Google: Millionen für deutsche Verlage

Stand: 26.10.2020 08:00 Uhr

Eine Studie über den "Medienmäzen Google" zeigt, wie intensiv der Tech-Konzern inzwischen die Medienszene fördert. Eines wird dabei sehr deutlich: Berührungsängste haben Verlage oft keine mehr.

von Daniel Bouhs

Google hat die nächste Versuchung auf den Markt gebracht, die Verlage schwach werden lässt. In seinem Angebot "Google News", das seit Jahren automatisiert Schlagzeilen von Nachrichtenportalen zusammenstellt, können Redaktionen nun mitentscheiden, mit welchen Nachrichten sie Leserinnen und Leser auf sich aufmerksam machen wollen und wie sie diese Nachrichten im Google-Angebot präsentieren.

"Showcase" nennt Google dieses Format und zum Start sind 50 Publikationen aus 20 Medienhäusern dabei, in Deutschland etwa die "Zeit", T-Online und der "Spiegel". Besonders ist dabei vor allem: Google zahlt dafür, dass Redaktionen sich an dem Angebot beteiligen. Rund eine Milliarde Euro will der Konzern sich das in den nächsten drei Jahren weltweit kosten lassen - und das, obwohl Google die Texte gar nicht kauft, sondern diejenigen, die auf die Überschriften und Anreißer klicken oder tippen, direkt auf die Portale der jeweiligen Medien schickt, teilweise direkt vor das Abo-Angebot.

Google-Manager Gerrit Rabenstein
Google-Manager Gerrit Rabenstein sieht seinen Konzern in einem "Ökosystem" mit Medien und geht deshalb auf sie zu.

Der frühere Verlagsmanager Gerrit Rabenstein kümmert sich bei Google um die Medienprogramme. Beim Stichwort "Showcase" schwärmt er im Gespräch mit ZAPP vom "größten und ehrgeizigsten Projekt" dieser Art, das für alle Beteiligten nur Vorteile habe.

"Wir können unseren Nutzerinnen und Nutzern weiterführende Informationen anzeigen", erklärt Rabenstein. "Verlage haben davon, dass sie neue Nutzerinnen und Nutzer auf ihre Internetseiten, teilweise auch an Bezahlcontent, heranführen."

Studienautoren: Google füllt Innovationslücke der Verlage

Ingo Dachwitz begleitet das Miteinander von Verlagen und Google seit Jahren kritisch für das Portal netzpolitik.org. Nun legt er zusammen mit seinem Kollegen Alexander Fanta eine ganze Studie über dieses Spannungsverhältnis vor, im Auftrag der gewerkschaftsnahen Otto-Brenner-Stiftung. Die Autoren haben sich mit vielen Vertreterinnen und Vertretern aus Verlagen über Googles immer vielfältigeres Engagement in der Medienszene unterhalten, unter Zusicherung von Anonymität.

Ingo Dachwitz
Ingo Dachwitz sieht das zunehmende Miteinander von Google und Verlagen schon seit Jahren kritisch. Er sorgt sich um die journalistische Unabhängigkeit.

"Google stößt in eine Lücke vor, die die Verlage in Sachen Innovation offengelassen haben", sagt Dachwitz. "Da ist so ein bisschen die Haltung: Der Journalismus braucht eigentlich jede Hilfe, die er kriegen kann, und kann deshalb auch nicht wählerisch sein, von wem es Geld gibt."

Die Autoren haben Googles wachsende Aktivitäten zusammengetragen: Zunächst begann Google in Frankreich, Millionen in den Medienmarkt zu pumpen, dann mit der "Digital News Initiative" (DNI) in Europa, nun mit der "Google News Initiative" weltweit. Dazu kommt das Sponsoring oder auch gleich die Ausrichtung von Journalismus-Konferenzen. Google investiert auch in die Ausbildung von Journalisten, etwa mit Stipendien im Datenjournalismus.

Für Dachwitz ist das alles auch eine Folge politischen Drucks: "Wir können ganz klar nachweisen, welche strategischen Interessen es eigentlich gibt, die sich mit diesen Initiativen verbinden. Das ist der PR-Aspekt. Das ist die politische Landschaftspflege. Das ist das Abwehren von Regulierungsversuchen im medienpolitischen Bereich." Tatsächlich fordern Verleger seit Jahren die Politik auf, Google zu verpflichten, für die Einbindung ihrer Inhalte zu zahlen. Auf Freiwilligkeit wollen sich einige nicht verlassen.

Google-Manager: Konzern sieht sich im selben "Ökosystem" wie Medien

Rabenstein erklärt das Engagement anders. Google sehe sich im selben "Ökosystem" wie die Verlage. "Ich habe manchmal den Eindruck, es wird laut gerufen danach, dass wir uns engagieren", sagt der Manager. "Und wenn wir etwas tun, dann ist es auch wieder falsch." Kritiker müssten sich überlegen, welche Rolle sie Google zugestehen wollten. "Wir sind nicht nur als Technologieanbieter, sondern auch als Suchmaschine natürlich an einer engen Zusammenarbeit und einem engen Austausch interessiert ."

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Obwohl viele Verlage politisch nach einer Lizenzpflicht für Google rufen, suchen sie die Nähe zu Google und freuen sich, dass sich der Tech-Gigant ihnen spürbar zuwendet. "Google ist schon der Konzern, der sich am meisten auf die Verlage zubewegt hat", sagt der ehemalige "Spiegel"- und nun "Tagesspiegel"-Chefredakteur Mathias Müller von Blumencron. Ja, man dürfe sich da nichts vormachen: Google verfolge eigene Interessen. "Es bedeutet aber vor allen Dingen für uns, dass wir definitiv Vorteile haben und besser dastehen als vorher."

Wie geht journalistische Unabhängigkeit bei dieser Nähe?

Mathias Müller von Blumencron
"Tagesspiegel"-Chefredakteur Mathias Müller von Blumencron weiß, dass Google eigene Ziele verfolgt. Dass der Konzern auf Medien zugeht, freut ihn trotzdem.

Der "Tagesspiegel" macht mit bei "Showcase". Google stehe für die Infrastruktur im Netz wie kaum ein anderer Konzern, vielleicht noch Facebook und Amazon. "Ein Netz ohne eine Suchmaschine - wie soll das funktionieren? Also müssen wir uns irgendwie mit diesen Geschäftspartnern arrangieren", mahnt Blumencron. Unabhängigkeit klappe trotzdem: Bei "Showcase" sei seine Redaktion völlig frei und könne durchaus auch Google-Kritisches in ihrem Schaufenster bei "Google News" platzieren. "Google hat null Einfluss auf die redaktionelle Arbeit."

Die Studienautoren sehen das nicht so entspannt. Das Mindestmaß bei solch einer Zusammenarbeit sei finanzielle Transparenz, sagt Dachwitz und berichtet: Google und viele Verlage veröffentlichen auch auf Nachfrage keine konkreten Summen. Bei Google heißt es dazu: Geheimhaltungsklauseln gebe es keine. Man überlasse eine Veröffentlichung konkreter Summen den Verlagen. Google selbst operiert mit Korridoren, veröffentlicht in eigenen Berichten.

Dachwitz nennt diese Praxis "intransparente Transparenz". Während sein Kollege Fanta von Google gefördert in Oxford geforscht hat, würde er selbst kein Geld von Google annehmen wollen - und schon gar nicht auf Dauer wie immer mehr Verlage: "Wenn man anfängt, damit zu planen, dass es Geld von Google gibt, dann muss man auch stärker darauf achten, dass man den Förderer an der Stelle nicht verschreckt." Er halte das daher "aus journalistischer Perspektive nicht für klug".

Disclaimer: ZAPP-Autor Daniel Bouhs hat 2016 eine Diskussionsrunde ("Wie viel Meinung verträgt guter Journalismus?") moderiert, die neben Journalistenverbänden auch Google veranstaltet hat. Sein Honorar hat er gespendet.

 

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ZAPP | 28.10.2020 | 23:20 Uhr