Stand: 17.10.2018 17:27 Uhr

Fall Khashoggi: "Er war Mister Saudi Arabia"

von Sabine Schaper
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Khashoggi hätte dem saudischen Königshaus gefährlich werden können, glaubt Daniel Gerlach.

Daniel Gerlach, Orientalist, Geschäftsführer der Candid Foundation und Chefredakteur der Zeitschrift "Zenith" vergleicht die mutmaßliche saudische Operation gegen den verschwundenen Publizisten Jamal Khashoggi mit dem Vorgehen Russlands gegen unliebsame Oppositionelle.

ZAPP: Herr Gerlach, um wen handelt es sich bei der Figur Jamal Khashoggi - und inwiefern könnte er für das saudische Königshaus eine Gefahr dargestellt haben?

Daniel Gerlach: Khashoggi war jemand, der sich zwischen Medien, Geheimdiensten, Diplomatie und der Expertenwelt hin und her bewegt hat und über viele Zugänge verfügte. Er kam aus einer angesehenen Familie, war früher sehr eng mit dem Königshaus verbunden, hat das Königshaus zeitweilig auch beraten und hatte durch seine Tätigkeit für den saudischen Auslandsgeheimdienst auch Einblicke in das Innenleben des Königshauses. Für die amerikanischen Medien war er nun - und das hat auch damit zu tun, dass er sehr eng mit einigen sehr bekannten amerikanischen Journalisten befreundet war - der Gewährsmann für alles, was sich in Saudi-Arabien tut, er war "Mister Saudi Arabia".

Wenn man Khashoggi gefragt hat, dann hat man vielleicht gefärbte Meinungen über Saudi-Arabien bekommen, aber er hat es trotzdem geschafft, eine gewisse persönliche Unabhängigkeit und Glaubwürdigkeit zu bewahren. In der Wahrnehmung der saudischen Führung war Khashoggi ein Verräter, jemand der ursprünglich mal zum Establishment dazugehörte, jemand der sehr eng verbandelt war mit der alten Macht und es gab die Befürchtung, dass er daraus Kapital schlagen würde, dass er möglicherweise einen PR-Feldzug gegen das saudische Regime anzetteln könnte.

Inwiefern würde die mutmaßliche Ermordung in den bisherigen Umgang Saudi-Arabiens mit kritischen Stimmen passen?

Der saudische Journalist und Aktivist Jamal Khashoggi auf einer Pressekonferenz 2014. © picture alliance / AP Photo Foto: Hasan Jamali

Was passierte mit Jamal Khashoggi?

ZAPP -

Der saudische Publizist Jamal Khashoggi ist seit dem Betreten der saudischen Botschaft in Istanbul verschwunden. Mutmaßlich wurde er ermordet.

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Auffällig ist, dass es in der Vergangenheit schon mehrfach Fälle gegeben hat, wo die Saudis - auch erfolgreich - versucht haben, Kritiker oder Gegner des Regimes ins Land zurückzuholen, sie zu entführen, zu sedieren und nach Saudi-Arabien zu verschleppen, zum Beispiel mit fingierten Krankentransporten. Ich weiß nicht, was im Fall Khashoggi passiert ist, aber dem aktuellen Stand* nach spricht viel dafür, dass diese Aktion auch nach diesem Muster ablaufen sollte. Khashoggi ging es gesundheitlich nicht gut, möglicherweise ist die eigentlich geplante Operation schiefgegangen. Aber das ist letztendlich irrelevant. Entscheidend ist die Absicht der Entführung, die Gewalteinwirkung und der Versuch, die Tat zu verschleiern.

Das Königshaus will - Stand jetzt - von dieser Operation weder gewusst, noch sie angeordnet haben. Wie glaubwürdig ist das?

In keinem Staat der Welt finden solche Operationen - wenn sie denn so stattgefunden hat, wie sie in den Medien beschrieben wird - ohne das Wissen von zentralen Figuren in der Regierung statt. Das muss nicht der König von Saudi-Arabien sein, aber es wird derjenige sein, der für die Sicherheitspolitik des Landes zuständig ist, nämlich der Kronprinz Muhammed bin Salman.

Ich glaube, Saudi-Arabien hat jetzt das Problem, dass selbst enge Verbündete oder Alliierte - nicht nur die USA, sondern zum Beispiel auch die Vereinigten Arabischen Emirate - sich fragen ob das Urteilsvermögen dieser Führung, wenn sie denn tatsächlich eine solche Aktion angeordnet hat, noch richtig ist und inwiefern sie sich auf diesen Verbündeten verlassen können. Also entweder ist etwas gewaltig schief gelaufen oder es ist eine politische Geste von solcher Brutalität, die wirklich infrage stellen lässt, ob da jemand noch weiß, was er tut.

Orientierung an Russland?

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Wurde nach dem Betreten des saudischen Konsulats in Istanbul nicht wieder lebend gesehen: Jamal Khashoggi.

Sie haben auch die Berichterstattung beim staatlich finanzierten Sender Al-Arabiya verfolgt, wo Vorwürfe gegen Saudi-Arabien zurückgewiesen und andere Schuldige gesucht wurden, etwa Nachbar und Feind Katar. Wie haben Sie die Medienstrategie wahrgenommen?

Al-Arabiya macht durchaus auch seriöse Berichterstattung. Da fällt es auf, wenn in diesem Fall gesagt wird, "fälschlicherweise" wurde etwas behauptet. Der Ton hat sich von der Nachrichtensprache entfernt. Man hätte ja auch sagen können, "angeblich" wurde etwas getan, es gäbe Zweifel daran. Wenn jedes zweite Wort "fälschlicherweise" lautet, liegt nahe, dass da jemand versucht, ein gewisses Narrativ in Umlauf zu bringen.

Es entsteht der Eindruck, dass sich die saudischen Informationskampagnen sehr am russischen Beispiel orientieren, das aber wesentlich weniger professionell. Die Russen benutzen Kontra-Propaganda und Gegen-Narrative ja nahezu perfekt, um westliche Narrative, Erzählmuster, zu hinterfragen. Ich habe den Eindruck, dass die Saudis sich zunehmend an diesem Beispiel orientieren, dies aber noch nicht in der gleichen Professionalität beherrschen. 

*Das Interview führten wir am 16.10.2018

Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 17.10.2018 | 23:20 Uhr