Stand: 14.08.2019 16:24 Uhr

In der Kritik: Das Geschäft mit Verkürzungen

von Daniel Bouhs und Caroline Schmidt

"CDU-Politiker: Grundschulverbot für Kinder, die kein Deutsch können" - mit dieser Schlagzeile bescherte die Nachrichtenagentur dpa Carsten Linnemann eine große Aufregung. Auf den CDU-Politiker prasselten prompt beide Extreme ein: wüste Beschimpfungen von der einen, Applaus von der anderen Seite. Das Problem: Linnemann hatte das Wort "Verbot" gar nicht in den Mund genommen. Die dpa hatte ein Interview der "Rheinischen Post" (RP) zusammengefasst, die Formulierung kreiert und via Twitter sogar in soziale Netzwerke gestreut.

Zitat-Kacheln © NDR Foto: Screenshot

In der Kritik: Das Geschäft mit Verkürzungen

ZAPP -

In "Zitat-Kacheln" verkürzen Medien Reden und Interviews teils deutlich, etwa im Fall des "Grundschulverbots" von CDU-Politiker Carsten Linnemann. Wie legitim ist diese Praxis?

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"Nicht unzulässig zuspitzen"

"Unser erster Impuls war: Auweia, das werden die bereuen", berichtet Eva Quadbeck, die Leiterin des Parlamentsbüros der RP, gegenüber ZAPP. Tatsächlich hat sich dpa auch einen Tag später korrigiert. Das "Grundschulverbot" sei eine "zu weitgehende Wiedergabe der Worte Linnemanns" gewesen. Da war die Aufregung allerdings schon groß. Während politisch durchaus auch eine inhaltliche Debatte folgte, drängt sich auch die Frage auf: Wie viel Zuspitzung ist gut und richtig?

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Hält Zuspitzungen für legitim, aber "man muss sich auch selber prüfen, ob man mit der Art und Weise, wie man zuspitzt, nicht Missverständnisse produziert", so Eva Quadbeck, "Rheinische Post".

RP-Parlamentsbürochefin Quadbeck selbst hält Zuspitzungen für legitim, gerade, um in sozialen Netzwerken auch das Interesse zu wecken. "Man darf sie [aber] nicht unzulässig zuspitzen, und man muss sich auch selber prüfen, ob man mit der Art und Weise, wie man zuspitzt, nicht Missverständnisse produziert", sagt die Journalistin. "Und ein Wort wie 'Grundschulverbot' produziert natürlich Missverständnisse. Es drückt auch denjenigen, der das gesagt haben soll, einfach in eine falsche Ecke."

"Tagesschau" knackt auf Instagram bald 1-Million-Fan-Marke, auch mit Zitaten

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Eine "Gratwanderung zwischen Verknappung und Kontext" sind Zitat-Kacheln für André Steins vom Social-Media-Team der "Tagesschau".

Auch die Journalisten der "Tagesschau" veröffentlichen Zitat-Kacheln in sozialen Netzwerken. Auf Instagram knackt die Nachrichtensendung demnächst die Marke von einer Million Fans. "Wir sind dort, wo wir feststellen, dass gerade junge Nutzer unterwegs sind und wir die Möglichkeit haben, sie auch für Nachrichtenthemen zu interessieren", sagt André Steins aus dem Social-Media-Team. Knapp zehn Fotos veröffentlicht seine Redaktion pro Tag auf Instagram, viele davon Zitat-Kacheln.

"Es ist immer eine Gratwanderung zwischen Verknappung und Kontext", sagt Steins. Es sei im Journalismus "immer unheimlich schwer, das gesamte Bild zu zeigen". Wie andere Redaktionen versuche die "Tagesschau", mit den Kacheln auch auf die ausführlichen Artikel auf der Webseite hinzuweisen, genauso wie auf die vollständigen Interviews. "Wir machen uns aber auch nicht die Illusion, dass die Nutzer diese Texte immer komplett lesen werden."

Journalisten und Politiker diskutieren: Sind "Zitat-Kacheln" zu populistisch?

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Übertreibungen seien ok, so Ralf Stegner, SPD-Parteivize. Was allerdings nicht gehe: Verfälschungen.

Gerade deshalb sorgen "Zitat-Kacheln" immer wieder für Kritik, auch unter Journalisten. Zuletzt hatte der frühere Leiter der Social-Media-Redaktion der "Welt", Martin Hoffmann, wiederholt Kollegen kritisiert - vor allem, wenn sie Botschaften von Populisten verbreiten: "Das Problem mit diesen 'Zitat-Kacheln' ist letztendlich, dass wir Journalisten da einfach eine Botschaft weitergeben, ohne ihr irgendwie einen Rahmen zu geben, also ohne sie einzuordnen."

SPD-Parteivize Ralf Stegner findet sich auch immer wieder auf so genannten Zitat-Kacheln von Medien in sozialen Netzwerken wieder. "Klarheit ist gut, Verständlichkeit auch", sagt er gegenüber ZAPP. "Für die Betroffenen ist es manchmal ziemlich ärgerlich. Man macht ja auch Fehler. Aber: Ich bin früher Fußballschiedsrichter gewesen. Eine gewisse Härte auf dem Platz ist ok, solange es die Spielregeln nicht grob verletzt." Stegner spricht dann auch lieber von "Shitstörmchen" und empfiehlt CDU-Politiker Linnemann, einen Haken an die Sache zu machen. "Wer in der Bundesliga mitspielen will, der darf sich nicht verhalten wie in der Kreisklasse."

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Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 14.08.2019 | 23:20 Uhr