Stand: 01.06.2018 19:22 Uhr

Fall Babtschenko: "Viele Fragezeichen"

von Annette Leiterer

Ein inszenierter Mord, um ein echtes Mord-Komplett aufzudecken: So lautet die Geschichte des ukrainischen Geheimdienstes SBU - und des Journalisten Arkadi Babtschenko, der am Dienstagabend für tot erklärt wurde - um am Mittwoch auf einer Pressekonferenz gemeinsam mit dem Geheimdienst wieder aufzutauchen. ZAPP Redaktionsleiterin Annette Leiterer hat mit dem freien Ukraine-Korrespondenten Denis Trubetskoy in Kiew über den vermeintlichen Mord gesprochen.

"Wie in einem Hollywood-FIlm"

Annette Leiterer: Die Öffentlichkeit wurde belogen, um Hintermänner eines Mordkomplotts aufzudecken. Inwiefern ist das gelungen?

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Der freie Kiew-Korrespondent Denis Trubetskoy während des Interviews mit ZAPP.

Denis Trubetzskoy: Ich habe sehr viele erstaunliche Dinge in der Ukraine erlebt: die Maidan-Revolution, die Kämpfe im Donbass, die Annexion der Krim. Aber was jetzt passiert ist, das erinnert an einen James-Bond-Film oder an einen Thriller aus Hollywood. Und der ukrainische Inlandsgeheimdienst SBU wird sich dafür noch erklären müssen. Ich habe keinen Zweifel, dass ein Anschlag auf Batschenko geplant gewesen sein könnte. Aber die Beweise dafür muss man noch auswerten. War die Mord-Inszenierung wirklich notwendig? Gerade in einer Zeit, in der viele Menschen nicht mehr an die Nachrichten und Medien glauben. Dieses Problem ist in der Ukraine, in Russland und im osteuropäischen Raum noch größer als in Deutschland, weil die Menschen es gar nicht gewohnt sind, glaubwürdige Nachrichten zu erhalten. Es gibt einfach wenige etablierte, glaubwürdige Medien.

Leiterer: Was ist bekannt darüber, woher der SBU, der ukrainische Inlandsgeheimdienst und Babtschenko überhaupt wussten, dass so ein Mord geplant gewesen sein soll?

Trubetzkoy: Es gibt einen Mittelsmann, der das ganze vor Ort organisiert haben soll. Das ist ein ukrainischer Staatsbürger, der laut Darstellung des ukrainischen Inlandsgeheimdienstes das Ganze im Auftrag des russischen Geheimdienstes abwickeln sollte. Dieser Mittelsmann soll einem Auftragskiller insgesamt 30.000 US-Dollar versprochen haben, die Hälfte soll bereits übergeben worden sein. Der Auftragskiller wiederum soll sich an den ukrainischen Geheimdienst gewandt haben. So hat es der Inlandsgeheimdienst nach eigener Auskunft erfahren.

Annette Leiterer: Es wurde auf der Pressekonferenz ein Bildbeweis vorgelegt: ein kurzes Video zu der Geldübergabe. Haben Sie dazu eine Einschätzung? Ich konnte kaum etwas erkennen.

Trubetzkoy: Ich auch nicht. Es gibt nicht viel zu erkennen auf dem Video, aber es sieht nicht nach einer großen Operation aus. Laut SBU sollte der Mord an Babtschenko für diesen Mittelsmann auch nur ein Probemord sein. Die SBU stellt es so dar, dass dieser Mann noch weitere 30 Morde in der Ukraine geplant haben soll. Babtschenko sollte der erste Versuch werden. Ob man diese Darstellung aufgrund dieses Videos tatsächlich glaubt, das ist aus meiner Position zweifelhaft.

Der russische Journalist Arkadi Babtschenko.

Babtschenko: "Eine große Sprachlosigkeit"

ZAPP -

Der russische Journalist Arkadi Babtschenko lebt. ZAPP hat mit dem freien Ukraine-Korrespondenten Deniz Trubetskoy in Kiew über den vermeintlichen Mord gesprochen.

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"Eine große Spachlosigkeit"

Was bedeutet es für Sie, wenn ein Journalist gemeinsam mit dem Geheimdienst so eine Inszenierung macht?

Das bedeutet für mich erstmal eine große Sprachlosigkeit. Wenn es notwendig war, dann kann ich es nachvollziehen. Dass Menschenleben und die Sicherheit des Journalisten Vorrang haben, ist selbstverständlich. Aber wenn Babtschenko davon wusste, dass dieser Angriff auch ohne diese Inszenierung zu verhindern gewesen wäre, dann gibt’s viele Fragenzeichen, viele kritische Fragezeichen meinerseits.Dann könnte ich diese Zusammenarbeit auch nicht nachvollziehe, aber das ist im Bereich der Spekulation.

Anette Leiterer: Sie kennen die journalistische Arbeit von Arkadi Babtschenko. Welche Bedeutung hat er in der Ukraine?

Trubetzkoy: Babtschenko hat Putin deutlich  kritisiert. Er hat auch das Armee-System in Russland sehr deutlich kritisiert. Dabei hat er selbst lange in der russischen Armee gedient. Mit dieser Erfahrung war er gerade in der Ukraine sehr glaubwürdig. Aber ich sah ihn in den letzten Jahren eigentlich eher als Blogger und Aktivisten,  als als Journalisten.  Weil er in seiner Arbeit und in seiner Kritik an der russischen Regierung eine gewisse Grenze des Journalismus ab und zu überschritten hat.

Wie viel echter Journalismus ist möglich in einem Land, das nicht vom Kriegszustand spricht, weil dieser nicht erklärt ist, sich aber in einer klaren militärischen Auseinandersetzung befindet?

Ich sehe schon, dass viele Kolleginnen sehr radikal waren und sehr radikale Positionen genommen haben, dass sie sich mittlerweile deutlich zurückhaltender als zuvor äußern. Das finde ich sehr positiv, weil es sich um einen sehr schwierigen Konflikt handelt, bei dem man jetzt nicht unbedingt immer an erster Stelle mit Schuldzuweisungen anfangen sollte. Die Frage ist aber berechtigt, der ukrainische Journalismus heute, Mitte 2018 ist in einer sehr schwierigen Situation. Es gibt mehr Meinungsfreiheit als in Russland, aber man muss gleichzeitig auch sagen, die meisten Medien werden natürlich von Oligarchen kontrolliert, die gewisse politische Interessen haben. Es gibt schon einige unabhängige Medien in der Ukraine, auch in Russland, aber das Problem ist, dass man bei diesne Medien nicht wirklich die Möglichkeit kriegt, anständige Honorare zu kriegen. Ddeswegen verlassen immer mehr talentierte Journalisten unseren Beruf.

 

Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 30.05.2018 | 23:20 Uhr