Stand: 06.07.2020 16:14 Uhr

Gabriel: Tönnies-Berater vs. unabhängiger Experte bei "Bild TV"

von Lea Busch
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Sigmar Gabriel (r.) und Wolfgang Bosbach im Gespräch bei "Bild TV".

Ex-Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel hat sich bei "Bild TV" als unabhängiger Experte präsentiert und die Corona-Ausbrüche bei Tönnies kommentiert - seinen Beratervertrag für den Fleischkonzern ließ er jedoch unerwähnt. Setzt "Bild TV" die Zusammenarbeit mit ihm dennoch fort? ZAPP stellte diese Frage dem Pressesprecher der Axel Springer SE und bekam darauf keine Antwort. Nochmaliges Nachhaken ließ die Antwort weiterhin offen: Der Sprecher verweist auf die Sommerpause, in die die "Bild-TV"-Sendung "KLARTEXT" jetzt geht. Möglicherweise weiß die Redaktion auch noch nicht, wie es weitergeht.

Vom Kritiker zum Tönnies-Berater

Nur wenige Tage zuvor, am Abend des 2. Juli, wirkte Paul Ronzheimer sichtlich verwundert, als er Sigmar Gabriel per Skype bei "Bild Live" interviewt: "Sie haben auch hier bei uns im Bild KLARTEXT über Clemens Tönnies geredet und ihn dabei teilweise verteidigt. Warum haben Sie nicht spätestens dann Transparenz geschaffen und gesagt, ja im Übrigen, ich habe auch einmal für Clemens Tönnies gearbeitet?" Gabriel antwortet ohne zu zögern. Er sehe dafür keinen Grund. Schließlich sei er kein Politiker mehr.

10.000 Euro Beratergehalt

Eine Recherche von Panorama hatte offenbart: Sigmar Gabriel, der ehemalige SPD-Chef, hat für Tönnies gearbeitet: Er war von März 2020 bis Ende Mai 2020 für den Fleischkonzern als Berater tätig. Gegen die Karenzzeit-Regelung für den Wechsel von der Politik in die Wirtschaft verstieß er zwar nicht, aber die Geschichte hat zweifellos ein Geschmäckle: Während er als Bundeswirtschaftsminister die Fleischindustrie harsch kritisierte, kassierte er nun als Berater vom Tönnies-Konzern 10.000 Euro pro Monat sowie ein zusätzliches, vierstelliges Honorar für jeden Reisetag.

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Mangelnde Transparenz

Öffentlich verlor er kein Wort über diese wundersame Wandlung, wohl aber über die Situation bei Tönnies. Seit März diskutiert Sigmar Gabriel bei "Bild TV" in der Sendung "KLARTEXT" mit Wolfgang Bosbach über aktuelle Themen. Dort hatte er sich zuletzt auch mehrfach zu den Corona-Ausbrüchen bei Tönnies geäußert, sich dabei als Außenstehender, gar objektiver Experte präsentiert.

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Seine Beratertätigkeit für den Tönnies-Konzern ließ Sigmar Gabriel bei "Bild TV" unerwähnt.

In einem Video vom 20. Juni, also gerade mal drei Wochen nach Vertragsende bei Tönnies, stellt Gabriel in Frage, ob ein Verbot der Werkverträge in der Fleischindustrie beim Coronathema helfe. Schließlich wären die Arbeiterinnen und Arbeiter in den Fabriken dadurch auch nicht weiter voneinander entfernt. Die Verantwortung für ihre schlechten Wohnverhältnisse schiebt er weg vom Unternehmen Tönnies hin zu den Beschäftigten selbst: Die würden jeden Euro sparen, um ihn nach Hause zu schicken, "das Interesse daran, eine gute Wohnung zu haben, und nicht mit vier oder sechs Leuten auf einem Zimmer zu wohnen, ist oft nicht sehr ausgeprägt", sagt Gabriel bei "KLARTEXT" am 20. Juni.

Eine Aussage, die überrascht, denn als Minister hatte der Sozialdemokrat 2015 noch die Zustände in der Fleischindustrie als "Schande für Deutschland" bezeichnet. Jetzt scheint diese "Schande für Deutschland" von den Arbeiterinnen und Arbeiter bei Tönnies sozusagen hausgemacht. Damit widerspricht Sigmar Gabriel auch seinem Parteigenossen, Bundesarbeitsmister Hubertus Heil. Der hatte nämlich gerade erst verkündet, man werde "das Grundübel beenden" - keine Werkverträge, keine Leiharbeit mehr in den Fleischfabriken.

"Ich bin kein Politiker mehr"

Zwei Wochen nach Gabriels Äußerungen bei Bild TV macht das ARD Politikmagazin Panorama dessen Beratertätigkeit für Tönnies transparent und verursacht damit heftige Kritik. Im Spiegel verteidigt Gabriel sein Beratergehalt: "Für normale Menschen sind 10.000 Euro viel Geld. Aber in der Branche ist das kein besonders hoher Betrag. Ich bin kein Politiker mehr." Auch diese Aussage Gabriels sorgt für allgemeines Kopfschütteln.

Bleibt Gabriel Talkgast bei "Bild TV"?

Und "Bild TV"? Auf ZAPP Anfrage heißt es, man sei über die Beratertätigkeit von Sigmar Gabriel nicht informiert gewesen, auch nicht zum Zeitpunkt von Gabriels Tönnies-Kommentierung bei "KLARTEXT", das habe man transparent dargestellt. Am Tag, nachdem durch Panorama bekannt wurde, dass Gabriel bei Tönnies angeheuert hat, gibt es eine weitere Folge von "KLARTEXT" mit Gabriel und Bosbach.

Gleich eingangs adressiert die Moderatorin Gabriel ähnlich wie Paul Ronzheimer schon am Vortag: "Seit Wochen reden wir nun hier über die Fleischindustrie ganz allgemein, aber auch immer wieder über den Fall Tönnies ganz speziell. Auch Sie, Herr Gabriel, haben sich dazu immer wieder dezidiert geäußert. Jetzt stellt sich die Frage, warum haben Sie nicht einmal die Gelegenheit genutzt und uns von ihrem Beratervertrag erzählt?"

Diesmal wirkt Gabriel ein wenig einsichtiger. Die Frage sei natürlich berechtigt, er habe sich das auch gefragt in den letzten Tagen. Aber seine Beratungstätigkeit hätte mit dem heutigen Problem von Tönnies nichts zu tun gehabt. Trotzdem räumt er ein: "Ich verstehe, dass Leute sagen, Mensch, hätts‘ ja mal sagen können." Während Bosbach Gabriel verteidigt, hakt die Moderatorin mehrfach nach, gibt sich mit Gabriels ausweichende Antworten nicht wirklich zufrieden. Die Frage, ob und wie es mit Gabriels Auftritten bei "Bild TV" weitergeht, bleibt allerdings offen. Am Ende der Sendung verabschiedet sich die Moderatorin mit einem Verweis auf die Sommerpause: "Wir sehen uns im September wieder." Vielleicht kommt dann ja wieder Béla Anda, Ex-Kanzler Schröders Regierungssprecher, zum Zug. Anda hatte Gabriel in einer Krankheitspause vertreten.

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ZAPP | 02.07.2020 | 21:45 Uhr