Stand: 27.02.2019 12:28 Uhr

Fake News: Brasilien im Griff von Falschnachrichten

von Matthias Ebert

Maria Clara Dias packt ihre Koffer, weil sie die Lügen im Netz nicht mehr aushält. Sie ist Professorin an der staatlichen Universität von Rio de Janeiro und hatte zuletzt eine Studie zu Morden an homosexuellen Frauen veröffentlicht. Im derzeitigen politischen Klima unter dem rechtsextremen Präsidenten Jair Bolsonaro offenbar riskant: Ein Blogger nahm Maria Clara Dias ins Visier und attackierte sie im Netz mit Lügen und Hetze. Sie hätte öffentliche Forschungsgelder missbraucht und die Studie gefälscht. Zwar konnte sie erfolgreich gegen diesen Rufmord klagen, aber seit der Kampagne des Bloggers erhält die Professorin konkrete Drohungen von homophoben Brasilianern, ganz nach dem Vorbild des ebenso homophoben Präsidenten Bolsonaro.

Jair Bolsonaro © NDR

Fake News: Brasilien im Griff von Falschnachrichten

ZAPP -

In Brasilien haben Fake News Konjunktur - und System: Eine Kampagne aus Lügen und Falschmeldungen via WhatsApp brachte dem Rechtsextremen Jair Bolsonaro das Amt des Präsidenten ein.

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Flut von Falschmeldungen

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Wurde im Netz mit Lügen und Hetze attackiert: Maria Clara Dias.

Maria Clara Dias Fall zeigt: Die Fake-News Welle, die Brasilien erfasst hat, betrifft die Menschen ganz konkret. Und sie hat System. Ihren Höhepunkt erlebte die Flut an Falschmeldungen während des Präsidentschaftswahlkampfes im vergangenen Jahr. Sie spülte den rechtsextremen Präsidenten Jair Bolsonaro in das höchste Amt des Staates. Er selbst hatte im Wahlkampf immer wieder Falschmeldungen verbreitet.

So behauptete Bolsonaro etwa, sein Widersacher Fernando Haddad wolle Kinder zur Homosexualität umerziehen. Diese absichtliche Lüge macht Fernando Haddad noch heute wütend. Der Unterlegene der Präsidentschafts-Stichwahl weiß, dass die millionenfach geklickten Fake News-Videos bei Facebook und WhatsApp entscheidenden Anteil an seiner Niederlage hatten. Absurdeste Falschmeldung: Haddad wolle Babyflaschen mit Penis-Nuckel einführen.

Brasilianische Gesellschaft anfällig für Fake News

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Spürt Falschmeldungen auf und korrigiert sie: Cristina Tardáguila von der Agentur Lupa.

Cristina Tardáguila von der Agentur Lupa hat solche und ähnliche Meldungen aufgespürt und korrigiert. Dennoch verbreiteten sich die Lügen massenhaft. Vor allem bei WhatsApp, weil dies "ein geschlossenes Netzwerk ist, in dem Nutzer die Quellen nicht zurück verfolgen können und Lügen schnell viral gehen", sagt Cristina Tardáguila.

Die meisten Fake-News entdeckten die Experten bei Themen wie der traditionellen Familie und Homosexualität. Diese Falschmeldungen wurden in der mehrheitlich konservativen brasilianischen Gesellschaft am häufigsten geteilt, sagt Fake-News Experte Eduardo Magrini vom Instituto Tecnologia e Sociedade. "In einem Land mit strukturellem Analphabetismus kann man Menschen viel einfacher mit Lügen überzeugen, als in einem Land, in dem ein kritisches Bewusstsein herrscht."

Morddrohungen gegen Homosexuelle

Wie massiv Fake News Brasilien verändern, zeigt das Beispiel von Maria Clara Dias. Die Professorin wird jetzt für mindestens ein Jahr in Madrid unterrichten, ihre Universität will sie aus der Schusslinie nehmen. Und auch der offen homosexuelle Abgeordnete Jean Wyllys hat Brasilien in Richtung Berlin verlassen - er hielt die Morddrohungen gegen seine Person nicht mehr aus. Auch er war zuvor Opfer massenhafter Falschmeldungen gewesen.

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ZAPP | 27.02.2019 | 23:20 Uhr