Stand: 16.09.2020 18:22 Uhr

Entkräftet: Verschwörungsberichte über Julian Assange

von Andrea Brack Peña, Elena Kuch, John Goetz

Seit April 2019 sitzt Julian Assange abgeschirmt von der Öffentlichkeit im Hochsicherheitsgefängnis Belmarsh nahe London. Die USA fordern seine Auslieferung, sie werfen ihm den Erhalt und die Weitergabe geheimer Informationen über seine Enthüllungsplattform Wikileaks vor. Im Prozess um seine Auslieferung geht es auch um die Frage, was Julian Assange eigentlich ist: ein Publizist  und Journalist? Oder ein krimineller Hacker und politischer Aktivist, der sogar eine Präsidentschaftswahl manipulierte?

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Gab es Wahlmanipulationen?

Vor vier Jahren, mitten im amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf, veröffentlichte Wikileaks tausende E-Mails der Demokratischen Partei mitten im Wahlkampf von Hillary Clinton - das so genannte DNC-Leak und Mails ihres Wahlkampfmanagers Podesta. Sie warfen kein gutes Bild auf die Präsidentschaftskandidatin und ihre Kampagne. So zeigten die Mails, wie das mächtige Nationale Komitee der Demokratischen Partei und ihr Team versuchten, mit unsauberen Mitteln den innerparteilichen Konkurrenten Bernie Sanders aus dem Rennen zu nehmen. Das kostete Sympathien.

Nicht wenige glauben, dass die Enthüllungen Donald Trump zum Wahlsieg verholfen haben, und wittern eine Verschwörung: zwischen Trump, dem russischen Geheimdienst und Julian Assange. "Die Medien und die politischen Kreise in Washington waren besessen davon, Beweise dafür zu finden, dass Wikileaks Hand in Hand mit der russischen Regierung zusammengearbeitet hat, um die Wahl zu manipulieren", sagt Glenn Greenwald, der zusammen mit dem Whistleblower Edward Snowden die NSA-Akten veröffentlicht hat.  Beweise dafür gibt es bis heute keine, aber das hat viele Journalisten offenbar nur umso mehr angespornt.

Der ehemalige FBI-Direktor Robert Mueller wird als Sonderermittler eingesetzt, um Beweise für eine Einflussnahme Russlands auf die Wahl zu finden. In seinem Report sieht er Hinweise darauf, dass russische Hacker die Mails der Demokraten erbeutet haben könnten. Zwölf russische Geheimagenten sind mittlerweile in den USA angeklagt.

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Julian Assange © picture alliance / AP Photo Foto: Frank Augstein

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Julian Assange hat sich nie dazu geäußert, ob er wusste woher das Leak kam. Denn das Prinzip von Wikileaks ist, Quellen maximal zu schützen. Belege für eine Verschwörung gibt es nicht. Dennoch prägt der Vorwurf die Berichterstattung über ihn. 

Verschwörer - oder ein Fan?

Letztes Jahr veröffentlicht der US-Sender CNN Bilder von Überwachungskameras aus der ecuadorianischen Botschaft, in der Assange sieben Jahre bis zu seiner Festnahme lebte. Zusammen mit internen Protokollen sollen sie belegen "wie Assange die Botschaft zu einer Kommandozentrale für Wahlmanipulation machte". Die Aufnahmen aus dem Juli 2016 zeigen unter anderem einen Mann mit Maske und Sonnenbrille. Er bringt ein Paket in die Botschaft, es ist für Julian Assange. Sein Besuch, laut CNN, vor allem deshalb brisant, weil er an jenem Tag stattfand, an dem Wikileaks bestätigt haben soll - das "Archiv" mit dem DNC Leak erhalten zu haben.

Der Maskierte - ein Verschwörer? Wohl eher nicht. Interne Dokumente und Video-Aufnahmen von der Sicherheitsfirma, die Teil eines Gerichtsprozesses in Spanien sind und dem NDR vorliegen, zeigen - der Maskierte war offenbar ein Fan von Assange. Das Paket: ausweislich der Aufzeichnungen eine Sammlung von Bildern, gedacht als Geschenk. Ein Mitarbeiter der Sicherheitsfirma schreibt über die Begegnung mit dem Maskierten: "Rückgabe von Zeichnungen an Avantgarde Künstler. Das Team des Gastes hat den Kontakt zu der Person verweigert …" Der "Gast" - so wurde Assange in den Geheimakten der Botschaft genannt.

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Wikileaks-Gründer Julian Assange sitzt in einem Polizeiauto und schaut aus dem Seitenfenster. © dpa picture alliance/ZUMA Press Foto: Rob Pinney

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"Ich erinnere mich an einen Mann, der sich erhoffte, reingelassen zu werden, ein Künstler, der dann enttäuscht war, dass seine Bilder nicht gewürdigt wurden", bestätigt der Sicherheitsmitarbeiter im Interview mit ZAPP. Solche Begegnungen seien nicht selten gewesen, Assange habe oft Geschenke erhalten, verdächtig erschien der Mann nicht. "Für mich hatte dieser Auftritt etwas Naives, vor allem, wenn man bedenkt, dass das Gebäude überall überwacht wird. Er hatte keine Ahnung von den Sicherheitsvorkehrungen und unseren Regeln."

"Unverantwortliche Berichterstattung"

Wir kontaktieren einen der Autoren des CNN-Berichts. Er könne nicht belegen, dass der Maskierte ein Verschwörer sei, sagt er. Für den Bericht hätten sie sich viele Dokumente angeschaut. Auf dieser Grundlage hätten sie ihre Schlussfolgerungen gezogen. CNN beantwortet einen umfangreichen Fragenkatalog dazu nicht.

Glenn Greenwald findet diese Art der Berichterstattung unverantwortlich: "Die Idee von Journalismus ist, dass er Dinge berichtet, die klar belegt sind. Dass er nicht spekuliert oder dramatisiert. Keine der Fakten deuten darauf hin, dass es sich hier um eine geheime russische Operation handelt mit dem Ziel, Material an Wikileaks zu liefern."

Es ist nicht der einzige Bericht, der trotz schwacher Beleglage den Eindruck der Russland-Connection von Assange verstärkt. Die britische Zeitung "The Guardian" enthüllt im November 2018: Paul Manafort, Trumps ehemaliger Wahlkampf-Manager, soll mehrfach die Botschaft und Assange besucht haben, auch mitten im Wahlkampf 2016.

Der Journalist Glenn Greenwald in Brasilien. © NDR/ARD
Findet diese Art der Berichterstattung von CNN und "Guardian" unverantwortlich: Glenn Greenwald.

Detailliert schildert der "Guardian": "Der Besuch von Manafort dauert 40 Minuten, er trägt eine beige Hose und ein helles Hemd". Die Informationen sollen von anonymen Quellen kommen sowie aus einem Dokument des ecuadorianischen Geheimdienstes hervor gehen, das die Journalisten des "Guardian" gesehen haben sollen. Die Story des "Guardian" geht um die Welt. Ist hier der Beweis für eine Wahlbeeinflussung seitens Trumps - mit Hilfe von Wikileaks?

Kein Besuch in der Botschaft belegt

Auch hier widerspricht Greenwald, der Assange selbst in der Botschaft besuchte: "Die Idee, dass Paul Manafort mehrfach heimlich Assange in der Botschaft besuchte, ist absurd! Es war einer der bestbewachten Orte der Welt. Wo ist der Beleg? Wo sind die Fotos, wo sein Eintrag ins Gästebuch?" Auch der Mueller-Report, der sich mit der Rolle Manaforts im US-Wahlkampf beschäftigt, erwähnt nichts über einen Besuch in der Botschaft.

Dem NDR liegen E-Mails und Chatverläufe zwischen der Sicherheitsfirma, die Assange und die Botschaft über Jahre überwacht hat - und Journalisten des "Guardian" vor. Gemeinsam haben sie ihre Datenbank nach Einträgen zu Manafort durchsucht - ohne Treffer. Vier Tage vor Veröffentlichung fragen die Journalisten noch einmal nach: War Manafort in der Botschaft? Die Mitarbeiter der Sicherheitsfirma suchen erneut - sie finden nichts. Den Aussagen ehemaliger Botschaftsmitarbeiter und der Sicherheitsfirma zufolge, soll jeder Besucher vorher angemeldet worden sein und musste beim Eintritt seinen Pass abgeben. Ausnahmen soll es nicht gegeben haben.

 Berichte von CNN und "Guardian" offenbar falsch

"Wenn man jetzt in der Kommunikation des "Guardian" sieht, dass es keinerlei Belege für einen Besuch Manaforts gab. Dann fragt man sich schon: haben sie einfach nur einen fürchterlichen Fehler gemacht und weigern sich jetzt, dafür geradezustehen, oder ist das eine Form journalistischen Betrugs?", fragt sich Glenn Greenwald.

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Der "Guardian" antwortet auf unsere Anfrage: "Paul Manafort und Julian Assange wurden vor der Veröffentlichung mit den Anschuldigungen konfrontiert. Sie äußerten sich dazu nicht. Ihre späteren Dementi haben wir in die Berichterstattung eingefügt." Die eigene Arbeitsweise und den Umgang mit Quellen kommentiere man grundsätzlich nicht. Bis heute ist der Artikel online.

Dass die Berichte von CNN und "Guardian" offenbar falsch sind bedeutet zwar nicht, dass es KEINE Verschwörung gab. Doch mit ihren vermeintlichen Belegen spielen CNN und "Guardian" den USA jetzt im Auslieferungsprozess um Julian Assange in die Karten.

Ein New Yorker Gericht hat im vergangenen Jahr eine Klage wegen Verschwörung gegen unter anderem Wikileaks abgewiesen, weil aus Sicht des Richter die Veröffentlichung unter den Schutz der Pressefreiheit fielen.

Die Staatsanwaltschaft listet die Berichte in ihrer Argumentation im Auslieferungsverfahren auf und etabliert damit das Bild von Assange als politischen Verschwörer, nicht als Publizist und Journalist, der Schutz genießt. Auch mit Hilfe von Falschberichten geht die amerikanische Justiz damit gegen ihren Staatsfeind Julian Assange und die Pressefreiheit vor. Den Preis zahlen am Ende wir alle.

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Finger zeigen auf die Internet-Seite von Wikileaks. © dpa Foto: Martin Gerten

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ZAPP | 16.09.2020 | 23:20 Uhr