Stand: 10.10.2018 15:35 Uhr

Journalistenverbände kritisieren "hart aber fair"

von Daniel Bouhs & Andrej Reisin

"Warum haben eigentlich gerade die Besserverdiener so viele Möglichkeiten, den Staat auszutricksen?" Die ARD-Talkshow mit Frank Plasberg hat Beispiele zusammengestellt und mit ihrer Antwort den Unmut freier Journalisten auf sich gezogen. Sie ist die einzige Berufsgruppe, die "hart aber fair" konkret benennt. Nach der allgemeinen Info, Chefs würden Blumensträuße geschäftlich absetzen, dann aber ihrer Frau schenken, heißt es: "Auch beliebt [ist] der Restaurantbesuch, etwa bei Journalisten. Das Abendessen mit Freunden wird in der Steuererklärung als Informanten-Gespräch verbucht."

Screenshot "hart aber fair"

"Abendessen mit Freunden als Informanten-Gespräch verbucht"

ZAPP -

Für den ARD-Talk "hart aber fair" sind offenbar viele Journalisten Steuer-Trickser.

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Berufsverbände sind empört

Die Berufsverbände der Journalisten haben mit Empörung auf diese Passage bei "hart aber fair" (Sendung: 8. Oktober 2018) reagiert, das kurioserweise mit Frank Plasberg selbst von einem unternehmerisch tätigen Journalisten präsentiert wird: Die Sendung wird im Auftrag des WDR von einer Produktionsgesellschaft produziert, an der Plasberg beteiligt ist. "Wenn Sie immer noch denken, dass freie Journalisten zu steuerhinterziehenden Besserverdienern gehören, sprechen Sie mal mit freien Kollegen in Ihrem Sender", twitterte etwa der Verband Freischreiber, der auch freie Journalisten beim Rundfunk vertritt, in einer ersten Reaktion.

DJU schreibt Plasberg Brief

Die Deutsche Journalistenunion (DJU) in Verdi hat der "hart aber fair"-Redaktion im WDR wiederum einen ausführlichen Brief geschrieben, der ZAPP vorliegt. Die Gewerkschaft wirft der Talkshow eine "nicht zulässige Tatsachenbehauptung" vor: "Es mag sein, dass es unter unseren Kolleginnen und Kollegen den einen oder die anderen gibt, die so etwas praktizieren. Das rechtfertigt aber nicht, einer ganzen Berufsgruppe ein solches Fehlverhalten zu unterstellen. Damit verletzt die Redaktion nicht nur ihre journalistische Sorgfaltspflicht. Sie diskreditiert eine Berufsgruppe - ihre eigene -, die sich in der Öffentlichkeit zurzeit ohnehin gegen viele ungerechtfertigte Vorwürfe zur Wehr setzen muss, in unerträglicher Weise."

Downloads

Verdi-Brief an "hart aber fair"

Lesen Sie hier den Brief von Verdi an die ARD-Talkshow Download (215 KB)

Auch die DJU findet die Annahme realitätsfern, freie Journalisten zählten grundsätzlich zu den Besserverdienern: "Mag sein, dass auch dies auf einige wenige Kolleginnen und Kollegen zutrifft, möglicherweise auch auf Frank Plasberg. Für das Gros der Freiberufler unter den Journalisten trifft das aber nicht zu."

DJV: "böswillige Verallgemeinerung"

Der Deutsche Journalistenverband (DJV) sprach ergänzend von einem "Zerrbild von freien Journalisten". Bundesvorsitzender Frank Überall, der auch für den WDR arbeitet, warf der Talkshow eine "böswillige Verallgemeinerung" vor. Alle 30.000 freie Journalisten als "gewissenlose Schnorrer zu disqualifizieren" sei "eine Frechheit". Das Durchschnittseinkommen freier Journalisten haben bei der letzten Umfrage des Verbandes bei 2.100 Euro monatlich gelegen – "vor Steuern".

Ausgewiesene "Ersparnis" viel zu hoch angesetzt

Zudem wird im "Hart aber Fair"-Beispiel behauptet, möglich sei eine Steuer-"Ersparnis" von 70 Prozent des Rechnungsbetrages. Richtig ist demgegenüber: Bei einer Rechnung von beispielsweise 100 Euro können 70 Prozent, also 70 Euro als Bewirtungskosten geltend gemacht werden. Wer also zum Beispiel Einnahmen von 2.100 Euro im Monat hätte, müsste nun nur noch 2.030 Euro davon versteuern. Die "Steuerersparnis" in diesem Beispiel läge in Steuerklasse I bei gerade einmal gut 5 Prozent.

Doch auch Journalisten, die beispielsweise 4.000 Euro im Monat einnehmen, würden so nur gut 20 Prozent sparen, bei 6.000 Euro wären es rund 30 Prozent. Je nach individuellem Steuersatz variiert diese "Ersparnis" also. Die Angabe 70 Prozent ist jedoch viel zu hoch. Sie beruht auf der Verwechslung von Betriebskosten mit der "Steuerersparnis", die dadurch erzielbar ist.

Redaktion weist Kritik "mit Nachdruck" zurück

Die Redaktion von "hart aber fair" hat die Kritik der Journalistenorganisationen "mit Nachdruck als unbegründet" zurückgewiesen. Sie habe sich auf Gespräche mit Steuerberatern gestützt. "Auch freie Journalisten-Kollegen berichten in persönlichen Gesprächen offen darüber", hieß es gegenüber ZAPP. Die kritisierte Formulierung sei "mitnichten eine 'nicht zulässige Tatsachenbehauptung'", sondern eine "durch Recherche gedeckte Aussage". Außerdem seien "keineswegs" alle 30.000 freien Journalisten in Deutschland gemeint gewesen.

Auch den Schuh, "hart aber fair" habe mit der kritisierten Passage Ressentiments geschürt, zieht sich die Redaktion nicht an. "Wenn Journalisten da, wo es geboten ist, ihre eigene Berufsgruppe aus begründeter Kritik nicht herausnehmen, dürfte dies viel eher dazu geeignet sein, bestehenden Ressentiments entgegen zu wirken", erklärte sie. Allerdings räumte die Redaktion ein, der im Film beschriebene steuerliche Effekt sei "in der Tat nicht ausreichend präzise formuliert worden".

Die Reaktion des WDR im Wortlaut:

"Die 'hartaberfair'-Redaktion weist die Kritik an der Sendung vom 8.10.2018 mit Nachdruck als unbegründet zurück. Der kritisierte Filmbeitrag hat weder ein 'Zerrbild von freien Journalisten' gezeichnet, noch gab es darin eine 'böswillige Verallgemeinerung zu Lasten eines ganzen Berufsstands'. 

Dabei ist zunächst festzuhalten, dass es thematisch gar nicht um die Einkommenssituation freier Journalisten ging, sondern um die Frage, warum eigentlich gerade Besserverdiener so viele Möglichkeiten haben, den Staat auszutricksen. Fakt ist, dass viele Besserverdiener Freiberufler, Selbständige oder Unternehmer sind. Und Fakt ist auch, dass dieser Personenkreis - losgelöst von den individuellen Einkommensverhältnissen - mehr Möglichkeiten hat, bei der Steuererklärung zu tricksen, als normale Angestellte. Dies hat der Film benannt und mit drei Beispielen verdeutlicht. Eines davon: das steuerliche Absetzen von Restaurantbelegen. Wer mit Freiberuflern und Steuerberatern spricht, erfährt, dass dies 'beliebte' Praxis ist. Auch freie Journalisten-Kollegen berichten in persönlichen Gesprächen offen darüber. 

Die Formulierung 'Auch beliebt: Der Restaurantbesuch – etwa bei Journalisten' ist somit mitnichten eine 'nicht zulässige Tatsachenbehauptung', wie ver.di behauptet, sondern eine durch Recherche gedeckte Aussage. Sie 'disqualifiziert' allerdings keineswegs 'alle 30.000 freien Journalistinnen und Journalisten' als 'gewissenlose Schnorrer', wie der DJV kritisiert. Weder sagt der Film, dass die Mehrheit oder alle (freien) Journalisten so handeln, noch behauptet er, dass es so etwas bei anderen Berufsgruppen nicht gibt. Denn anders als dessen Vorsitzender Frank Überall vermeidet der Filmtext jegliche Pauschalisierung. Auch der Vorwurf, 'hartaberfair' würden in Zeiten, in denen Journalisten Hass entgegen schlage, Ressentiments schüren, greift nicht. Im Gegenteil: Wenn Journalisten da, wo es geboten ist, ihre eigene Berufsgruppe aus begründeter Kritik nicht herausnehmen, dürfte dies viel eher dazu geeignet sein, bestehenden Ressentiments entgegen zu wirken. 

Der steuerliche Effekt, der im Film dargestellten Praxis ist in der Tat nicht ausreichend präzise formuliert worden. Hier hätten wir eindeutiger texten sollen, dass die Ersparnis darin besteht, dass 70 Prozent des Rechnungsbetrages steuerlich geltend gemacht werden können. Allerdings hat 'hartaberfair' – anders als ZAPP – nicht von einer 'Steuer'-Ersparnis gesprochen."

 

Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 17.10.2018 | 23:20 Uhr