Sendedatum: 23.01.2019 23:20 Uhr

Komparse spielt Anwalt: Verwirrung bei Sat.1

von Sabine Schaper

Vergangene Woche erreichte die ZAPP-Redaktion die Email eines aufmerksamen Zuschauers: Im "Sat.1 Frühstücksfernsehen" war ihm ein bekanntes Gesicht aufgefallen, das eines Anwalts. Der berichtete dort über den Fall seiner Mandantin, einer gemobbten Lehrerin. Dieser Anwalt war dem Zuschauer bereits von anderen TV-Auftritten bekannt - und zwar als Immobilienmakler. Welche Identität war nun die richtige?

Immobilienmakler und Kleindarsteller

Unsere Recherche hat schnell ergeben: Sebastian Fesser gibt es wirklich. Er ist Immobilienmakler und tritt als solcher auch im Fernsehen auf, etwa mit seinen "schwersten Fällen" in "Die große Reportage" bei RTL oder im Kampf gegen Mietnomaden in "taff" auf ProSieben. Auch bei DAS!" im NDR war er schon als Immobilienmakler zu sehen. Außerdem lässt sich Fesser als Kleindarsteller buchen, etwa als Lebensmittelkontrolleur in "Betrugsfälle" bei RTL oder als Geisel in einem Beitrag für "Welt der Wunder" auf RTL2. Und zuletzt als Dr. Andreas Heinemann, Anwalt der gemobbten Lehrerin Marion, für das "Sat.1 Frühstücksfernsehen" vom 15. Januar. ZAPP hat mit Sebastian Fesser telefoniert, vor der Kamera wollte er sich aber nicht äußern.

Kennzeichnung unterlassen

Die vielfältigen Auftritte sind kein Problem - solange die zuständigen Sender kennzeichnen, wenn er jemand anderen verkörpert als sich selbst. Das ist im Fall des "Sat.1 Frühstücksfernsehen" vom 15. 01. 2019 allerdings unterlassen worden, es gab weder eine Kennzeichnung im Beitrag selbst, noch einen Hinweis in der An- oder Abmoderation, dass es sich um eine nachgestellte Szene handelte und nicht um authentisches Bildmaterial.

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"Das Publikum fühlt sich getäuscht" - MedienwissenschaftlerinProf. Joan Bleicher kritisiert die fehlende Kennzeichnung.

Das sei irreführend und hätte gekennzeichnet werden müssen, kritisiert die Medienwissenschaftlerin Prof. Joan Bleicher von der Universität Hamburg: "Es ist natürlich üblich, dass Personen als Kleindarsteller in ganz verschiedenen Rollen auftauchen. Aber eher in Scripted-Reality-Formaten als in Informationssendungen. Und trotzdem das Frühstücksfernsehen natürlich eine Unterhaltungssendung ist, hat es auch informative Anteile. Insofern grenzt das Ganze an den Bereich der Fake News."

"Publikum fühlt sich getäuscht"

Auf Nachfrage, warum der Hinweis unterblieben sei, weist Sat.1 die Schuld von sich: "Die Produktionsfirma unseres 'Sat.1 Frühstücksfernsehen' ist von einem externen Produzenten betrogen worden." Beim ersten Verdacht habe man auf Facebook reagiert und den Beitrag gesperrt. Zuvor hatten sich zahlreiche Zuschauer in den sozialen Medien über den ihnen offenkundigen Fake beschwert.

"Das Publikum fühlt sich getäuscht", so Bleicher, "weil es natürlich die dargestellten Personen in ihrer Funktion wahrnimmt. Und sie werden häufig erst stutzig, wenn sie die gleiche Person in mehreren Sendungszusammenhängen sehen."

Ein lascher Umgang mit dem Vertrauen der Zuschauer in die Authentizität der journalistischen Inhalte kann Folgen haben - zumal die Grenze zwischen Fakt und Fiktion auch durch die vielen nur notdürftig gekennzeichnete Scripted-Reality-Formate für das Publikum zunehmend schwerer zu erkennen ist, mahnt Bleicher: "Das trägt natürlich zum Glaubwürdigkeitsverlust der Medien bei, wenn immer wieder solche Re-Inszenierungen passieren. Und das trägt natürlich dazu bei, das allgemeine Misstrauen der Menschen gegenüber den Medien zu fördern."

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ZAPP | 23.01.2019 | 23:20 Uhr