Stand: 07.01.2019 10:40 Uhr

Falscher Relotius will Medien narren

von Daniel Bouhs, NDR & Norbert Mertens, RBB
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Der echte Claas Relotius bei einer Preisverleihung. Inzwischen hat der Ex-"Spiegel"-Redakteur mehrere Journalistenpreise zurückgegeben.

"Spiegel"-Redakteur Claas Relotius hatte kurz vor Weihnachten seinen Kollegen gegenüber zugegeben, dass er zahlreiche Protagonisten und Details in seinen Reportagen erfunden hat. Nun gibt sich ein Unbekannter via E-Mail und am Telefon als Relotius aus und bietet Medien Interviews an.

Ein solches Angebot erreichte auch das rbb-Programm Radioeins, das bei einer Medienberichterstattung immer wieder mit dem NDR Medienmagazin ZAPP zusammenarbeitet. Die Redaktionen zweifelten an der Glaubwürdigkeit des Interview-Angebots. ZAPP ließ sich zunächst vom Anwalt des echten Claas Relotius bestätigen, dass es sich um einen Dritten handelt. radioeins ging daraufhin zum Schein auf das Angebot des vermeintlichen Relotius ein, um den Betrüger zur Rede zu stellen.

Gefälschte Email-Adresse

Der vermeintliche Relotius hat sich eine E-Mail- Adresse mit dem Namen Claas Relotius bei einem deutschen Anbieter angelegt. In einer E-Mail gab er vor, auf eine Interviewanfrage zu reagieren, die bei Relotius' Adresse beim "Spiegel"-Verlag angekommen sei. Er könne sich vorstellen, "zu allen Vorwürfen Stellung zu nehmen und über meine Arbeit beim 'Spiegel' wie auch über meine Zukunft (u.a. ein Buchprojekt) zu sprechen". Gegenüber radioeins behauptete er zudem in einem telefonischen Vorgespräch, er sei nicht der einzige der Reportagen gefälscht habe. Das habe ein "gewisses System".

Im Gespräch mit radioeins-Moderator Volker Wieprecht sagte der vermeintliche Relotius schließlich: "Diese Geschichten werden ja überall so gebracht und da kann es gar nicht wild genug sein, nicht wahr? Deswegen war ich da auch der richtige Mann."

Radioeins-Moderator Volker Wieprecht

"Claas Relotius, guten Tag!"

ZAPP -

Claas Relotius hat im "Spiegel" gefälschte Reportagen veröffentlicht. Das Gespräch von Moderator Volker Wieprecht (RBB) mit einem vermeintlichen Relotius endet abrupt.

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Echter Relotius plant keinerlei Interviews

Das betrügerische Interview-Angebot war offenbar kein Einzelfall: Der Anwalt des echten Claas Relotius aus der Kanzlei Unverzagt von Have erklärte gegenüber ZAPP, auch andere Medien hätten bereits zu einem angeblich von seinem Mandanten angekündigten Interview nachgefragt. "Es handelt sich offenbar um einen Dritten, der - aus welchen Gründen auch immer - unter der vorgeblichen Identität unseres Mandanten Interviews anbietet", schrieb der Anwalt und stellte klar: "Unser Mandant beabsichtigt derzeit keinerlei öffentliche Auftritte oder Interviews zu erteilen." Wer hinter dem Täuschungsversuch der Medien steckt, ist bislang unklar.

Falscher Relotius beendet Gespräch

Als Radioeins im Interview an seiner Identität zweifelte und die stellvertretende "Spiegel"-Chefredakteurin Susanne Beyer zur Konfrontation dazu schaltete und die Stimme des Interviewpartners nicht als die des echten Relotius identifizieren konnte, legte er auf. Beyer ergänzte: "Wir hören seit ein paar Tagen von einem Herren, der sich als Claas Relotius ausgibt. Wir haben auch Fotos von ihm, da trägt er eine Mütze. Und gleichwohl ist es ja so, dass wir mit Claas Relotius zusammengearbeitet haben und wissen, wie er aussieht. Das ist nicht Claas Relotius. Und er hält einen Journalistenausweis in die Kamera und da steht Claas Relotius drauf - wie auch immer er darangekommen ist oder ob er ihn gefälscht hat. Jedenfalls ist der Mann, den wir auf den Fotos sehen, nicht der Claas Relotius, den wir kennen."

Weitere Informationen

Methode "Fake": Satiriker foppen Journalisten

28.02.2018 23:30 Uhr

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Falscher Relotius eine Satire-Aktion?

Vor allem Satiriker haben in der Vergangenheit versucht, mit Fälschungen Medien zu narren. So hatte sich zuletzt ein Redakteur der "Titanic" auf Twitter mit seinem Profil als eine Redaktion des Hessischen Rundfunks ausgegeben und so die Falschnachricht in Umlauf gebracht, CDU und CSU würden ihr Unionsbündnis aufgeben. Claas Relotius hat sich in der Affäre, die der "Spiegel" Mitte Dezember selbst enthüllte, bislang nur über seine bisherige Redaktion und über seinen Anwalt geäußert und dabei die wesentlichen Vorwürfe gegen ihn bestätigt.

Mit dieser E-Mail meldete sich der falsche Relotius bei Radioeins:

Sehr geehrte Damen und Herren,

vielen Dank für Ihre Interview-Anfrage, die mich erst jetzt erreicht, da mein "Spiegel"-Postfach (claas.relotius(at)spiegel.de) aus Gründen, die Sie sich denken können, für mich zwischenzeitlich nicht mehr zu erreichen war und nun endgültig geschlossen wird.

Zur Sache: Inzwischen kann ich mir vorstellen, in einem Radio-Interview zu allen Vorwürfen Stellung zu nehmen und über meine Arbeit beim "Spiegel" wie auch über meine Zukunft (u.a. ein Buchprojekt) zu sprechen. Sie erreichen mich unter: 0178 XXXXXXX.

Mit freundlichen Grüßen
Claas Relotius

-------- Weitergeleitete Nachricht --------
Betreff: Interviewanfrage
Datum: Wed, 3 Jan 2019 11:00:19 +0100
Von: Claas Relotius <claas.relotius@spiegel.de>
An: claas.relotius@XXXXXXX.de

...
[Message clipped]

Das schrieb der Anwalt des echten Relotius auf ZAPP-Anfrage:

Auch andere Medien haben hier bereits zu einem angeblich von unserem Mandanten angekündigten Interview nachgefragt. Es handelt sich offenbar um einen Dritten, der - aus welchen Gründen auch immer - unter der vorgeblichen Identität unseres Mandanten Interviews anbietet. Unser Mandant beabsichtigt derzeit keinerlei öffentliche Auftritte oder Interviews zu erteilen.

Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 09.01.2019 | 23:20 Uhr