Stand: 05.09.2017 15:00 Uhr

Journalist sein und Parteimitglied - geht das?

von Tim Kukral

Journalisten sollen unvoreingenommen sein, unabhängig und ungebunden. Können sie dann gleichzeitig Mitglied in einer Partei sein? Die meisten halten das offenbar für keine gute Idee. Dieses Bild ergibt sich zumindest aus den Antworten, die ZAPP bei der Jahreskonferenz des Journalistennetzwerks "Netzwerk Recherche" bekommen hat.

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"Ich finde, wer wahrhaft unabhängig und frei berichten möchte, sollte sich nicht an eine Organisation binden", sagt der "Zeit"-Journalist Holger Stark. Und "Spiegel"-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer sagt: "Ich möchte Distanz zu allen Parteien, zu allen Politikern wahren." Allerdings betonen viele, dass Journalisten mit Parteibuch nicht unbedingt schlechtere Journalisten sein müssen. Julia Stein, NDR-Journalistin und Vorsitzende von "Netzwerk Recherche": "Ich kenne Kollegen, die sind Mitglied einer Partei und ich merke, dass sie trotzdem gleichermaßen kritisch und unabhängig berichten."

"Parteien sind wichtig für unsere Demokratie"

Wenn Felix Dachsel über seine Partei berichtet, dann tut er das laut eigener Aussage "zu 80 Prozent, 90 Prozent kritisch, negativ". Das sei wie mit der Familie, "man streitet mit den eigenen Familienmitgliedern am stärksten." Dachsel ist SPD-Mitglied und hat sich als solches 2013 in einem "taz"-Artikel, bei seinem damaligen Arbeitgeber, "geoutet". Ein "Bekenntnis", wie er schrieb. Zu ZAPP sagt er: "Parteien sind wichtig für unsere Demokratie, die funktioniert nur mit Parteien. Und Journalisten sind auch gleichzeitig Staatsbürger. In der Funktion, find ich, können sie auch in Parteien sein."

Journalist Felix Dachsel im Interview. © NDR
Kollegen hatten Felix Dachsel davon abgeraten, sich als Partei-Mitglied zu outen. Er hat es trotzdem getan.

Trotzdem hätten ihm viele Kollegen davon abgeraten, seine Parteimitgliedschaft öffentlich zu machen. Das leuchtete ihm nicht ein: "Ich wollte dieses ungeschriebene Gesetz brechen." Dachsel arbeitet mittlerweile für "Z - Zeit zum Entdecken", ein Gesellschaftsressort der "Zeit". In der SPD hatte er noch nie irgendeine Funktion inne.

Von der Journalistin zur Politikerin und wieder zurück

Das ist bei Susanne Gaschke anders. Gaschke verließ 2012 ihren langjährigen Arbeitgeber "Die Zeit", wechselte in die Politik. In Kiel ließ sie sich für ihre Partei, die SPD, zur Oberbürgermeisterin wählen. In ihrer Antrittsrede sagte sie, sie wolle "nicht länger nur Berichterstatterin sein, sondern selbst Verantwortung übernehmen". Nach einem knappen Jahr trat sie wegen der Kontroverse um einen Steuerfall zurück.

Mittlerweile arbeitet Gaschke wieder als Journalistin, hat eine Kolumne in der "Welt". Ihre Mitgliedschaft in der SPD und ihre Vergangenheit als Kieler Oberbürgermeisterin wird in ihren Artikeln manchmal thematisiert - manchmal auch nicht. Gaschke selbst findet es gut, dass das bei der "Welt" so "unverkrampft" gemacht werde, und hofft darauf, "dass irgendwann die Kunden ihre Autoren auch ein bisschen kennen".

"Werden da Abrechnungen gemacht?"

Das wäre von Vorteil, denn Gaschke schreibt über die SPD anders als andere Journalisten. "Wenn ich Susanne Gaschke lese, die über die SPD schreibt, weiß ich, dass da Lebenserfahrungen im Hintergrund stehen. Kämpfe, die sie in der eigenen Partei ausgetragen hat", sagt Stephan Detjen, Hauptstadtkorrespondent und Chefreporter der Deutschlandradios. Für ihn als Leser werfe das Fragen auf: "Werden da Abrechnungen gemacht? Welche eigenen Erfahrungen prägen das?"

Journalistin Susanne Gaschke im Interview. © NDR
Einmal von der Journalistin zur Politikerin und wieder zurück: Susanne Gaschke.

Ob man dieses Vorwissen bei allen Lesern von Gaschkes Artikeln voraussetzen kann? Laut Gaschke selbst sind die Leser "erwachsen und mündig genug", um ihre Texte beurteilen zu können - offenbar auch ohne expliziten Hinweis auf ihren Hintergrund. Wo bei ihr die Grenze zwischen Parteimitglied und Journalistin verläuft, kann sie nicht sagen: "Ich bin ja ein Mensch. Das können Sie am Ende nur am Text beurteilen."

Deutschlandradio-Korrespondent Detjen sagt über sich selbst: "Ich habe mich immer als Beobachter verstanden. Nicht als Teilnehmer der Politik." Ein Selbstverständnis, das heute wohl die meisten Journalisten teilen würden. Doch es gab auch andere Zeiten. Damals, als Bonn noch die Hauptstadt der Bundesrepublik war, hatten viele Journalisten kein Problem damit, Mitglied in einer Partei zu sein. Möglicherweise versprachen sich einige davon sogar Vorteile für ihre Karriere. Schließlich wurden insbesondere bei den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten Leitungspositionen oft nach "politischer Farbe" vergeben.

Binnenpluralismus lässt sich nicht mehr so leicht herstellen

"Das stand im Einklang mit einer Gesellschaft, die sich viel mehr als heute klar in Milieus strukturiert hatte", so Detjen. Heute sei das anders: "Junge Journalisten lassen sich nicht mehr so klar verorten, vereinnahmen, wie das früher mal war. Das gilt auch parteipolitisch."

Detjen findet das begrüßenswert - einerseits. Andererseits sei es dadurch aber auch schwieriger geworden, den Binnenpluralismus herzustellen, dem der öffentlich-rechtliche Rundfunk verpflichtet ist. Früher habe man Mitarbeiter in Redaktionen vereinfacht gesagt nach folgendem Prinzip einstellen können: zwei SPDler, zwei CDUler, ein FDPLer, später dann noch ein Grüner. "Das hat zuverlässig Politik produziert", sagt Detjen, "innere Polarisierung, die messbar war".

Heute funktioniere das nicht mehr so einfach, so Detjen: "Und umso mehr sind wir angewiesen, dass wir Menschen finden, die nicht unbedingt durch Parteizugehörigkeit, aber durch Lebenserfahrung, durch Ausbildung, durch Prägung in anderen Lebensbereichen unterschiedliche Erfahrungen und Einstellungen mit sich bringen."


20.09.2017 20:00 Uhr

Hinweis der Redaktion: In der ersten Version des Artikels stand geschrieben, "Dachsel arbeitet mittlerweile für 'ze.tt', das Online-Angebot der 'Zeit' für junge Leser". Da ist uns ein Fehler unterlaufen. Dachsel arbeitet für das "Zeit"-Ressort "Z - Zeit zum Entdecken". Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

 

Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 20.09.2017 | 23:20 Uhr