweit die "Zeit" durch diese Geschäftspraktik eine Gefahr für die journalistische Unabhängigkeit sieht, erfuhr ZAPP jedoch nur schriftlich: „Die Unabhängigkeit der Redaktion ist unser höchstes Gut. […] Bei der ZEIT arbeiten Verlag und Redaktion seit jeher vertrauensvoll und eng zusammen - natürlich immer unter Wahrung roter Linien, die es in Medienhäusern geben muss."

Journalistische Unabhängigkeit bedroht

Colin Porlezza von der City University of London hat über die Gefährdung der journalistischen Unabhängigkeit durch die geschäftlichen Interessen der Verlage geforscht. "Ich kann hier durchaus Komplexitäten in der Unabhängigkeit von Seiten des Journalisten sehen", meint der Medienwissenschaftler. "Es gibt dieses geflügelte Sprichwort 'Wes Brot ich ess, des Lied sing'". Dies gelte insbesondere dann, "wenn ich hier als Journalist von all diesen Vorzügen Gebrauch mache, beziehungsweise solche Reisen eben auch dazu benutze, vielleicht noch einen eigenen Vorteil davon zu haben."

Für die Leserinnen und Leser sei es meist kaum zu erkennen, in welcher Funktion ein Journalist mit an Bord ist - ob als Teil der Redaktion oder als Unternehmensvertreter. "Wichtig ist, dass hier ganz klar gesagt wird, das ist ein Geschäft", fordert Porlezza. "Das ist ein Angebot, das von Verlagsseite kommt und eben nicht von der Redaktion. Und dass diese beiden Angebote ganz deutlich auseinandergehalten werden." Sonst beschädigt das einträgliche Nebengeschäft am Ende die journalistische Glaubwürdigkeit. Und damit den guten Ruf der Marke, die man auf dem Kreuzfahrtmarkt versilbern will.


13.01.2020 16:32 Uhr

Hinweis der Redaktion: Wir haben nach einem Hinweis des "Hamburger Abendblattes" einige Bilder im Beitrag ausgetauscht, die in einem anderen Zusammenhang entstanden sind. Wir bitten den Irrtum zu entschuldigen.

 

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