Stand: 12.03.2020 10:28 Uhr

Fall Dieter Wedel: Klage gegen ZEIT abgewiesen

von Caroline Schmidt

Vor rund zwei Jahren brachte die ZEIT die #metoo-Debatte mit einer aufsehenerregenden Geschichte nach Deutschland. Unter dem Titel "Im Zwielicht" warfen mehrere Schauspielerinnen dem Regisseur Dieter Wedel sexuelle Übergriffe, Belästigung und schwere Nötigung vor. In einer zweiten Geschichte "Der Schattenmann" wenige Wochen später meldeten sich weitere Frauen zu Wort. Sie beschrieben Dieter Wedel als sexhungrigen Machtmenschen mit despotischen Neigungen, der am und neben dem Set absolute Unterwerfung verlangt. Der Regisseur bestreitet die Vorwürfe bis heute, doch aus der Öffentlichkeit hat er sich zurückgezogen.

Die Schauspielerin Jany Tempel trat in der ZEIT damals als einzige mit ihrem vollen Namen auf. Nach eigenen Angaben ging sie bis zum Zeitpunkt der Veröffentlichung davon aus, dass die sexuelle Belästigung, die sie dem mächtigen Regisseur vorwirft, inzwischen verjährt war. So sei es sowohl von Seiten der ZEIT als auch von ihrem damaligen Anwalt eingeschätzt worden, der Rechtsanwalt wie auch die ZEIT bestreiten diese Darstellung. Für Jany Tempel sei die Verjährung unbedingte Voraussetzung dafür gewesen, überhaupt an die Öffentlichkeit zu gehen, sagt sie heute: eine gerichtliche Auseinandersetzung mit Wedel und die damit verbundene Retraumatisierung habe sie unter allen Umständen vermeiden wollen.

 

Tat war nicht verjährt

Doch entgegen ihrer Einschätzung war die Tat nicht verjährt. Die Staatsanwaltschaft München nahm Ermittlungen gegen Dieter Wedel auf und berief Jany Tempel in den Zeugenstand. Tempel suchte sich juristischen Beistand, und wollte der ZEIT die Kosten für ihren Münchener Rechtsanwalt Alexander Stevens in Rechnung stellen. Doch die weigerte sich, die Rechnung zu bezahlen.

Stevens hat deshalb selbst im Frühjahr 2019 die ZEIT auf Schadensersatz verklagt. Er wirft der ZEIT vor, Tempel gegenüber zur Frage der Verjährung falsche Angaben gemacht zu haben. Nachdem es zur Überraschung der ZEIT-Redaktion und der sie beratenden Anwälte doch zu einem Verfahren gegen Dieter Wedel kam, habe man Jany Tempel die ursprünglich zugesagte juristische und finanzielle Unterstützung verweigert. Stevens forderte daraufhin selbst von der ZEIT Erstattung der ihm entstandenen Kosten in Höhe von 30.000 Euro.

ZEIT soll Opferanwalt zugesagt haben

Bei einem ersten Gerichtstermin vor der Zivilkammer des Landgerichts Hamburg im Mai 2019 sagte Stevens, seine Mandantin habe niemals zum "Subjekt eines Strafverfahrens" werden wollen. Außerdem habe die ZEIT zugesagt, ihr einen Opferanwalt zu finanzieren, der sie durch dieses Verfahren begleitet, das würden Emails, unter anderem von ZEIT-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo, belegen.

Die ZEIT bestreitet das damals wie heute. Im ZAPP-Interview sagte der Anwalt der ZEIT Jörg Nabert, dass die Verjährung nie "eine Bedingung für die Berichterstattung" gewesen sei. Auch habe die ZEIT "nie" die Finanzierung eines Anwaltes in einem Strafverfahren zugesagt - sondern lediglich, Kosten aus etwaigen zivilrechtlichen oder medienrechtlichen Verfahren im Zusammenhang mit der Berichterstattung zu übernehmen. Vor Gericht bekräftigte er diese Haltung bei einem Verhandlungstermin vor wenigen Wochen noch einmal.

Nabert: "Wir gehen inzwischen davon aus, dass das Verfahren gegen Wedel eingestellt wird"

ZAPP -

Jörg Nabert, Anwalt der "Zeit", sieht Dieter Wedel als möglichen Gewinner der Streitigkeiten: "Je unglaubwürdiger eine Zeugin wird, umso schwerer wird es für die Staatsanwaltschaft, Dieter Wedel verurteilen zu lassen."

3 bei 2 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

Gericht folgt den Anwälten der ZEIT

Richter Benjamin Korte folgte dieser Argumentation am vergangenen Freitag bei seiner Urteilsverkündung. Die ZEIT habe sich zwar "unstreitig zu einer Kostenübernahme verpflichtet" - aber ausschließlich, um "zivilrechtliche Forderungen" durch Wedel abzuwehren. Eine "darüber hinausgehende Verpflichtung" lasse sich nicht erkennen. Auch nicht aufgrund der Tatsache, dass die ZEIT Tempel gegenüber möglicherweise falsche Angaben zur Frage der Verjährung gemacht habe. Tempel habe damals schließlich einen eigenen Anwalt an ihrer Seite gehabt. Deshalb könne man davon ausgehen, dass dessen Beratung in dieser Frage "ausschlaggebend" für Tempel gewesen sei. Ein "etwaiges Beratungsverschulden" des Rechtsanwaltes müsse sich die ZEIT "nicht zuordnen" lassen.

Auf Anfrage von ZAPP weist Tempels damaliger Anwalt den Vorwurf einer Falschberatung zurück. Ihr heutiger Anwalt Stevens hat gegenüber ZAPP angekündigt, dass er Rechtsmittel gegen die Entscheidung einlegen werde.


11.03.2020 19:34 Uhr

Hinweis der Redaktion: In einer früheren Version haben wir Formulierungen verwendet, die den Sachverhalt juristisch nicht eindeutig wiedergaben. Dies haben wir jetzt geändert. 

 

Weitere Informationen

Chauvinismus: Erfahrungsberichte aus Redaktionen

Sexismus ist in Redaktionen scheinbar nicht besonders ausgeprägt - doch über ihre Erfahrungen reden will kaum eine Journalistin. Wir haben Volontäre des NDR gefragt. mehr

WDR nach #metoo: Schuld sind auch Strukturen

Der #MeToo-Prüfbericht von Monika Wulf-Mathies stellt dem WDR ein schlechtes Zeugnis aus. Aber er liefert der Führungsspitze auch Instrumente, um aus der Krise zu kommen. mehr

Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 05.06.2019 | 23:20 Uhr