Stand: 31.10.2016 17:10 Uhr

Fragwürdiger Beistand der "Welt" für Oettinger

von Hendrik Maaßen
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EU-Kommissar Oettinger bekam auffallend viel Unterstützung durch die "Welt" nach seinem Rede-Fauxpas.

Bei einer Veranstaltung vor Unternehmern in Hamburg hält EU-Kommissar Günther Oettinger am vergangenen Mittwoch eine Rede - ohne Manuskript. Es soll offenbar ein launiger, pointierter Vortrag sein. Online gibt es nur Ausschnitte der Rede, die der Verleger Sebastian Marquardt gefilmt hat: "Als er davor warnte, dass die 'Schlitzohren und Schlitzaugen' das Geschäft machen, wenn Europa keine Freihandelsabkommen zustande bringen könne, dachte ich, es könnte sich im weiteren Verlauf lohnen, die Kamera einzuschalten." Es hat sich gelohnt, zumindest medial macht das Thema Karriere.

Mitschnitt im Netz löst Diskussion aus

Seit das Video öffentlich ist, wird eifrig gestritten. Die einen werfen Oettinger Rassismus vor, die anderen verteidigen ihn. Besonders auffällig ist der Beistand durch die "Welt", dort gab es auch die erste Reaktion von Oettinger persönlich zu lesen.

Und der Chefredakteur der "Welt" legt nach. Im Kommentar von Ulf Poschardt gibt's heroisierende Beschreibungen über den bodenständigen CDU-Politiker, der seine Heimat nun mal liebe. Hinter seinem "schwäbischen Schnabel" könnten nur Scheinheilige einen homophoben Rassisten vermuten. "Die großstädtischen Sprachpolizeistreifen haben den Diskurs gentrifiziert wie die Wohnviertel, in denen sie wohnen", meint Poschardt.

Hilfe von Verbündeten?

Waren die freundliche Worte Schützenhilfe für einen Helfer in eigener Sache? EU-Digitalkommissar Günther Oettinger will mit einer geplanten Urheberrechtsreform Verlagen helfen, an den Gewinnen von Google und Co. beteiligt zu werden. Ein sogenanntes europaweites Leistungsschutzrecht soll Medienhäuser "auf Augenhöhe" mit IT-Giganten bringen. Ein umstrittener Vorstoß, aber Mathias Döpfner, Chef von Axel Springer, dem Mutterkonzern der "Welt", steht voll dahinter, das hat er in der vergangenen ZAPP Sendung deutlich gemacht.

"Welt" zeigt wenig Protest, aber viel Beistand

Dass einige Zuhörer bei Oettingers Rede aus Protest den Saal verließen, erfährt man auf der Seite der "Welt" nicht. Und auch namhafte Kritik scheint nebensächlich bei der Verteidigung des neuen Freundes. Erst in dem Artikel "Claus Kleber kann Oettinger-Kritik nicht mehr hören" von Sonntag wird auf die Kritik unter anderem von Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig (SPD), Linke-Vorsitzende Katja Kipping oder dem Lesben- und Schwulenverband hingewiesen.  

Montagmittag wiederum darf Parteifreundin Inge Gräßle, EU Abgeordnete und Landeschefin der Baden-Württembergischen Frauenunion, unterstützend nachlegen: "Man soll mal die Kirche im Dorf lassen (…). Meine rote Linie hat er noch nicht überschritten."

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Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 02.11.2016 | 23:20 Uhr