Stand: 18.03.2019 20:00 Uhr

Facebook lässt Fakten von dpa checken

von Daniel Bouhs und Nils Kinkel
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Die dpa in Berlin ist der 43. sogenannte Partner von Facebook im Kampf gegen Desinformation.

Eine neue Sicherheitszentrale in Dublin, mehr künstliche Intelligenz zur Erkennung von Fake-Accounts und mit der Deutschen Presseagentur (dpa) nun ein neuer Dienstleister für die Erkennung von Falschnachrichten in Europa: Facebook kämpft inzwischen massiv gegen Desinformation auf der eigenen Plattform an. Dass diese bei den US-Wahlen nicht hinreichend erkannt wurde, sei "ein Fehler gewesen", räumt Facebook-Managerin Tessa Lyons im Gespräch mit dem NDR ein und verspricht mit Blick auf die Europawahl: "Das wird uns nicht noch mal passieren."

In Deutschland hatte im Sommer 2017 das Recherchezentrum "Correctiv" damit begonnen, Falschnachrichten auf Facebook als solche zu markieren und ihnen eigene Recherchen entgegenzustellen. Die dpa ist der zweite Facebook-Dienstleister in Deutschland, weltweit einer von nun 43 sogenannten Partnern. "Für dpa ist das einerseits natürlich ein Geschäftsmodell, das wir betreiben und noch ausbauen wollen", sagt der Sprecher der Nachrichtenagentur, Jens Petersen, gegenüber dem NDR. Andererseits sehe sich dpa aber auch in der Verantwortung, die Verbreitung von Falschnachrichten "möglichst einzudämmen".

Facebook löscht Falschnachrichten nicht, sondern unterdrückt sie

Wie viel Facebook dpa und Co. bezahlt, bleibt geheim. Nach NDR Informationen plant dpa allerdings damit, dass sich zunächst drei Arbeitsplätze mit dem Projekt beschäftigen werden, wobei die Nachrichtenagentur Faktenchecks auch im "Ticker" als Nachrichtenmeldungen für Zeitungen, Sender und Nachrichtenportale verbreitet.

Agentursprecher Petersen betont, dpa sei in dem Projekt vollkommen frei: "Wir haben Zugriff auf einen Datenpool bei Facebook, in dem verdächtige Informationen landen. Das schauen wir uns an und können dann selbst entscheiden, welche Faktenchecks wir machen."

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Facebook setzt im Kampf gegen Desinformation auf eine Kombination mehrerer Strategien. Künstliche Intelligenz, also lernfähige Programme, identifizieren Profile, die nach Fakes aussehen. Binnen drei Monaten habe der Konzern so weltweit mehr als 750 Millionen Profile gelöscht, erklärt Facebook-Managerin Lyons. Was die Faktenchecker identifizieren, werde aber nicht von der Plattform genommen. Bei diesen Inhalten setze Facebook darauf, die Verbreitung spürbar einzuschränken.

"Wenn uns ein Faktenchecker sagt, dass ein Artikel eine Falschnachricht ist, dann wird er künftig bis zu 80 Prozent weniger oft angezeigt", sagt Lyons. "Stufen Faktenchecker mehrfach Artikel einer Seite als falsch ein, dann warten wir nicht darauf, dass ein neuer Artikel veröffentlicht wird, den sich wieder ein Faktenchecker ansehen müsste. Wir schränken dann die Verbreitung aller Inhalte dieser Seite ein."

WhatsApp ist bei Desinformation die Problemzone

Kopfzerbrechen bereitet in der Facebook-Zentrale unterdessen offenbar weiter der Kampf gegen Falschnachrichten auf WhatsApp, das ebenfalls zum Konzern gehört. "Dort brauchen wir andere Strategien", sagt Lyons. Sie erinnert daran, dass auf WhatsApp vor allem privat und das auch noch mit sogenannter Ende-zu-Ende-Verschlüsselung kommuniziert werde. "Wir können uns deshalb die eigentlichen Inhalte gar nicht ansehen." Eine wichtige Maßnahme sei jedoch, dass Nutzer weltweit seit Januar Nachrichten nur noch maximal fünf Mal weiterleiten könnten.

Bereits einige Tage vor Lyons' Besuch in Berlin hatte Facebooks Europa-Chef Martin Ott angekündigt, dass der Konzern zur Europawahl eine Sicherheitszentrale in Dublin einrichtet. Dort sollen Facebooks Sicherheitsexperten mögliche Desinformations-Kampagnen aus dem Ausland identifizieren, auch in Zusammenarbeit mit europäischen Sicherheitsbehörden wie dem deutschen Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik. Außerdem will Facebook Wahlwerbung zur Europawahl streng kontrollieren, so wie auch Google und Twitter.

Ein Terabyte Daten für die Falschnachrichten-Forschung

Auf dem Termin mit Ott kritisierten Wissenschaftler die Konzernvertreter dafür, dass die Forschung kaum Zugriff auf die Plattformen habe. So sei schwer nachvollziehbar, ob die Versprechen über den Kampf gegen Falschnachrichten wirklich umgesetzt würden. Facebook macht nun allerdings ein Angebot, berichtete Lyons: Der Konzern wolle ein Terabyte an anonymisierten Daten mit Wissenschaftlern teilen. Forscher sollten damit ihre eigenen Methoden für den Kampf gegen Desinformation testen können. Das Ziel sei, die effektivsten Maßnahmen zu finden - auch und gerade für Facebook.

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