Eine Aktivistin hält bei einer Fridays for Future Demonstration ein Schild mit der Aufschrift "There's no Planet B" hoch. © picture alliance/Geisler Fotopress Foto: Matthias Wehnert

Medien im Klimawandel: Aktivismus oder Journalismus?

Stand: 30.09.2020 08:30 Uhr

Der "Stern" hat eine komplette Ausgabe zusammen mit der Klimaschutzbewegung "Fridays for future" produziert - und damit eine neue Debatte über Journalismus und Aktivismus ausgelöst.

von Nils Altland, Inga Mathwig

"Die Ausgabe ist eine Schande für die journalistische Neutralität! [...] Ihr Blatt kommt mir nicht mehr ins Haus", so empört lesen sich derzeit einige Leserbriefe an den "Stern". Das aktuelle Heft ist in Kooperation mit der Klimaschutzbewegung "Fridays for future" entstanden. Die jungen Aktivistinnen und Aktivisten waren bei den Konferenzen dabei, konnten Themenvorschläge einbringen, Gesprächspartner vorschlagen.

Eine gemeinsame Sache zwischen Journalisten und Aktivisten - manche in der "Stern"-Redaktion halten dies für eine Grenzüberschreitung. Chefredakteur Gless verteidigt sie: "Wir sind ja Journalisten, und wir sind sozusagen in der Wolle gegerbt unabhängig. Ich definiere ja meine Unabhängigkeit selber. Und natürlich gebe ich an keiner Stelle meine Unabhängigkeit auf, nur weil ich mit jungen Menschen über Themen diskutiere."

Spannungsverhältnis seit Jahren vorhanden

Kommunikationswissenschaftler Michael Brüggemann analysiert die Klimaberichterstattung seit Jahren. Er beobachtet, dass Journalistinnen und Journalisten oft in einem Spannungsverhältnis stecken - zwischen neutraler, unabhängiger Berichterstattung und eigenen Werten und gesellschaftlichen Anliegen: "Jetzt gibt es die Möglichkeit, das einfach auszublenden und so zu tun, als ob ich das gar nicht habe. Das wäre aber verlogen. Und der Stern ist jetzt einen anderen Weg gegangen und hat das transparent gemacht."

Auch dem Berliner Journalisten und Moderator Kai Schächtele ist die Klimakrise ein großes Anliegen. Gerade deswegen mache er keine klassische Berichterstattung mehr. Stattdessen klärt er in der Klimashow "vollehalle" über den Klimawandel auf. Im Journalismus sei es aber Pflicht, ein Thema immer von unterschiedlichen Seiten zu beleuchten, so Schächtele. "Jetzt hat sich der Stern einer Sichtweise quasi ausgeliefert. Und ich frage mich, wie der Stern in der nächsten Ausgabe zu einer Sichtweise zurückkehren will, von der sich auch diejenigen angesprochen fühlen, die sagen: Ich verstehe schon, die Klimakrise ist ein Problem. Aber mir ist das zu hysterisch."

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Keine zwei Meinungen mehr

"Bei der Klimakrise gibt es ehrlich gesagt keine zwei Meinungen mehr. Da tickt die Uhr. Und das war ja der Grund warum wir die Aktion gemacht haben", hält "Stern"-Chefredakteur Gless dagegen. Ist es aber wirklich einzig der Klimaschutz, der den "Stern" zur Kooperation bewegt hat? Fakt ist: die "Stern"-Ausgabe mit Fridays for future hat sich laut Chefredakteur Gless sowohl beim Erlös, als auch in der Anzeigenabteilung bezahlt gemacht. Den Vorwurf eines gelungen PR-Coups hält er für eine grundlose Unterstellung: "Wir haben ein Ressort gegründet, wir werden Geschichten machen. Wir haben schon mehrere Geschichten wieder in der Pipeline, haben eine neue Rubrik, die auch diese Woche im "Stern" startet. Uns ist das echt verdammt ernst."

Klima immer mitdenken

Ernst ist es auch den mehr als 50 Medienschaffenden, die im Fachmagazin "JournalistIn" einen offenen Brief der Journalistin Sara Schurmann unterzeichnet haben. Schurmann fordert, bei jeder Berichterstattung die Auswirkungen auf das Klima mitzudenken. Viele Medien würden die Klimakrise nicht in ganzem Ausmaß anerkennen. Eine ähnliche Forderung stellte unlängst auch eine Aktivistengruppe: Anstelle der "Börse vor Acht" sollte das Erste ein "Klima vor Acht" senden.

Kommunikationswissenschaftler Brüggemann begrüßt die Initiative - eigentlich: "Ich finde es so unglaublich, dass über die Ziehung der Lottozahlen regelmäßig berichtet wird und auch über die Börse. Und beides sind wirklich so Randthemen, das können Sie machen, aber über Klimawandel nicht." Nur dafür müsse es eine journalistische Initiative geben. "Öffentlich-rechtliche Journalisten müssten ein 'Klima vor Acht' anbieten. Und nicht darauf warten, dass es irgendwelche Leute in ihrer Freizeit produzieren."

 

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ZAPP | 30.09.2020 | 23:40 Uhr