Stand: 26.09.2018 22:00 Uhr

Kampf um die Deutung im Hambacher Forst

von Timo Robben
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Die Journalistin Anett Selle reist für die "taz" zum Hambacher Forst und berichtet regelmäßig - auch per Livestream.

Der Hambacher Forst ist momentan der umstrittenste Wald Deutschlands. Die verbleibenden 200 Hektar will der Energiekonzern RWE roden. Im Weg stehen eine Handvoll Aktivisten, die die Bäume besetzt halten. Und ein großer Teil der Zivilgesellschaft. So auch letzten Sonntag. Tausende Menschen sind in den Wald geströmt, um gegen die Rodung zu demonstrieren. Im Wald: eine Gemengelage aus Journalisten, Aktivisten, Demonstranten und Polizisten. Mitten drin: Die Journalistin Anett Selle.

Die freie Journalistin Anett Selle zeigt einem Polizisten ihren Presseausweis.

Kampf um die Deutung im Hambacher Forst

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Aktivisten und Polizisten stehen sich im Hambacher Wald gegenüber - dazwischen: die Journalisten. Sie versuchen, sich in die Lage der verschiedenen Interessengruppen hineinzuversetzen.

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Journalisten zwischen den Fronten

Anett Selle streamt live via Twitter. Außerdem schreibt die 27-jährige Journalistin für die "taz". Kaum ein Pressevertreter kennt sich im Hambacher Forst so gut aus. Die Stimmung ist an diesem Sonntag nicht gut. Aktivisten provozieren die Polizisten - und die wiederum lassen sich provozieren. Ein Katz-und-Maus-Spiel. Vor allem die Polizei macht den Journalisten im Wald hin und wieder das Leben schwer. "Das Problem ist halt, wenn keine Pressevertreter der Polizei da sind. Da hatte ich halt eine Situation, da war eine Beamtin verunsichert, die wusste nicht genau, was sie erlauben kann und was nicht, und hat mich dann eben stehen lassen."

Journalist zeigt Verständnis für Polizeikontrollen

Auch Ben Bode, Journalist beim WDR, kennt das Problem. Der Filmemacher ist eine halbe Stunde von der Polizei aufgehalten und durchsucht worden - obwohl er sich als Pressevertreter zu erkennen gegeben hat. Für das Dilemma der Polizeibeamten hat er Verständnis: "Es gibt Kollegen, die Presseausweise haben. Und ich trag den ja auch einfach um den Hals, das macht es für alle einfacher. Aber natürlich gibt es auch Menschen, die keinen haben. Das macht es die Polizei natürlich schwer, zu sortieren. Am Ende könnte sich ja jeder eine Kamera umhängen und einfach im Wald sein und sagen, ich bin aber Presse."

Tödlicher Unfall eines Journalisten zeigt Gefahren auf

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Ein Baumhaus im Hambacher Forst.

Vor einer Woche kam es im Wald zu einem tragischen Unfall, bei dem der Blogger Steffen Meyn ums Leben kam. Als er die Räumung dokumentieren wollte, ist er durch eine Hängebrücke gebrochen und 15 Meter tief gestürzt. Ben Bode kannte Meyn. Sein erster Gedanke: "Ja, das hätte auch ich sein können. Also vor zwei Jahren war ich selber auf so einem Baumhaus drauf. Um mir das anzugucken und um das zu filmen. Natürlich war ich die ganze Zeit dabei gesichert. Aber das ist auch alles nicht ungefährlich. Das hält einem das noch mal vor Augen."

Absturz war live im Netz zu sehen

Anett Selle ist live dabei, als es passiert. Sie streamt gerade, als Meyn stürzt, hat das Unglück zufällig gefilmt. Sie versucht, die Situation für die Zuschauer einzuordnen. "Man muss sich auch vorstellen, es war ja nicht klar, ob er sterben würde, ja? Also dieser Waldboden, der federt. Mir sind Geschichten von Menschen bekannt, die noch tiefer gefallen sind und überlebt haben. Das sind natürlich Ausnahmefälle - aber Wunder gibt’s immer wieder. Und ich hab erst mal versucht, das für die Live-Zuschauer einzuordnen."

Selle: "Ich versuche, beiden Seiten möglichst gerecht zu werden"

Trotz des Todesfalls gehen die Räumungen der Baumhäuser inzwischen weiter. Anett Selle ist dabei. Sie versucht, sich bei der Berichterstattung in die einzelnen Parteien hineinzuversetzen. "Was würde in mir vorgehen, wenn ich da in so einer Polizeiuniform stehen würde. Was würde in mir vorgehen, wenn ich jetzt in einem Baumhaus sitzen würde? Und dann versuche ich, beiden Seiten möglichst gerecht zu werden." Nicht immer einfach in einer Gemengelage wie dieser. Dafür umso wichtiger.

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Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 26.09.2018 | 23:20 Uhr