Stand: 06.06.2018 17:37 Uhr

Ein Bürgermeister entzieht sich der Presse

von Aimen Abdulaziz & Timo Robben

Burladingen ist eine beschauliche Kleinstadt auf der schwäbischen Alb mit rund 12.000 Einwohnern. Bundesweit bekannt ist Burladingen durch den großen Bekleidungshersteller Trigema - und durch Bürgermeister Harry Ebert: Der AfD-Mann macht nicht nur durch seine Parteizugehörigkeit auf sich aufmerksam, sondern auch durch seinen Umgang mit den Medien.

In Burladingen auf der Schwäbischen Alb redet der Bürgermeister nicht mehr mit den Medien. © NDR

Ein Bürgermeister entzieht sich der Presse

ZAPP -

In der Kleinstadt Burladingen auf der schwäbischen Alb redet Bürgermeister Harry Ebert von der AfD nicht mehr mit den Medien. Wie geht die lokale Presse damit um?

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Erika Rapthel-Kieser ist Lokaljournalistin für den "Schwarzwälder Boten" in Burladingen. Die 55-Jährige bekommt schon lange keine Auskunft mehr von Ebert. Mehr noch: Ende letzten Jahres erteilte der Bürgermeister aufgrund ihrer Berichterstattung allen Vertretern des "Schwarzwälder Boten" Hausverbot für sämtliche städtischen Gebäude. "Ich denke, der Bürgermeister hat sich durch meine Berichterstattung persönlich angegriffen gefühlt, durch wenig schmeichelhafte Berichte. Er hat auch Kommentare oder Glossen einfach persönlich genommen und hat dann dieses Hausverbot ausgesprochen", berichtet Rapthel-Kieser.

Kritische Berichterstattung als Auslöser

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Hausverbot: Erika Rapthel-Kieser.

Stein des Anstoßes: Vor zwei Jahren schreibt sie einen Artikel über die Facebookposts des Bürgermeisters. "Das waren zum Teil fremdenfeindliche Äußerungen, AfD-Links, 'Merkel muss weg', solche Schlagwörter. Dann gab es bei uns in der Redaktion die Diskussion, ob wir das thematisieren." Vor dem Hintergrund, dass sich der Burladinger Mäzen Wolfgang Grupp - Geschäftsführer von Trigema - kurz zuvor zu den Grünen bekannt hatte, machte die Zeitung die Facebookposts zum Thema. Daraufhin habe Rapthel-Kieser eine ärgerliche E-Mail vom Bürgermeister erhalten. "Und seitdem bekomme ich keine Auskünfte mehr", so die Journalistin.

Hans-Peter Schreijäg, Chefredakteur des "Schwarzwälder Boten", steht zu der Entscheidung, über die Facebookposts berichtet zu haben. "Es waren Beiträge, die aus meiner Sicht eindeutig auch an die Öffentlichkeit gerichteten Charakter hatten. Ich denke, wir sind dort unserer Informationspflicht schlicht und einfach nachgekommen", so Schreijäg. Ebert - ursprünglich als parteiloser Bürgermeister gewählt - ist erst während der Legislaturperiode der AfD beigetreten. "Da war es im Nachhinein erst recht die richtige Entscheidung, dass wir berichtet haben."

Gestörte Verhältnisse

Der Journalist Matthias Badura kriegt schon seit Jahren keine Antwort mehr auf seine Anfragen an das Burladinger Rathaus. Zu dem Verhältnis zwischen den Medien und dem Bürgermeister findet er klare Worte: "Gestört - schon lange gestört - und zwar mit ziemlich allen Journalisten schon lang", so Badura. Der Lokaljournalist arbeitet für die "Hohenzollerische Zeitung". Auch er geht davon aus, dass der Bürgermeister die Berichterstattung persönlich nehme: "Wer es sich mit ihm verdirbt, der hat sich's schnell verdorben und zwar für alle Zeiten."

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"Sinnlos": Matthias Badura über Kontaktversuche mit dem Rathaus.

Als ein Streit mit einem Investor um ein Ärztehaus in Burladingen entbrennt, erklärt Ebert sich in einem Interview. Das Problem: Dieses Interview schickt er vorgefertigt an die Redaktionen - die Fragen stellen also keine kritischen Journalisten. Die Hohenzollerische Zeitung druckt dieses Interview. Zwar wird es in einem kurzen Text vorweg in den entsprechenden Kontext gesetzt. Trotzdem gerät die Redaktion dafür in die Kritik. "Wie reagiert man? Anrufen im Rathaus? Sinnlos!", so Badura, "und das wollten wir dem Leser auch nicht vorenthalten. Also haben wir beschlossen, dass man das abdruckt und die Leser klar darauf aufmerksam macht."

Wenn der Bürgermeister im Amtsblatt austeilt

Überhaupt ist der Bürgermeister kreativ, wenn es darum geht, die Medien zu meiden. So nutzt er auch das offizielle Amtsblatt der Stadt Burladingen, um seine Meinung kund zu tun. In redaktionell anmutenden Artikeln heißt es so, die Berichterstattung des Schwarzwälder Boten sei "glatt gelogen". Seit dem die Zeitung juristisch gegen diesen Vorwurf vorgeht, ist diese spezielle Seite des Amtsblatts aus dem Online-Angebot verschwunden.

Erika Rapthel-Kieser selbst wurde in einer Gemeinderatssitzung von Ebert als "unqualifizierte Hilfskraft" beschimpft. Die Journalistin lässt sich jedoch bei ihrer Arbeit nicht beirren. "Wir wollen die Themen von allen Seiten beleuchten. Und wenn eine Seite sich dieser Diskussion entzieht oder gar nichts sagt oder keine Stellung nimmt - schwierig. Da geht es um ganz klar um unsere Leser. Da geht es nicht um mich und auch nicht um Ebert", so Rapthel-Kieser. Der Bürgermeister selbst war übrigens trotz mehrfacher Anfrage zu keinem Interview mit ZAPP bereit.

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