Stand: 12.07.2018 10:20 Uhr

Katja Reim: "Es hatte etwas von Auslandsreport"

von Caroline Schmidt

Deutschland ist immer noch ein geteiltes Land, wenn es um Presse und Fernsehen geht. Viele Leitmedien aus den alten Bundesländern sind im Osten weniger erfolgreich als im Westen. Katja Reim ist stellvertretende Chefredakteurin der "Superillu", der einzigen großen Ost-Zeitschrift.

ZAPP: Frau Reim, die “Zeit“ hat eine Ausgabe extra für Ost-Deutschland und auch Krautreporter will nun dahin expandieren. Warum gibt es 30 Jahre nach der Wende immer noch Medien extra für Ostdeutschland?

Katja Reim: Weil der Osten 30 Jahre nach der Wende immer noch in gewissen Klischees wahrgenommen wird. Wir sind zwar auch ein Medium speziell für den Osten. Allerdings versuchen wir eben nicht über den Osten zu berichten, sondern für den Osten, um den Leuten dort auch eine Heimat zu geben. Wenn ich mich nicht widergespiegelt finde in einer Zeitung oder in der Zeitschrift, ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich die kaufe, nicht besonders groß. Deshalb glaube ich, ist es eine gute Sache, dass jetzt auch wieder angefangen wird, dorthin zu gehen und dorthin zu gucken und dort auch Normalität wahrzunehmen.

Katja Reim, stellvertretende Chefredakteurin der "Superillu". © NDR

Katja Reim: "Es hatte etwas von Auslandsreport"

Im ZAPP-Sommerinterview spricht die stellv. Chefredakteurin der "Superillu", Katja Reim, über westliche Zerrbilder, Ost-Biographien und gegenseitige Wertschätzung.

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Gibt es überhaupt den Ost-Leser? Was haben ein Leipziger und ein Teterower denn gemeinsam?

Sagen wir mal so: Ein Hamburger und ein Münchner haben auch gewisse Sachen, die sie unterscheiden. Was aber in Ostdeutschland alle in irgendeiner Form vereint, ist die Erfahrung, dass von einem Tag auf den anderen alles anders war. Alle Biografien haben Brüche bekommen. Das, was gestern stimmig gewesen war, stimmte auf einmal nicht mehr. Dinge, an die man geglaubt hatte, waren plötzlich weg. Dinge, gegen die man gekämpft hatte, waren auch weg. Und nun war man damit beschäftigt, Leben neu zu lernen. Also wirklich alles, vom Einkaufen übers Geld abheben bis hin zur Frage, wie funktionieren Gesetze oder wie beantrage ich einen Pass.

Die "Superillu" hat im Osten drei Millionen Leser pro Woche. Wie erklären Sie sich Ihren Erfolg?

Die "Superillu" ist eine gewachsene Zeitschrift. Sie ist von Burda 1991 ins Leben gerufen worden speziell für die ostdeutschen Leser. Es war immer ein gemischtes Redaktionsteam, das heißt, es war immer klar, was wir den Leuten erklären müssen. Am Anfang war der Ratgeberteil ganz wichtig, wo Dinge erklärt wurden, die für einen Westdeutschen selbstverständlich waren. Alleine wie funktioniert das Schulsystem jetzt. Wie beantragt man Bafög, zum Beispiel. Aber auch Aufklärung darüber, was die ganze bunte Bilderwelt mit sich brachte.

Und heute?

Heute ist es eine ziemlich gute Mischung aus Politik-Geschichten, Interviews und Wirtschaftsgeschichten aus dem Osten – und Letzere eben nicht nur dann, wenn die Werke schließen, sondern auch wenn eines aufmacht, oder wenn es Erfolge zu vermelden gibt. Es gibt eine Berichterstattung aus den Regionen. Es gibt immer noch einen großen Ratgeberteil, es gibt Kinderseiten. Aber auch Geschichten über die Stars von früher und heute, wenn sie ostdeutsche Wurzeln haben.

Das klingt alles so heimelig. Kritiker bezeichnen sie auch als bieder. Braucht der ostdeutsche Leser Zuspruch?

Ich glaube, der Ostdeutsche an sich braucht Wertschätzung. Und dass er positive Geschichten gerne liest, ist nicht verwunderlich. Was aber nicht heißt, dass wir uns nicht auch mit kritischen Sachen auseinandersetzen. "Superillu" hat im Osten eine Markenbekanntheit wie Coca-Cola. Wir bieten etwas für die ganze Familie. Es ist nicht nur eine reine Frauenzeitschrift oder ein reiner Ratgeber. Wir bilden gesamtdeutsche Themen ab, aber es geht auch viel um diese Spezifika und um die Wertschätzung von Brüchen. Wir drucken demnächst eine Geschichte von einem Mann, der nach der Wende seinen Job verloren hat und dann gesagt hat, okay, ich mache mich jetzt selbständig. Sein Grillrestaurant läuft heute verdammt erfolgreich. Wichtig ist, auch die positiven Seiten wahrzunehmen, weil der Osten in der großen Berichterstattung häufig nur dann stattfindet, wenn es irgendwo brennt, Werke geschlossen werden, oder Pegida marschiert.

Wieso sind die Westmedien wie "Süddeutsche", "Zeit" und "Spiegel" nie mit ihren Hauptausgaben im Osten richtig angekommen?

Zum einen glaube ich daran, dass die Berichterstattung aus dem Osten ein bisschen etwas von Auslandsreport hatte. Na wir gehen mal hin und gucken, und dann gehen wir wieder raus. Und das oft nur, wenn Dinge negativ auffallen. Wenn dagegen über normale Geschichten berichtet wird wie über das neue Kindergeld, dann sind es hauptsächlich Beispiele aus den alten Bundesländern.

Kann man sagen, dass die klassischen Westmedien ein Zerrbild zeichnen?

Na ja, Zerrbild würde ich es nicht nennen.

Was wäre ein besserer Begriff?

Es wirkt oft so, als ob einer nur losgegangen ist, um seine Klischees zu bestätigen. Es kommt als Journalist ja immer darauf an, wo einer hinguckt: Will ich die Geschichte erzählen von dem, der angekommen ist - oder will ich die Geschichte von dem erzählen, der am Rand steht und irgendwie aufs System spuckt? Und mein Gefühl ist, dass die Geschichten oft verzerrt sind - aber eher im Sinne einer Suche nach Klischees, die bestätigt werden.

Kann man sagen, dass es 30 Jahre nach der Wende immer noch die Mauer in den Köpfen gibt?

Nein, das Bild passt nicht. 30 Jahre nach der Wende gibt es immer noch ein Unverständnis dafür, was diese Zeit bedeutet hat, und was auch die Nachwendezeit bedeutet hat. Viele Phänomene, die jetzt in den neuen Bundesländern auftreten, haben auch damit zu tun, was dort nach der Wende passiert ist. Was hat die Treuhand gemacht? Wie sind die Fabriken abgewickelt worden? Warum ist nicht auch auf die Leute zurückgegriffen worden, die da waren? Es sind ganze Chefetagen aus dem Westen in den Osten exportiert worden. Es ist wichtig, das zu verstehen. Viel wichtiger, als zu sagen, da steht immer noch die Mauer, denn so kommen wir keinen Schritt weiter.

Inwiefern sind die Medien schuld daran, dass es heute nicht mehr Verständnis für die Unterschiede gibt?

Ich weiß nicht ob man eine Schuldfrage stellen sollte. Ich finde es wichtiger zu sagen, wie kommen wir da raus.

Wie kommen wir denn da raus?

Ich glaube, mit solchen Sachen wie vor Ort gehen und Journalismus aus den neuen Bundesländern heraus machen. Eben was die „Zeit“ und „Krautreporter“ jetzt tun. Miteinander reden, zuhören, Brüche annehmen und nichts mehr aufdrücken.

Fühlen Sie sich durch die neue Konkurrenz nicht als Medium ein wenig bedroht?

Im Gegenteil, ich glaube, dass es gut tut. Vielleicht werden wir dann auch einmal im Westen wahrgenommen. Da ist es ja schon schwierig, die Zeitung zu bekommen. Vielleicht wächst so ein gegenseitiges Interesse aneinander.

Vielen Dank für das Interview.

 

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