Stand: 18.03.2020 10:00 Uhr

Freie Journalisten: Wie durch die Corona-Zeit kommen?

Bild vergrößern
Kaum Aufträge, gleichbleibende Kosten: Viele freie Journalisten werden die Coronakrise mit einem dicken Minus abschließen.

Reportagereisen und Filmdrehs werden abgesagt, Fotoaufträge storniert. Sport- und Kulturveranstaltungen finden nicht mehr statt, die Berichterstattung darüber ist komplett weggebrochen. Der gesellschaftliche Ausnahmezustand wegen des Coronavirus trifft auch die Medien- und Kulturbranche hart. Gerade Künstler und freie Journalisten kämpfen um ihre wirtschaftliche Existenz, denn deren Einnahmen fallen weg, aber die Fixkosten bleiben. Wir haben mit Cornelia Berger (Deutsche Journalisten- und Journalistinnen-Union, ver.di) gesprochen. Sie gibt Tipps, was freie Journalisten jetzt tun können und welche Hilfen geplant sind.

Journalisten können "Ausfallhonorare" geltend machen

ZAPP -

Wie kommen freie Journalisten durch die Coronakrise? Cornelia Berger (dju) erklärt die Möglichkeiten: Es geht um Steuerstundungen, zinslose Kredite, Ausfallhonorare und geplante Maßnahmen.

3,67 bei 3 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

ZAPP: In den letzten Tagen konnte man lesen, dass viele freie Journalisten sagen, dass ihnen alle Aufträge weggebrochen sind. Wie schlimm ist die Situation aus Ihrer Sicht?

Cornelia Berger: Das betrifft vor allem die sogenannten "vogelfreien" Journalistinnen und Journalisten, die im Bereich der Tageszeitungen und der Veranstaltungsberichterstattung unterwegs sind - ohne Bindung an Tarifverträge des öffentlich-rechtlichen Rundfunks und womöglich auch nicht vertraglich gebunden an einzelne Verlage. Die immer gucken, wie die Auftragslage gerade ist und zu welchen Veranstaltungen sie nun gehen. Zum Beispiel im Sportbereich, wo ja jetzt wirklich in allen Sportarten, in allen Liegen, die Spiele zum Ruhen gekommen sind. Oder diejenigen, die über Veranstaltungen berichten, über Theater, Konzerte, Lesungen. Die fallen jetzt zum Teil ins Bodenlose und erleben auch wirklich existenzbedrohliche Situationen.

Was heißt das?

Na ja, man kann es sich so vorstellen, dass einem von heute auf morgen tatsächlich der Stecker gezogen wird, was die Aufträge angeht, wenn man nicht über Bereiche der Wissenschaft oder Wirtschaft berichtet, die etwas mit Corona zu tun haben. Die meisten anderen Themen finden jetzt gerade keine Abnehmer mehr. Und wer da nicht über ein gutes Polster verfügt, der macht sich Sorgen: Wo soll ich als nächstes meine Mittel hernehmen? Wie soll ich die Kinder über die nächsten Wochen bringen? Zumal, wenn diese Leute auch noch auf Homeoffice zurückgeworfen sind, also die Kinder daheim betreuen müssen.

Was können die jetzt machen?

Gott sei Dank sind auch die nicht im luftleeren Raum unterwegs. Wir stellen fest, dass die Landesregierungen sehr bereitwillig Darlehensanträge rausgeben und Darlehen vergeben, für die keine Zinsen gezahlt werden müssen. Ich würde also jedem raten, erst mal auf die aktuellen Corona-Seiten der jeweiligen Landesregierung zu gehen. Da ist zum Beispiel in NRW direkt auf dieser Seite ein Link, über den sich Informationen runterladen lassen, wie man als Solo-Selbstständiger unbürokratisch und schnell an Hilfen kommt. Ich habe gehört, dass auch die Hausbanken ihre Kreditvergaben sehr stark gelockert haben. Da lohnt also auch ein Anruf, gerade wenn man schon seit Längerem Kundin oder Kunde dort ist.

Wenn es Verträge gibt, sollte ich da auf jeden Fall mal einen Blick reinwerfen. Selbst wenn mir jetzt gesagt wird, für die Verträge entfällt jetzt gerade die Grundlage. Trotzdem müssen in solchen Fällen Ausfälle erstattet werden. Und wenn an einem Ort, wo man jetzt einen Auftrag hatte, ein Quarantäne-Fall auftritt, dann lohnt auch ein Blick ins Infektionsschutzgesetz. Und zwar zum einen, was Überbrückungsgeld angeht, zum anderen aber auch, was Ausfallhonorare angeht. Es gibt durchaus einen ganzen Strauß an Möglichkeiten, sodass man jetzt eben doch nicht befürchten muss, dass man ab dem nächsten Monat überhaupt kein Geld mehr zur Verfügung hat.

Gehen wir das doch mal eins nach dem anderen durch. Wann kann man Ausfallhonorare verlangen?

Also zum einen, wenn man zum Beispiel auf Produktionsdauer oder als arbeitnehmerähnlicher Freier bei den Rundfunkanstalten beschäftigt ist: Da gibt es Tarifverträge, und die sehen recht weitgehende Ausfallmöglichkeiten vor. Da sollte man auf jeden Fall einen Blick in den Tarifvertrag werfen und sich dann ans Haus wenden. Die meisten Rundfunkanstalten haben auch spezielle Sprechstunden für Freie und können da beraten, welche Maßnahmen jetzt gerade ergriffen werden sollten. Ich weiß zum Beispiel vom WDR: Die haben am vergangenen Freitag gerade einen Härtefallfonds ins Leben gerufen, wo man schnell und unkompliziert an Geld kommt.

Dann das Infektionsschutzgesetz. Wenn Veranstaltungen abgesagt haben, weil Verdachtsfälle auftreten, zum Beispiel im Bereich von Filmproduktionen, sollte man da einen Blick reinwerfen: Da sind Ausfallhonorare und Überbrückungsgelder geregelt. Dann gibt es die Pensionskasse Rundfunk. Die meisten Freien - so zumindest hoffe ich - sind, was ihre Altersversorgung angeht, dort versichert. Auch die haben einen Sozialfonds, an denen man sich wenden kann für ein zinsloses Darlehen. Auch da kann ich nur ermuntern, sich kundig zu machen und einen Antrag zu stellen. Auch die VG Wort hat einen Sozialfonds, an den man sich wenden kann. Auch da reicht ein formloses Formular.

Kann man auch Entschädigung verlangen, wenn man zum Beispiel von einem Hausverbot betroffen ist, weil man in einem Risikogebiet war oder in dessen Nähe und so nicht seine Arbeitskraft anbieten kann?

Ich würde in dem Fall zum Gesundheitsamt gehen und sagen, ich mach das Infektionsschutzgesetz geltend. Ich muss jetzt in Quarantäne, weil ich Kontakt zu Infizierten hatte oder mich an Orten aufgehalten habe, wo sich hinterher herausgestellt hat, dass ein Kontakt nicht auszuschließen ist, und beantrage den Honorar-Ausfall entsprechend dem Infektionsschutzgesetz. Dann muss der Staat einspringen.

Was ist denn, wenn ich selbst etwas absagen muss aufgrund irgendeiner Gefahrenlage oder mir das vielleicht auch zu gefährlich ist?

Da fängt es dann natürlich an, schwierig zu werden, weil natürlich die Redaktion davon ausgeht, dass man Termine wahrnehmen kann. Da würde es immer sehr stark davon abhängen, gibt es einen eigenen Vertrag mit der Redaktion? Greift ein Tarifvertrag? Und kann ich irgendeine Härtefallregelung geltend machen? Oder aber bin ich ganz frei? Dann wird es eher darauf hinauslaufen, dass für einen solchen abgesagten Auftrag auch kein Honorar gezahlt wird. Dann kommt tatsächlich die Frage, ob man sich über Liquiditätskredite erst mal absichern muss.

Jetzt sagte ein freier Kollege am Telefon: Ja, aber wenn ich jetzt den Kredit aufnehme, muss ich nach der Krise einen Kredit bedienen und gleichzeitig irgendwie meine Familie ernähren. Wie soll ich denn das alles schaffen? Ist es da nicht sinnvoller, sich arbeitslos zu melden?

Na ja, das ist ja die Krux für Freie und Selbstständige, die ja nicht in die Arbeitslosenversicherung einzahlen und in solchen Fällen auf Hartz IV angewiesen sind, das wesentlich unter dem Arbeitslosengeld liegt. Aber natürlich steht ihnen diese Möglichkeit offen, und natürlich ist das, was Sie geschildert haben, ein großes Problem: Wenn man sich mit Krediten über Wasser halten muss, die dann aber zum Ende der Krise wieder zurückgezahlt werden sollen, wenn gleichzeitig auch das eigene Leben wieder ans Laufen kommt. Deswegen würde ich langfristige Kredite empfehlen, zinslose Kredite.

Wir sind auch nach wie vor mit der Bundesregierung im Gespräch über Bafög-Modelle, wo die Kredite erst mal über eine Zeit lang gestundet und dann auch verschiedene Rückzahlungsmöglichkeiten angeboten werden, je nachdem, wie die wirtschaftliche Situation ist. Die Bundesregierung selber hat ja noch kein Paket geschnürt, was jetzt konkrete Hilfen für Freie und Selbstständige angeht. Wir sind aber mit dem Kanzleramt, mit dem Arbeits- und Sozialministerium in Gesprächen, um noch mehr unbürokratische und schnelle Hilfen für Freie und Selbstständige zu organisieren. Und es gibt auch seitens der Bundesregierung ein großes Problembewusstsein, weil viele, viele Menschen betroffen sind, denen es jetzt gerade um die eigene Existenz geht. Ich hoffe, dass wir da im Laufe dieser Woche noch ein Stück weiter sind. Ich finde, auch ein bedingungsloses Überbrückungsgeld für solche Fälle absolut angemessen, weil es jetzt wirklich darauf ankommt, den Menschen unbürokratisch und schnell zu helfen.

Das heißt also eine Art Kurzarbeitergeld für die Freien, Selbständigen, Solo-Selbständigen?

Ja.

Jetzt habe ich gelesen, dass es auch Forderungen gibt, auch von Ihnen, Einkommensteuervorrauszahlungen und Sozialbeiträge irgendwie zu zu verringern. Was ist damit?

Ich würde jetzt auf jeden Fall schon mal beim Finanzamt Bescheid sagen, dass man die Einkommen herrunterrechnet, die aus dem vergangenen Jahr herangezogen werden, um die Abschläge zu berechnen, die Selbstständige jetzt zahlen müssen. Denn es ist davon auszugehen ist, dass das Einkommen in diesem Jahr an die Beträge vom letzten Jahr nicht herankommt. Dasselbe gilt auch für die KSK- Beiträge zur Künstlersozialkasse. Und ich halte sehr viel von dem Vorschlag - und das ist auch etwas, was wir jetzt in Gesprächen mit den verschiedenen Sozialversicherungsträgern bzw. der Regierung diskutieren - zu sagen, wir müssen die Steuerlast reduzieren. Wir müssen die Abgabenlast drastisch runterfahren, weil wir die Leute sonst einfach überfordern. Da gilt es, kreative Modelle zu entwickeln. Und da bin ich auch ganz optimistisch, dass das gelingen wird.

Letzte Frage: Es heißt auch, dass die KSK einen Notfallfonds einrichten will. Was wissen Sie darüber?

Es gibt jetzt schon Notfall-Angebote von der KSK. Die sind aber nicht zugeschnitten auf diesen aktuellen Fall, wo man ja einen sehr viel unkomplizierteren Zugang geben muss, wo man auch sehr viel mehr Geld bereitstellen müsste. Und da gibt es jetzt noch nichts, was auf die aktuelle Lage angepasst ist, sondern nur wie bei der VG Wort oder in einer Pensionskasse die klassischen Härtefonds oder Sozialfonds, die aber aus meiner Sicht womöglich ebenso aufgestockt werden müssen.

Das Interview führte Caroline Schmidt

Weitere Informationen

Das Coronavirus und die Medien

Zwischen Aufklärung und Hysterie: Wie berichten Medien über den neuartigen Corona-Virus? Die Meinugnen gehen bei verschiedenen Akteuren auseinander. mehr

Absagen wegen Corona: Wer rettet die Kultur?

Wie soll in Zeiten der Coronakrise die Kultur finanziert werden? Neben staatlichen Geldern und privater Förderung gibt es weitere Ideen - und es könnten neue digitale Kulturformen entstehen. mehr

Link

Faktenfinder: Coronavirus - Panikmache per WhatsApp

Die Verunsicherung vieler Menschen angesichts der Corona-Pandemie führt zu massenhaften Gerüchten und gezielten Falschmeldungen - wie die über Supermarkt-Schließungen. extern

Podcast
NDR Info

Das Coronavirus-Update mit Christian Drosten

NDR Info

Der Virologe Prof. Christian Drosten hat Sars-CoV-2 so gut erforscht wie kaum ein anderer. Alle Welt fragt jetzt nach seinem Rat - uns gibt er regelmäßig Antwort. mehr

Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 18.03.2020 | 23:20 Uhr