Stand: 07.05.2019 14:00 Uhr

Hemmungsloser Hass: Leserbriefe der "Nordwest-Zeitung"

von Merle Hömberg

Ein Hate-Slam ist nichts für zarte Gemüter. Redakteure lesen die kuriosesten, bösartigsten und zuweilen hetzerischen Kommentare ihrer Leser vor. Solche Hate-Slams kennt man von den großen Verlagshäusern. Aber Hasskommentare gibt es überall, auch bei Regionalzeitungen wie der "Nordwest-Zeitung" (NWZ) aus Oldenburg.

Die NWZ hat ihren ersten Hate-Slam ausgerichtet © NDR

Hemmungsloser Hass: Leserbriefe der "Nordwest-Zeitung"

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Ein Abend voller Hass made in Friesland: Die "Nordwest-Zeitung" veranstaltete ihren ersten Hate-Slam. Eine "Gruppentherapie" für die Redakteure, meint der Chefredakteur ironisch.

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"Das ist halt die NWZ! Ein kleines, peinliches Blatt voller Fehler. Die Zeitung wird von Männern betrieben, die einen kleinen Penis haben. Schade, Oldenburg hätte Besseres verdient." Solche Sprüche müssen sich die Redakteure tagtäglich anhören. Die NWZ hat ihren ersten Hate-Slam ausgerichtet: Anderthalb Stunden voll mit Leserbriefen und Online-Kommentaren.

Für Chefredakteur Lars Reckermann beginnt ein normaler Redaktionstag mit Zuschriften wie dieser: "Bevor Sie das nächste Mal wieder einen Kommentar schreiben, lassen Sie sich doch lieber mit Ihren Kartoffeln unterpflügen. Sie kommen zur Ernte bestimmt als faule Kartoffel wieder auf die Welt. Faule Kartoffeln stinken, genauso wie Sie."

So mancher Lacher bleibt dem Publikum im Halse stecken. "Darüber lachen ist aber unsere einzige Chance", sagt Chefredakteur Lars Reckermann. "Es ist auch eine Gruppentherapie für uns Redakteure heute, um sich das mal wegzulachen. Es wäre ja Quatsch zu glauben, das ließe uns völlig unberührt."

Zuschriften greifen Redakteure persönlich an

Die NWZ ist eine Regionalzeitung, ihr Einzugsgebiet reicht von Friesland bis Vechta in Niedersachsen. Sie ist bis heute familiengeführt mit eigenem Verlag - eine Seltenheit in der Branche.

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Die Kommentare können sehr persönlich werden, wie Redakteur Alexander Will weiß: "Es ist interessant, wie nah einem die Leute kommen. Selbst vor meinen Eltern schrecken die Leser nicht zurück." So schreibt jemand: "Hätten deine Eltern besser verhütet, wäre uns sowas wie dich erspart geblieben."

Manche Redakteure müssen sich besonders viel Hass anhören. In der NWZ-Lokalredaktion in Varel war ein Jahr lang ein syrischer Journalist zu Gast. Er musste viel ertragen: "Ich hoffe, bald wird in Deutschland noch mehr abgeschoben als bisher und dann sollten Sie freiwillig mitgehen."

Die NWZ zeigte einen Hetzer an

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"Darüber lachen ist aber unsere einzige Chance", so Lars Reckermann, Chefredakteur der NWZ, über die Hasskommentare.

Wenn Zuschriften volksverhetzend sind, dann landen sie gleich beim Justiziar. Einen Fall hat die Redaktion dann auch zur Anklage gebracht: Die NWZ berichtete von der Rettung eines dunkelhäutigen Jungen, der aus einem Fenster gefallen war. Die Zeitung teilte den Artikel bei Facebook, ein Leser schrieb daraufhin einen rassistischen Kommentar. Er verglich das Kind mit Abfall und wünschte ihm den Tod. Das Gericht urteilte: Dieser Kommentar erfüllt den Straftatbestand der Volksverhetzung. Der Mann musste eine Geldstrafe zahlen und Sozialstunden ableisten. Lars Reckermann veröffentliche daraufhin einen Kommentar.

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Chefredakteur Reckermann wollte den Fall einordnen, weil ihm die Brisanz bewusst war. Doch sofort kamen Zensurvorwürfe. Trotzdem empfiehlt Reckermann auch anderen Zeitungen, Hetze anzuzeigen. Und: "Löschen, löschen, löschen, und klarmachen: du findest bei uns keine Plattform mehr, hass‘ woanders." Zu konstruktiven Diskussionen seien Hetzer offensichtlich nicht bereit. Doch diejenigen, die Lust auf kritische Diskussion haben, lädt die Redaktion in die Konferenz ein: Hier dürfen Leser selbst eine Blattkritik machen.

Leser kommentieren, bevor sie Texte gelesen haben

Manche Leser kommentieren offensichtlich Artikel, bevor sie sie zu Ende gelesen haben, manchen reicht dafür schon die Überschrift: Sie werfen dann der Redaktion vor, Fakten zu verschweigen, die aber im Text genannt werden. Der Chefredakteur liebäugelt deshalb mit der Idee des norwegischen Rundfunks. Der erlaubt das Kommentieren auf seiner Seite nur noch, wenn man zwei Fragen zum Text beantworten kann.

Die NWZ ist auf ihrer Website einen Schritt weiter gekommen: Man muss sich mit Namen und Adresse registrieren, um kommentieren zu können. Schon das habe die Diskussion deutlich versachlicht.


08.05.2019 11:14 Uhr

In einer vorangegangenen Version hatten wir fälschlicherweise "ein Abend voller Hass made in Ostfriesland" geschrieben. Es geht aber um Friesland. Wir bitten dies zu entschuldigen.

 

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ZAPP | 08.05.2019 | 23:20 Uhr