Stand: 07.02.2018 11:16 Uhr

Filmriss - das lange Schweigen zu den Vorwürfen gegen Wedel

von Nicola von Hollander

Die Missbrauchvorwürfe gegen den Regisseur Dieter Wedel stehen nicht erst seit einigen Wochen im Raum, aber lange Zeit waren sie nicht öffentlich. Einen bestimmten Ruf hatte der anerkannte Regisseur aber schon früher. Das zeigt ein Dialog in der NDR-Talkshow - Alida Gundlach im Gespräch mit Dieter Wedel - vom  27.12.1996 folgt:  "Es gibt einen Ausspruch von Ihnen: 'Schauspieler fühlen sich bei mir geborgen, können sich fallen lassen'. Ihnen eilt ja der Ruf voraus, dass Sie das bei Schauspielerinnen eher wörtlich nehmen. (Lachen im Studio) (...) Sie sind ein Star-Macher". Dieter Wedel: "Ich kann keine Stars machen. Ich kann nur - um im Bild zu bleiben - das Bett bereiten (Lachen). Rein legen müssen sie sich dann schon selbst."

Dieter Wedel.

Langes Schweigen zu den Vorwürfen gegen Wedel

ZAPP -

Rüder Umgang bis hin zu möglichem Missbrauch: Viele wussten, wie Regisseur Dieter Wedel am Set mit Frauen umgeht. Lange wurde das einfach hingenommen - und geschwiegen.

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Es wurde hingenommen - und geschwiegen

Aus heutiger Sicht bleibt einem das Lachen im Halse stecken. Mehrere Schauspielerinnen erhoben jüngst in der ZEIT den Vorwurf, Wedel habe sie während der Produktionen sexuell misshandelt, brutal geschlagen und versucht sie zu vergewaltigen. Dieter Wedel selbst hat diese Vorwürfe bisher von sich gewiesen. Teilweise hatten sich die Schauspielerinnen schon früher anderen anvertraut oder anwaltliche Hilfe geholt. Öffentlich wurden die Vorwürfe aber lange nicht. Erst auf Nachfrage der ZEIT tauchte aus den Archiven des Saarländischen Rundfunks (SR) ein Revisionsbericht auf, in dem der vermeintliche Missbrauch einer Schauspielerin aktenkundig festgehalten ist. Anfang der 80er-Jahre ein Fall fürs Archiv - mehr nicht.

Welche Verantwortung tragen Sender und Produktion?

Sender geben Filme und Serien in Auftrag. Produktionsfirmen setzen sie um. Welche Verantwortung haben die Sender, wenn sie von solchen Vorwürfen gegen Beteiligte einer Produktion erfahren und sind sie dieser Verantwortung gerecht geworden? Wie wird heute sichergestellt, dass mögliche Opfer im Filmbetrieb auf offene wachsame Ohren stoßen und Vorwürfen nachgegangen wird? Auf diese Frage suchte ZAPP Antworten.

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Schweigen war in der Branche Gold

Die eigenen ZAPP-Recherchen zeigen, dass in der Branche auch heute noch Verschwiegenheit herrscht. Ein Produzent, der viel mit Wedel gearbeitet hat - und viel wissen könnte - blockt das Gespräch schnell ab. Auch schriftliche Fragen werde er nicht beantworten. Ein anderes Telefonat ist offener. Auch dieser Gesprächspartner ist ein ehemaliger Produzent, auch er einst in führenden Positionen deutscher Filmstudios. Von sexueller Gewalt habe er nichts gewusst. Das ist natürlich möglich.

Links

ARD für unabhängige Beschwerdestelle

Die ARD unterstützt die Einrichtung einer unabhängigen Beschwerdestelle gegen sexuelle Übergriffe. Außerdem will sie weiter ihre Archive durchsuchen, um mögliche Belege im Fall des Regisseurs Wedel zu finden. extern

Aus einem anderen Gespräch ergibt sich der Eindruck, dass wenigstens unter Künstleragenten gewisse Geschichten kursierten. Eine Schauspielerin erzählt, dass viele wussten, wie Dieter Wedel am Set mit Frauen umgeht. Ihren Namen möchte sie aber an dieser Stelle ungenannt wissen. Für ein Vorsprechen bei Dieter Wedel habe sie ihren Agenten gefragt, ob sie sich diesem Regisseur aussetzen solle. ‚Solange ich dabei bin, wird Dir nichts passieren‘, soll der Agent gesagt haben. Zu einem Vorsprechen kam es dann gar nicht.

System aus Abhängigkeiten

Warum sind die Gespräch so schwierig? Warum haben sich auch der ZEIT Schauspielerinnen offenbart, die heute nicht mehr als Schauspielerinnen arbeiten? Aus vielen Gesprächen nehmen wir mit: Die Ursache liegt auch im Filmgeschäft selbst. Die Teams werden für jeden Film neu zusammengestellt. Jeder Produktion geht also eine neue Bewerbung voraus. In diesem System aus Abhängigkeiten möchte niemand den nächsten Job gefährden. Also wird vielleicht hinter vorgehaltener Hand geredet. Mehr nicht.

Die Sender vergeben Auftragsproduktionen und schielen dabei viel zu sehr auf die Quote, kritisiert der Regisseur Simon Verhoeven. Er hat unter anderem bei "Männerherzen" und "Willkommen bei den Hartmanns" Regie geführt. Nach dem jüngsten ZEIT-Artikel hat er sich auf auf Facebook klar geäußert.

Dort schreibt er: "Ich schäme mich für die Mechanismen meiner Branche, die es diesem Sadisten und brutalen Gewalttäter erlaubt haben, jahrzehntelang Frauen zu vergewaltigen und Menschen zu quälen - Geschützt durch das Schweigen der Sender, Produktionen und Filmschaffenden, die mit Wedel arbeiteten. Es wurde verharmlost, verdrängt, verschwiegen. Aus Angst. Aus Scham. Aus falsch verstandenem Respekt vor einem kranken Tyrannen und seiner Macht. Aber eben auch aus dem Wunsch, Erfolg zu haben mit Dieter Wedel! Einen Quotenhit zu landen!

Eine der wenigen Produzentinnen, die offen mit ZAPP spricht meint, dass die Sender sich gerne mit guten Namen schmückten. Kerstin Ramcke hat für die ARD unter anderem mehrere Tatort produziert. Dieter Wedel umgebe die Aura des Genius, sagt sie. Insofern hätten die Sender ihn immer wieder gern engagiert.

 

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Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 07.02.2018 | 23:20 Uhr