Stand: 12.09.2018 17:19 Uhr

Impfen: ein Film verunsichert mit Halbwahrheiten

von Birgit Augustin

Als Regisseur David Sieveking am vergangenen Montag im Vorpremierenkino in Köln eintrifft, um dort seinen neuen Film "Eingeimpft" vorzustellen, sind die Kritiker bereits da. Es sind Impfbefürworter, die ihm vorwerfen, mit seinem Film Zweifel zu säen, Angst zu schüren und den Stand der Wissenschaft nicht ernst zu nehmen.

Ein Kind wird mit einer Spritze in den Oberarm gestochen © Flare Film Adrian

Impfen: Ein Film verunsichert mit Halbwahrheiten

ZAPP -

Ein neuer Film über das Impfen steht in der Kritik: Der Film schüre Angst und sei nicht auf dem Stand der Wissenschaft. Impfkritiker hingegen kämen ausführlich zu Wort.

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Dabei war eine wissenschaftliche Abhandlung auch nie Intention des Filmemachers. "Ich sehe das ganz klar als autobiographischen Dokumentarfilm. Ich sehe es überhaupt nicht als wissenschaftliche Abhandlung. Sondern es ist ein Erfahrungsbericht, ein persönlicher Erfahrungsbericht, wo wissenschaftliche Recherchen eine Rolle spielen", erklärt er ZAPP.

Impf-Zweifel bei der Partnerin

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David Sieveking bei der Publikumsdiskussion in Köln.

Es geht um seine eigene Familie. Nach der Geburt der ersten Tochter zeigt sich, dass während er klar positiv zum Impfen steht, seine Lebenspartnerin mit massiven Ängsten kämpft, vor Gift im Körper des Babys, davor, dem Kind "Metalle" einzuimpfen, vor einem "unnatürlichen" Eingriff. Mit der Aufforderung "Informier Dich mal" entlässt sie ihn und den Zuschauer auf eine Recherchereise. Diese führt ihn in Bibliotheken, von Berlin über Genf bis nach Afrika und zu zahllosen Experten, echten und vermeintlichen.

Kritiker machen ihm diese Herangehensweise zum Vorwurf. Natalie Grams, Ärztin und Publizistin, früher selbst eher im Lager der Impfkritiker, sieht vor allem die fehlende Einordnung als Problem: "Ich denke, dass der Film falsch gewichtet, wer ist Experte, wer hat eine skurrile Sondermeinung. Und zum anderen werden Tatsachen oft nicht bis zum Ende berichtet. Er bleibt in der Berichterstattung irgendwo stehen, obwohl Aufklärung möglich wäre."

 

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An Impfbefürwortern zweifelt der Film

Den Film durchzieht eine Art Raunen, wenn es um offizielle Stellungnahmen geht. Kommen Experten der Impfbefürworter zu Wort, die es durchaus reichlich gibt, dann werden sie sofort mit Zweifeln konterkariert. Nach einem Interview im Paul-Ehrlich-Institut, das für die Zulassung und Kontrolle von Impfstoffen zuständig ist, heißt es in der nächsten Szene "Der Professor Doktor hat gut reden. Was meint er mit erkannten Nebenwirkungen in sehr raren Fällen?"

Eine internationale Geberkonferenz in Berlin, auf der sich Staats- und Regierungschefs mit Vertretern von Hilfsorganisationen, Impfstoffherstellern und Vertretern von Forschungseinrichtungen treffen, um Geld für weltweite Impfkampagnen zur Bekämpfung schwerer Krankheiten zu sammeln, wird kommentiert mit dem Satz: "Für Nebenwirkungen interessiert sich hier keiner." Und beim Robert-Koch-Institut und bei der Weltgesundheitsorganisation raunt der besorgte Vater, vieles fände hinter verschlossenen Türen statt.

Fakten zu Impfkritikern werden verschwiegen

Impfkritiker hingegen kommen ausführlich und eher spärlich eingeordnet zu Wort. Ein Pathologe, der einen Impfstoff für mehrere tote Babies verantwortlich macht, darf von seiner Angst erzählen, einem Attentat zum Opfer zu fallen. Dass es nach seiner Beobachtung umfängliche Untersuchungen gab, er selbst angehört worden ist und alle Untersuchungen keinen Zusammenhang zwischen dem Tod der Kinder und der Impfgabe feststellen konnten, erzählt Sieveking hingegen nicht.

"Nicht nach journalistischen Prinzipien"

Anekdotisch und subjektiv - so nähert sich der Film einem komplexen, höchst umstrittenen Thema. Ko-finanziert wird er unter anderem auch vom rbb, vom Bayerischen Rundfunk und von arte. Hier versteht man die Kritik überhaupt nicht: "David Sieveking macht sich auf die Suche nach Antworten und begegnet diesem und jenem und so sucht er sich seine Experten. Und im übrigen finde ich unsere Experten genauso legitim wie jeden anderen Experten, der meint, zu diesem Thema sich äußern zu können. (...) Das funktioniert nicht nach journalistischen Prinzipien, und da ist der Dokumentarfilm frei und sind auch Dokumentarfilmautoren frei", erklärt Sonja Scheider beim BR auch zuständig für arte-Produktionen. Für Natalie Grams hingegen ist die Beteiligung der Sender ein ernsthaftes Problem: "Ein Film, der letztlich Angst vorm Impfen macht, kann nicht so groß und so öffentlich gefördert werden. Das hat Folgen für uns alle."

Nach anderthalb Stunden einer emotionalen Achterbahnfahrt in wunderschönen Bildern, untermalt von passender gefühlvoller Musik, werden die inzwischen zwei Kinder geimpft, das kleine gegen Masern, Mumps und Röteln, die große Schwester gegen Tetanus, Diphtherie und Keuchhusten. Die Botschaft lautet so am Ende: Impfen ist eine persönliche Entscheidung eines jeden Elternpaares. Die Wissenschaft ist da (eigentlich) schon viel weiter.

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Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 12.09.2018 | 23:20 Uhr