Stand: 23.10.2018 14:53 Uhr

"Flensburger Tageblatt" versetzt Mitarbeiter

von Timo Robben

In Flensburg sind es dieser Tage die Medien, die die Schlagzeilen machen. Allerdings unfreiwillig. Das "Flensburger Tageblatt" versetzt drei seiner Redakteure - gegen deren Willen und sehr plötzlich. Mit dem Thema beschäftigen sich inzwischen nicht mehr nur die Leserschaft und der Verlag, sondern auch die Justiz.

Flensburger Tageblatt © NDR

"Flensburger Tageblatt" versetzt Mitarbeiter

ZAPP -

Das "Flensburger Tageblatt" versetzt drei Redakteure - gegen deren Willen und sehr plötzlich. Journalisten, Leser und auch die Pressesprecher der Stadt sind irritiert.

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Carlo Jolly arbeitet seit 28 Jahren beim "Flensburger Tageblatt", seit 26 Jahren berichtet er aus der Stadt selbst. Der 55-Jährige hat hier schon volontiert. Nun wird er unvermittelt von dem Schleswig-Holsteinischem Zeitungsverlag (SHZ) versetzt, von Flensburg nach Husum. Zusammen mit zwei Kollegen, die jetzt aus Niebüll und Schleswig berichten müssen. Nur noch zwei Mitarbeiter der fünf-köpfigen Redaktion dürfen bleiben. "Das macht aus unserer Perspektive eigentlich keinen Sinn, weil gerade Lokaljournalismus lebt natürlich von Erfahrung und von Langzeit-Betrachtung. Klar freuen wir uns, dass wir junge frische Kollegen in die Redaktion aufnehmen konnten. Aber die Erfahrungen werden wir auch weiter brauchen", sagt Carlo Jolly.

Kritik an der Berichterstattung

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Carlo Jolly arbeitet seit 28 Jahren beim "Flensburger Tageblatt". Nun wurde er unvermittelt nach Husum versetzt.

Jetzt klagt er gegen seine Versetzung. In der vorigen Woche war der Gütetermin vor dem Flensburger Arbeitsgericht. Einig wurden sich die zwei Parteien nicht. Der Verlag bleibt hart: Wirft dem langjährigen Redakteur vor, dass mit ihm keine Digitalisierung zu machen sei. "Mit Blick auf die Digitalisierung sehe ich mich auch auf einem guten Weg. Ich steuer auch selbst die lokale Homepage des 'Flensburger Tageblatts'", so Jolly. "Im Grunde wissen wir bis heute nicht so richtig, was wir falsch gemacht haben sollen und was wir besser machen können." Darüber hinaus führt der Verlag Kritik an der Berichterstattung Jollys an. Konkrete Beispiele bringen sie vor Gericht nicht. Auch das mutet seltsam an: Immerhin hat Jolly Ende letzten Jahres noch einen Preis für seine Arbeit bekommen - vom Verlag selbst.

Irritation über Versetzung

Nicht nur die Journalisten sind von der Entscheidung irritiert, auch die Leser in der Flensburger Innenstadt verstehen die Gründe für die Versetzung nicht. "Warum wurden die versetzt? Warum? Ist doch nicht in Ordnung", sagt eine Abonnentin. Ein anderer hat von der Versetzung erst aus der taz erfahren: "Ich denke, unabhängige Presse, das ist ein hohes Gut bei uns. Und dass das 'Flensburger Tageblatt' eher konservativ ausgerichtet ist, das ist ja nix Neues, aber dass da unliebige Redakteure einfach so geschasst werden, bzw. in andere Redaktionen versetzt werden. Das finde ich schon starker Tobak."

Pressesprecher der Stadt springt Journalisten bei

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"Es war viel Erfahrung im Spiel. Es war auch viel Wissen im Spiel": Clemens Teschendorf, Pressesprecher der Stadt Flensburg zur Versetzung der Redakteure.

Rückendeckung kriegen Jolly und seine zwei Kollegen auch aus einer unverhofften Ecke. Der Pressesprecher der Stadt hat zusammen mit drei weiteren Pressesprechern aus Flensburg einen offenen Brief an der Verlag geschrieben - auch sie haben bis jetzt keine schlüssige Begründung gehört. "Es war viel Erfahrung im Spiel. Es war auch viel Wissen im Spiel, das bei so einem breiten Wechsel dann abnimmt, weil einfach jemand der mehrere Jahrzehnte in so einer Stadtredaktion gearbeitet hat, der weiß natürlich wahnsinnig viel, das jemand, der neu hierher kommt, noch gar nicht wissen kann", so Clemens Teschendorf. Bemerkenswert: Ausgerechnet der Pressesprecher der Stadt springt den Journalisten bei. Gerade das legt der Verlag den drei Redakteuren jetzt als fehlende Unabhängigkeit aus. Teschendorf widerspricht: "Ich glaube, wenn man die Berichterstattung der vergangenen Jahre beobachtet, dann kann man sich schon vorstellen, dass wir nicht immer gleich begeistert waren. Wichtig ist eben nicht, dass geschrieben wird, was der eine oder andere gerne hören will, sondern wichtig ist, wird etwas geschrieben, was tatsächlich eine Grundlage hat."

Nebulöse Gründe

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Beklagt mangelnde Transparenz von Seiten des Verlags: Arnold Petersen, Journalisten-Gewerkschaft DJV.

Die Leser, die Stadt und vor allem die betroffenen Redakteure fragen sich nach den Gründen für die Versetzung. Klarheit könnte der Verlag schaffen. Allerdings möchte der sich auch auf Anfrage von ZAPP nicht äußern. Man wolle zu Personalangelegenheiten keine Stellung nehmen, lässt uns der Chefredakteur Stefan Kläsener wissen. Arnold Petersen von der Journalisten-Gewerkschaft DJV sieht das kritisch. "Medien haben sich auf die Fahnen geschrieben, für Transparenz zu sorgen. Und dann muss man natürlich auch in eigener Sache zumindest ein Stück weit Transparenz zeigen. Das ist hier absolut nicht der Fall. Da sind ja nur ein paar Brocken nachträglich geliefert worden: Generationenwechsel, Verjüngung, Digitalisierung. Das ist in sich keine geschlossene nachvollziehbare Erklärung. Ich kann nur sagen: Die Gründe sind nebulös."

Lenkt der Verlag nicht ein, kommt es Anfang nächsten Jahres zu einer Gerichtsverhandlung. Spätestens dann wird der SHZ seine Gründe nachvollziehbar darlegen müssen.

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