Stand: 23.09.2020 16:25 Uhr

Einzigartig: digitale Zukunft für analoge Pressefotos

von Lea Eichhorn

Willy Brandt trifft Beate Uhse im Flensburger Europa Hotel, der junge Wladimir Klitschko am Beginn seiner Boxkarriere, Helmut Kohl auf Wahlkampfreise: Momente, die der Flensburger Fotojournalist Dirk Hentschel festgehalten hat. Seit seinem Tod schlummert sein Lebenswerk im Keller seiner Witwe, insgesamt rund 250.000 Fotonegative. Außer seiner Familie bekommt die Fotos zurzeit kaum jemand zu sehen.

VIDEO: Einzigartig: digitale Zukunft für analoge Pressefotos (6 Min)

"Einzigartiger Bestand"

Bibliothekar Martin Hermann will das ändern. Er ist aus München angereist, um diese besonderen Zeitdokumente zu sichern. "Das ist ein einzigartiger Bestand, den haben wir so nicht nochmal. Es gab nicht irgendwie 30 Fotografen von der Deutschen Presse-Agentur, die dahin gefahren sind und die alle die gleichen Bilder gemacht haben." Hermann möchte diesen Schatz in das Fotoarchiv der bayerischen Staatsbibliothek in München übernehmen.

Aus anlogen Fotos entsteht ein neues digitales Bildarchiv. © NDR
250.000 Negative hat Dirk Hentschel hinterlassen.

Besonders gefragt sind immer noch Dirk Hentschels Fotos von Beate Uhse. Beide kommen aus dem Raum Flensburg, Hentschel wurde zum "persönlichen Chronisten" der Erotikunternehmerin, begleitete sie auch im Privaten. "Da rief Sie abends um Viertel nach zehn bei uns an und erzählte uns, dass sie sich von ihrem Mann trennt. Ob man davon nicht Fotos machen könnte", erinnert sich Marlies Hentschel. Dirk Hentschel fuhr hin und fotografierte. Seine Fotos landeten oft in der MoPo, im STERN, in der Lokalpresse.

Er schaffte es, nah an seine Motive heranzukommen, auch an Bundeskanzler. Einmal folgte Hentschel dem Ehepaar Schmidt nach einem öffentlichen Termin über die dänische Grenze. Der Bundeskanzler und seine Frau besuchten den Schriftsteller Siegfried Lenz in seinem Haus auf der Insel Alsen. Für Dirk Hentschels Kamera posierten alle vor der Haustür. Die anwesenden Sicherheitsleute kannten den Lokalreporter Hentschel, sagt seine Witwe. "Die wussten: Der macht keinen Mist."

Aus anlogen Fotos entsteht ein neues digitales Bildarchiv. © NDR
Historische Momente: die Ehepaare Lenz und Schmidt.

Fotoarchiv des "Stern" als Grundlage

Aus anlogen Fotos entsteht ein neues digitales Bildarchiv. © NDR
Privater Moment: Willy Brandt rasiert sich im Hotel.

In der Bayerischen Staatsbibliothek bekommt Hentschels Lebenswerk nun eine neue Heimat. Dort entsteht eines der größten Pressefotoarchive Europas. Das Herzstück: Das 15 Millionen Negative umfassende Fotoarchiv des "Stern". Der Verlag Gruner und Jahr hat es der Staatsbibliothek geschenkt. Darin finden sich etwa Fotos von Willy Brandt beim Rasieren, festgehalten von Fotograf Jay Ullal. Private Momente wie diese erweitern den Blick auf den Politiker. "Man denkt ja, dass es so was früher überhaupt nicht gegeben hat, diese intimen Einblicke in das Leben von Politikern, wenn sie nicht vor der Kamera stehen", erzählt Bibliothekar Hermann. "Wir kennen eigentlich nur die Momente, die dann auch dokumentiert sind durch Fernsehen oder Zeitung." Andere Aufnahmen zeigen Rudi Dutschke im Italienurlaub. Er erholte sich dort nach dem Attentat auf ihn.

20 bis 30 Fotografen arbeiteten festangestellt für den "Stern". Sie waren Fotojournalisten, schrieben die Reportagen zu ihren Bildern oft selbst. Ihre Arbeiten füllen über 2800 Ordner im Lager der Staatsbibliothek. Sie dokumentieren Ereignisse von weltweiter Bedeutung, wie die Studentenproteste in Prag im November 1989. Kurz darauf stürzte das sozialistische Regime. STERN-Fotograf Mihaly Moldvay lieferte Bilder in einer Zeit, in der es neben Pressefotografen nur wenige andere Quellen gab. Die Fotografie verlieh der journalistischen Berichterstattung mehr Glaubwürdigkeit. Die analogen Fotos waren noch sicherer vor Manipulation als es digitale Fotos heute sind, Ursprung blieb immer das unveränderliche Negativ.

Mammutprojekt mit Millionenetat

Aus anlogen Fotos entsteht ein neues digitales Bildarchiv. © NDR
Hier entsteht eines der größten Bildarchive Europas: die bayerische Staatsbibliothek.

Die bayerische Staatsbibliothek will das komplette Fotoarchiv der Öffentlichkeit in digitaler Form zur Verfügung stellen. Ein Mammutprojekt, das mehrere Millionen Euro kostet und Jahre dauern wird. Generaldirektor Klaus Ceynowa hält den Aufwand dennoch für gerechtfertigt. Das Archiv sei die bedeutendste Fotodokumentation der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts. "Wir glauben, dass die zukünftige Forschung sich sehr, sehr stark auch auf visuelle Dokumente stürzen wird. Und ich kann es ihnen auch ganz konkret sagen, wenn die Mitarbeiter ins Archiv gehen, um irgendetwas Konkretes zu suchen: Sie kommen stets mit drei Stunden Verspätung wieder, weil sie sich ja gar nicht mehr lösen konnten von dem, was dort zu sehen ist."

Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 23.09.2020 | 23:20 Uhr

JETZT IM NDR FERNSEHEN

DAS! 05:15 bis 06:00 Uhr