Stand: 23.10.2018 13:22 Uhr

Hinter Gittern: Sträflinge machen Zeitung

von Sophia Münder

"Im Haus zwei hier, das ist der Bodensatz der Berliner Justiz, sagen wir immer so schön. Hier brennt die Luft", sagt Robert Hamann* (Name von der Redaktion geändert) mit Blick auf die Jubiläumsausgabe. Darauf zu sehen: Gezeichnete Lichtstrahlen, die durch Gitterstäbe dringen. Davor steht in Großbuchstaben: "Lichtblick". Wenn die Luft in der Justizvollzugsanstalt Tegel brennt, dann erfahren das die vier Redakteure in Zelle 117, im Haus zwei als erste. Der "Lichtblick" berichtet über das, was hinter den Gefängnismauern passiert. Er haut drauf, mit Ironie und Galgenhumor.

Cover der JVA Tegel Gefangenenzeitung "Lichtblick" © NDR

Hinter Gittern: Sträflinge machen Zeitung

ZAPP -

Der Ton ist rau und provokativ: Der "Lichtblick" aus der Justizvollzugsanstalt Tegel ist die einzige Gefangenenzeitung Deutschlands ohne Zensur. Im November wird sie 50 Jahre alt.

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Am besten lange Strafen für die Redakteure beim "Lichtblick"

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"Wir legen in der Redaktion Wert auf lange Strafen, weil die Einarbeitungsdauer auch sehr lange dauert", so Robert Hamann* (Name von der Redaktion geändert).

Im November wird das Blatt 50 Jahre alt, vor allem Anwälte schalten hier Werbeanzeigen. "Wir verstehen uns als Sprachrohr der Inhaftierten", sagt Hamann. Sein Urteil: lebenslänglich. Auch seine drei Kollegen sitzen wegen Mordes ein. "Wir legen in der Redaktion Wert auf lange Strafen, weil die Einarbeitungsdauer auch sehr lange dauert. Es macht wenig Sinn, wenn jemand nur ein halbes Jahr hier ist."

7.500 Exemplare - verschickt in die ganze Welt

1968 von dem damaligen Anstaltsleiter Wilhelm Glaubrecht gegründet, ist der "Lichtblick" die älteste Knast-Zeitung Deutschlands - und die einzige unzensierte. Trotzdem gibt es ein paar Spielregeln: Namen von Gefängnismitarbeitern dürfen nicht genannt werden, Beleidigungen sind nicht erlaubt. Finanziert wird die kostenlose Zeitung von der Anstalt und durch Spenden. 7.500 Exemplare werden in die Welt geschickt - zu Behörden, Justizbeamten, aber auch zu anderen Häftlingen. Sogar bis nach Brasilien.

Einzige Gefangenenzeitung Deutschlands ohne Zensur

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Sieht durchaus Vorteile darin, den "Lichtblick" erst gedruckt zu Gesicht zu bekommen: Martin Riemer, Leiter der JVA Tegel.

Die Anstaltsleitung bekommt die Zeitung erst auf den Tisch, wenn sie gedruckt ist. "Ich habe das von Anfang an so kennengelernt", sagt Anstaltsleiter Martin Riemer. Das mache ihm nichts aus. Im Gegenteil. "Ich glaube, das erleichtert auch das ein oder andere. Denn ich stelle mir gar nicht erst die Frage, ist dieser Beitrag so, dass ich das in der Öffentlichkeit sehen möchte?", sagt Riemer.

Den Inhaftierten in Tegel ist der Ton nicht scharf genug. "Wir kriegen immer mächtig Zunder von den Inhaftierten, die sagen wir müssten da noch mehr draufhauen. Und ihr habt ‘ne Schere im Kopf und das ist uns zu lasch", sagt Robert Hamann. Die Themen: Drogensucht, zu hohe Telefonkosten, Schulden. Die Kritik bewirke bei der Anstaltsleitung allerdings kaum etwas, so Hamann.

Hoffnung auf Internetzugang

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Provokante Cover, unzensierter Galgenhumor - der "Lichtblick" wird in die ganze Welt verschickt.

Der Lichtblick schreibt auch über das, was sich in anderen Haftanstalten abspielt. Die Information bekommt die Redaktion zum Beispiel über Leserbriefe oder Anrufe. Einen Internetzugang gibt es nicht. Das könnte sich aber bald ändern. Die Anstalt befürworte einen eingeschränkten Internetzugang, sagt Riemer. Auch jetzt würde der "Lichtblick" bereits Informationen aus dem Netz bekommen. "Das geschieht meistens, indem Menschen draußen irgendetwas ausdrucken."

Die Redakteure beugen sich über das Cover der kommenden Ausgabe. Darauf zu sehen: Ein Strick zum Aufhängen als Adventskranz. "Was hältst du von dem neuen Weihnachtscover?", fragt Hamann. "Das bringt die Sache auf den Punkt", antwortet sein Kollege, "Weihnachten hängen sich die meisten auf. Passt."

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Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 24.10.2018 | 23:20 Uhr