Stand: 17.06.2020 15:17 Uhr

Extinction Rebellion: Medien als Gegner?

von Tim Kukral

"Herzlich willkommen zum Tagesgau. Wir haben heute eine Sondersendung für Sie, mit besonderer Überspitzung und einer Botschaft an alle deutschen Medienschaffenden" - mit diesen Worten eröffnen die Klimaaktivisten von Extinction Rebellion ihre Aktion vor dem Haupteingang des NDR, den sie kurz zuvor blockiert haben.

VIDEO: Extinction Rebellion: Medien als Gegner? (5 Min)

Darauf folgt: Eine Parodie auf die Tagesschau, bei der die Sprecher die Bedrohung durch die Klimakatastrophe so gut es geht ignorieren - während immer mehr Arten und schließlich die ganze Menschheit sterben.

Aktivisten schaffen es in die Tagesschau

Demonstrierende blockieren die Einfahrt des NDR. © NDR Foto: Werner Pfeifer
Protest und Tagesschau-Parodie vor dem NDR-Gelände.

Dabei ignoriert die echte Tagesschau weder die Klimakrise insgesamt noch die Aktivisten von Extinction Rebellion - im Gegenteil: Später sendet Deutschlands bedeutendste Nachrichtensendung Bilder von der Aktion in ihrer Hauptausgabe um 20 Uhr. "Wenn man Aktionen macht vor einem Fernsehsender und der Fernsehsender zeigt das am Abend in den Hauptnachrichten, würde ich sagen, ist das ein großer Erfolg", sagt der Protestforscher Simon Teune: "Das Konzept ist voll aufgegangen."

Hat sich die Tagesschau also instrumentalisieren lassen? Helge Fuhst, als Zweiter Chefredakteur von ARD aktuell für Tagesschau und Tagesthemen verantwortlich, weist das zurück: "Nein, überhaupt nicht. Wir berichten immer wieder über Demonstrationen. An dem Tag hat diese Gruppe in Berlin beispielsweise vor dem Bundeswirtschaftsministerium demonstriert, und in diesem Fall auch bei uns vor der Tür. Und wie bei anderen Demonstrationen berichten wir, wie hier, in einem ganz kurzen Ausschnitt, mit ein paar Bildern und einer Off-Stimme, die das kurz erklärt hat."

Öffentlich-Rechtliche sind nicht der Feind

Die Aktivisten hatten betont, dass es ihnen nicht um eine grundsätzliche Medienkritik à la Pegida gehe. Nils Hinrichs ist durch sein Leibchen als Teil des "Medien-Teams" von Extinction Rebellion zu erkennen, er sagt: "Wir sehen die öffentlich-rechtlichen Anstalten nicht als Feinde oder Gegner, wir sehen sie als unsere Verbündete und fordern sie auf, ihrem Auftrag adäquat nachzukommen."

Es ist sehr offensichtlich, dass Extinction Rebellion darauf abzielt, von Medien wahrgenommen zu werden. "Medienberichterstattung ist eigentlich immer ein Teil der Rechnung in Protestbewegungen", sagt Protestforscher Teune: "Ohne Medien kann man sein Thema nicht platzieren. Man braucht die Berichterstattung, um Aufmerksamkeit zu bekommen, und auch sozusagen die eigene Deutung zu verbreiten."

Aber die Journalisten der ARD als "Verbündete" der Aktivisten? Auch das möchte ARD-aktuell-Vize Fuhst nicht so stehen lassen: Verbündete der ARD seien die Beitragszahler insgesamt, Grundlage der Arbeit seien das Grundgesetz und der Rundfunkauftrag - aber sonst gebe es "niemals einzelne Gruppen, die für uns Verbündete wären".

Unklarer Medienbegriff - falsche Gegner?

Wenn die Aktivisten von Extinction Rebellion die Öffentlich-Rechtlichen aber als Verbündete sehen - warum blockieren sie dann den NDR? Und auch beim "Spiegel" gab es am Montag eine - deutliche kleinere - Aktion der Gruppe.

Protestforscher Teune kritisiert: Extinction Rebellion sei in seiner Ausrichtung sehr vage, suche sich für seine Aktionen teilweise die falschen Ziele: "Die Frage ist: Gelingt es einem, auch plausibel zu machen, dass jetzt ausgerechnet das Medium, vor dem man sitzt, das Problem ist? Das scheint mir beim Spiegel und bei der ARD nicht zwingend. Es gibt andere Medien, die zum Beispiel Klimaskeptikern den roten Teppich ausrollen. Eigentlich wäre es viel sinnvoller, da aufzutauchen." Die Frage ist nur, ob Extinction Rebellion es mit einer Aktion vor einem anderen Medienhaus auch in die Tagesschau geschafft hätte.

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Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 17.06.2020 | 23:20 Uhr

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